1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. Industrie
  4. Mercedes will Vertrag von Entwicklungschef Markus Schäfer verlängern

AutoindustrieMercedes will Vertrag von Entwicklungschef verlängern

Der Technikvorstand von Mercedes soll bis mindestens Mitte 2026 bleiben. Nicht alle finden das gut. Doch eine echte Alternative zu Schäfer gibt es intern nicht.Franz Hubik und Lazar Backovic 28.06.2023 - 12:55 Uhr Artikel anhören

Schäfer trat 1990 in die Nachwuchsgruppe des Unternehmens ein

Foto: Mercedes-Benz AG

Wien, Düsseldorf. Markus Schäfer darf auf eine zweite Amtszeit als Chefentwickler bei Mercedes-Benz hoffen. Der im Mai 2024 auslaufende Vertrag des Diplom-Ingenieurs dürfte spätestens im Herbst um zunächst zwei Jahre verlängert werden, erfuhr das Handelsblatt aus Konzernkreisen. Schäfer mache in Summe einen guten Job und solle diesen fortsetzen, heißt es aus dem Umfeld des Aufsichtsrats. Mercedes wollte sich dazu nicht äußern.   

Die Personalie polarisiert. Der Technikvorstand ist zwar in seinem eigenen Bereich anerkannt und durchaus beliebt. Im Vertriebs- und Finanzressort reagieren dagegen einige Manager mitunter schon allergisch, wenn sie nur Schäfers Namen hören. Sie werfen ihm mangelnde Innovationskraft, lahmende Elektroverkäufe und ausufernde Kosten vor. Hinzu käme ein Hang zur Überheblichkeit.

So soll Schäfer zuletzt beispielsweise in mehreren Runden erklärt haben, dass Mercedes technologisch „besser“ unterwegs sei als der amerikanische Elektroautopionier Tesla. Ein Anfall von Hochmut, meinen seine Kritiker. Wohlgesinnte sprechen dagegen von einer korrekten Einordnung, etwa mit Blick auf hochautomatisierte Fahrsysteme, für die Mercedes im Gegensatz zu Tesla eine Straßenzulassung besitzt.

Kein ernsthafte Alternative

Auch Mercedes-Chef Ola Källenius und Oberkontrolleur Bernd Pischetsrieder haben offenbar wenig Zweifel an Schäfer. Das liegt auch daran, dass sich intern kein Alternativkandidat aufdrängt. Und selbst falls es extern jemanden geben sollte – er oder sie bräuchte Zeit, um sich einzuarbeiten, heißt es in Konzernkreisen. Zeit, die man mitten in der größten Transformation der Autoindustrie seit mehr als hundert Jahren einfach nicht habe.

Vieles von der Kritik an Schäfer sei zudem „systemimmanent“, sagt ein Insider. Als Entwicklungschef könne man es nie allen recht machen. Der Vertriebs- und Finanzapparat denke viel kurzfristiger. Die Zyklen in der Entwicklung seien dagegen sehr lang. Hier könne niemand Unfehlbarkeit erwarten. Für Schäfer spricht zudem: Er brennt für Mercedes, gilt als gut organisiert und führt angestoßene Prozesse meist konsequent zu Ende.

Der 58-Jährige ist ein Eigengewächs der Marke mit dem Stern. Schäfer trat 1990 in die Nachwuchsgruppe des Unternehmens ein und arbeitete sich über die Jahre nach oben. Er war Werksleiter in Ägypten, leitete das US-Geschäft und wurde 2014 zum Bereichsvorstand für Produktion ernannt.

In dieser Funktion entmachtete er nahezu geräuschlos die Werksleiter und etablierte architekturbasierte Fertigungsverbünde, um flexibler produzieren zu können. Das kam bei den Mächtigen im Konzern gut an, Schäfer wurde befördert und verantwortet seit 2019 die Entwicklung und den Einkauf bei Mercedes. Es ist das wichtigste Ressort im Konzern.

Schäfer liebt kurze Wege und flache Hierarchien. Als Technikvorstand beorderte er kurzerhand alle Topentwickler in der weitverzweigten Forschungszentrale in Sindelfingen zu sich ins Großraumbüro. Ein Kulturschock. Seither wird auf Zuruf gearbeitet. Zu tun gibt es genug. Schäfer muss das Modellportfolio der Marke brachial auf Luxus trimmen.

Widersacher geht zu Porsche

Kleine, kaum rentable Baureihen wie A-Klasse und B-Klasse werden perspektivisch eingestellt. Das Geschäft mit lukrativen Submarken wie AMG und Maybach wird dagegen kräftig ausgebaut. Schäfer ist zudem für die Umsetzung der „Electric only“-Strategie verantwortlich. Bis 2030 will Mercedes möglichst nur noch vollelektrische Fahrzeuge verkaufen. Die einst fast zehn Architekturen werden dafür im Kern auf drei Plattformen komprimiert.

Der Abschied vom Verbrenner fällt den Schwaben jedoch schwer. Der EQC, das erste Strom-SUV der Firma, ist ein Flop. Und gerade in China, dem wichtigsten Automarkt der Welt, kann Mercedes auch mit seinen anderen Elektroautos bisher kaum reüssieren. Die Folge: Reine Stromer machen gerade einmal ein Zehntel des Gesamtabsatzes von Mercedes aus. Diesel und Benziner sind weiter dominant.

Schäfer muss dieses Verhältnis umkehren. Die künftigen Fahrzeuge sind teils bereits fertig entwickelt und sollen mit Reichweiten jenseits von 800 Kilometern und herausragenden Effizienzwerten punkten. Gerade bei mittelgroßen Fahrzeugen wie der nächsten Generation von CLA und GLB drohe jedoch ein Margenverfall, fürchten Controller. Zudem muss Mercedes erst noch beweisen, ob die eigene Softwarearchitektur MB.OS wettbewerbsfähig ist.

Das mehrere Milliarden teure Betriebssystem wollte Mercedes zunächst weitgehend selbst entwickeln. Zuständig war der ehemalige Softwarechef Sajjad Khan, der offen gegen Schäfer opponierte. In dem Machtkampf behielt Schäfer die Oberhand. Khan musste gehen und Mercedes öffnete MB.OS stärker für Kooperationen mit Tech-Riesen wie Google. Wird MB.OS ein Erfolg, könnte der Vertrag von Schäfer auch über 2026 hinaus noch einmal verlängert werden.

Sein Widersacher Khan wechselt unterdessen im November zu Porsche, wie der Sportwagenbauer am Mittwoch während seiner Hauptversammlung in Stuttgart bekannt gab. Der 49-Jährige soll in Zuffenhausen einen neuen Bereich namens Car-IT leiten, der Vorstand wird also erweitert. Die Personalie war schon länger erwartet worden, allerdings hatte Mercedes den Manager nicht früher für den Rivalen freigegeben.

Verwandte Themen
Porsche
China
Tesla

Porsche war zuletzt alles andere als glücklich mit der Softwareeinheit Cariad, die den gesamten Volkswagen-Konzern beliefert. Khans Hausaufgabenheft dürfte daher neben einer besseren Abstimmung mit der Cariad auch eine eigene Car-IT-Strategie für Porsche beinhalten. Die Zuffenhausener gehen verstärkt eigene Wege, verkündeten zuletzt etwa eine Kooperation mit der israelischen Intel-Tochter Mobileye im Bereich automatisiertes Fahren, die explizit als Porsche-Deal ausgegeben wurde.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt