Touristik: Getyourguide-Chef dämpft die Hoffnung auf einen Börsengang
Getyourguide-Gründer Johannes Reck: Mit weltweit 100.000 angebotenen Urlaubsevents in die schwarzen Zahlen.
Foto: GetyourguideDüsseldorf, Frankfurt. Getyourguide schiebt seinen für 2024 erwarteten Börsengang auf die lange Bank: „Aktuell ist der Markt für einen Börsengang nicht geeignet“, sagte Firmenmitgründer und CEO Johannes Reck dem Handelsblatt. Als privates Unternehmen habe man deutlich mehr Freiheitsgrade und bessere Wachstumsmöglichkeiten. Auch die investierten Gesellschafter der mit zwei Milliarden Euro bewerteten Tourismusplattform sähen das so.
Börsenexperten hatten zuletzt damit gerechnet, dass Getyourguide Ende des kommenden Jahres aufs Parkett drängen würde. Reck befeuerte solche Spekulationen seit Jahren immer wieder selbst, „Ein IPO ist definitiv der wahrscheinlichste Weg für uns“, hatte er etwa kurz vor Ausbruch der Coronakrise in einem Interview verkündet.
Seither hat sich die Firmenlage sogar erheblich verbessert. Aktuell liege der Umsatz dreieinhalb Mal so hoch wie unmittelbar vor der Pandemie, sagte Reck dem Handelsblatt. 2019 hatte das Unternehmen Provisionserlöse in Höhe von 165,3 Millionen Euro und einen zusätzlichen Handelsumsatz von 73,6 Millionen gemeldet. Seit Juni 2023 schreibt das Unternehmen nach Recks Aussage erstmals kontinuierlich schwarze Zahlen.
Getyourguide bietet rund 100.000 Aktivitäten an von weltweit 20.000 Event-Produzenten, darunter Besuche im Rennstall von McLaren, Fallschirmspringen über Dubai oder Klettertouren auf der O2-Arena in London. Und falls die Aussagen zum Geschäft stimmen, hängt das Start-up seine ärgsten Verfolger ab. Wettbewerber Tripadvisor verbuchte in den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahrs einen Nettoverlust von 22 Millionen Dollar, die Tui-Tochter Musement kam in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahrs nicht über einen Betriebsverlust von 13 Millionen Euro hinaus.
Der 2008 an der Züricher Universität ETH gegründete Vermittler von Urlaubsevents und Eintrittskarten, der 2011 aufgrund geringerer Personalkosten nach Berlin umzog, hält sich laut Reck zwar für börsenfähig. Doch gelistete Internet-Plattformen wie Delivery Hero oder Hello Fresh, das weiß auch der Getyourguide-Chef, hatten auf dem Parkett zwei schlechte Jahre. Seit November 2021 verloren beide mehr als drei Viertel ihres Aktienwerts.
Und mehr noch: Investoren haben mit Börsengängen von Technologiewerten zuletzt Geld verloren. Die größten Hoffnungen des Jahres – der Chipdesigner Arm, das Marketingunternehmen Klaviyo und der Lebensmittellieferdienst Instacart – notieren alle unter ihrem Ausgabepreis.
Anleger begegnen Neuemittenten daher derzeit mit Skepsis, sind nur zu hohen Abschlägen bereit, Papiere von Börsenneulingen zu zeichnen, besonders wenn diese zwar hohe Wachstumsraten, aber noch wenig Gewinn ausweisen.
Die Bewertungen aus Finanzierungsrunden durch Risikokapitalgeber der Boomjahre 2020/21 sind momentan ohnehin in weite Ferne gerückt. In diesem Umfeld empfehle es sich gerade für Technologiefirmen, mit IPOs zu warten. Auch bei anderen Start-ups aus Deutschland wie Flix oder Celonis sei der angepeilte Börsengang in den nächsten Monaten eher nicht zu erwarten, wie Kapitalmarktbanker sagten.
Statt auf weiteres Geld von Investoren zu schielen, um wachstumsbedingte Löcher in der Bilanz zu stopfen, arbeitet Reck bei Getyourguide nun lieber an der Kostenbasis. Während des Beinahe-Stillstands in der Coronapandemie strich er 300 der 800 Jobs im Unternehmen, um die Stellen danach trotz des rasanten Umsatzwachstums nur behutsam wieder auszubauen.
KI spart Kosten und erweitert das Angebot
Auch mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) drückt er die Kosten. Reisten früher Fotografen für Urlaubsbilder um die Welt, überlässt Getyourguide die Illustration seit Kurzem der KI. Als Vorlage nutzt er Fotos von Kunden, die der Computer nur noch überarbeitet.
Rund 100 Texter und Übersetzer hat das Unternehmen zudem eingespart. Auch ihren Job übernimmt die KI, die ebenso für die gezielte Ansprache der App-Nutzer sorgt. „Wer sich in der Vergangenheit als Sportfan zeigte“, sagt Reck, „erhält beispielsweise auf seiner Reise nach Miami eine Pushmeldung zum nahegelegenen Footballspiel, Eltern mit Kindern dagegen einen Hinweis etwa auf das Frost Science Planetarium.“
Künftig soll die KI darüber hinaus dafür sorgen, dass sich die Ticketpreise der aktuellen Nachfrage anpassen. „Bei den meisten Angeboten sind sie in der Haupt- und Nebensaison identisch“, beobachtet Reck. Das ließe sich mit der Technologie leicht ändern.
Das Geschäftsmodell ist nach wie vor vergleichsweise simpel. Die Plattform präsentiert Events und Urlaubserlebnisse auf ihrer App und Internetseite, um die passenden Tickets an Touristen zu verkaufen.
Urlauber in Rom: Einige Anbieter sind mit Getyourguide kräftig gewachsen.
Foto: GetYourGuideGetyourguide kassiert dazu Gebühren in der Währung der Kunden und leitet die Gelder in der entsprechenden Fremdwährung an die meist kleinen Veranstalter weiter, behält im Gegenzug jedoch eine Provision ein. Eine konkrete Höhe nennt das Unternehmen nicht. Booking, Expedia oder HRS verlangen üblicherweise zwischen 15 und 25 Prozent vom Umsatz.
In wenigen Fällen verlangen die Veranstalter zudem, dass Getyourguide als Händler selbst ein Ticketkontingent übernimmt und auf eigene Rechnung verkauft, wozu das Start-up in Berlin 2019 eine getrennte Firma gegründet hat. „Weil diese Art von Vertrieb ein höheres Risiko darstellt, versuchen wir hier, das Volumen niedrig zu halten“, beteuert Reck.
Softbank hat sich zuletzt nicht mehr beteiligt
Über 17 Vertriebsbüros, darunter in Tokio, Barcelona, Paris und London, hält Getyourguide weltweit Kontakt zu Stadionveranstaltern, Museen oder Kochkurs-Anbietern. Doch während Recks Team früher ausschwärmen musste, um genügend Veranstalter für die Seite zu akquirieren, melden sich heute viele Anbieter von sich aus bei der Plattform.
Manche sind mit dem Start-up kräftig gewachsen. „Wir haben unter anderem die Games-of-Thrones-Führungen im kroatischen Dubrovnik groß gemacht“, berichtet der Berliner Firmenchef. Ein Anbieter von Wüstensafaris in Dubai startete auf der Seite einst mit einem Pkw. Heute betreibe er in den Emiraten eine Flotte von 150 Mercedes-Vans, erzählt Reck.
„Der gesamte Markt ist 300 Milliarden Dollar schwer, wovon nicht einmal ein Fünftel digitalisiert ist“, sagt der 38-jährige gebürtige Düsseldorfer. „Hier gibt es noch ein riesiges Aufholpotenzial.“
Neben der angepeilten Eigenfinanzierung sind es wohl auch die jüngsten Kapitalspritzen von Investorenseite, die den IPO für Getyourguide weniger dringend erscheinen lassen. So sammelte das Start-up im Juni 85 Millionen Euro in Form von Eigenkapital ein. Geldgeber waren neben der Hongkonger Blue Pool Capital die Bestandsinvestoren KKR und Temasek aus Singapur. Hinzu kam eine Kreditlinie in Höhe von 109 Millionen Euro von den Banken BNP Paribas, Citibank und KfW.
Größter Gesellschafter nach den Gründern bleib jedoch mit etwas unter 15 Prozent der japanische Technologieinvestor Softbank. Er hatte sich allerdings wegen Schwierigkeiten bei anderen Beteiligungen – darunter der inzwischen insolvente Bürovermieter Wework – nicht an der jüngsten Finanzierungsrunde beteiligt.