Chinesischer Uber-Pendant: Didi und das Abenteuer New York: Wieso der Milliarden-IPO des Fahrdienstleisters Risiken birgt
Der Börsengang ist die vorläufige Krönung der rasanten Entwicklung in den vergangenen Jahren. Es dürfte der größte IPO in den USA seit Alibaba im Jahr 2014 werden.
Foto: BloombergPeking. Cheng Wei sieht auf den ersten Blick nicht unbedingt aus wie jemand, dessen Unternehmen es in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt zum Quasi-Monopolisten bei Fahrdienstleistungen geschafft hat. Der maßgebliche Gründer von Didi Chuxing, das auch als chinesisches Uber gilt, wirkt zurückhaltend, ernst, fast jungenhaft.
Doch Cheng ist einer der erfolgreichsten chinesischen Unternehmer – und will seinen Erfolg nun krönen. In den kommenden Monaten – möglicherweise schon im Juli – will der 38-Jährige sein Unternehmen an die Börse in New York bringen.
Die Unterlagen jedenfalls sind eingereicht. Seit Freitag ist klar, wie groß der IPO werden wird: Das Volumen liegt bei rund vier Milliarden Dollar. Der IPO dürfte damit der größte in den USA sein seit der Notierung des chinesischen E-Commerce-Riesen Alibaba im Jahr 2014.
Die Bewertung von Didi liegt dann zwischen 62 und 67 Milliarden Dollar. Nach der am Freitag veröffentlichten Aktualisierung des Börsenprospekts plant das Unternehmen den Verkauf von 288 Millionen American Depositary Shares (ADS) zu einem Preis zwischen 13 und 14 US-Dollar pro Stück.
Didi hat fast eine halbe Milliarde aktive Nutzer in China
Das Unternehmen ist in China mit 493 Millionen aktiven Nutzern der nahezu unangefochtene Platzhirsch. Didi ist mehr oder weniger groß in 14 anderen Ländern vertreten, etwa in Japan, Australien und Russland. Doch den größten Teil seines Geschäftes macht es in der Volksrepublik.
Mit dem Geld aus dem Börsengang will Didi nicht nur in neue Geschäftsfelder investieren, sondern auch die internationale Expansion weiter vorantreiben. Deutschland, Frankreich und Großbritannien sind dabei laut Medienberichten ebenfalls im Visier.
„Wir streben danach, ein wirklich globales Technologieunternehmen zu werden“, sagt Didi-Gründer und CEO Cheng. „Unser Geschäft hat zwar in China begonnen, aber wir glauben, dass wir auf ähnliche Weise dazu beitragen können, das Leben vieler weiterer Menschen auf der ganzen Welt zu verbessern.“
Ausgerechnet der chinesische Staat könnte dem Unternehmen bei seinen hochfliegenden Plänen noch in die Quere kommen. Denn in den vergangenen Monaten sind die Tech-Unternehmen in der Volksrepublik heftig unter Beschuss geraten. Die chinesische Regierung hat deren Regulierung deutlich verschärft.
Er gilt zumindest als patriotisch, bisweilen wird er sogar als nationalistisch beschrieben.
Foto: ReutersAuf der einen Seite ist das längst überfällig, da für sie in China bislang kaum Regeln gelten. Auf der anderen Seite dient die Regulierung aber auch dazu, den Unternehmen klarzumachen, dass sie sich enger an die Vorgaben der Kommunistischen Partei halten müssen – teilweise mit dramatischen Folgen.
Jack Ma etwa, der Gründer des Zahlungsdienstleistungsunternehmens Ant („Alipay“), musste im vergangenen Jahr den Börsengang des Konzerns zwei Tage vor dem geplanten IPO absagen. Grund waren kritische Äußerungen über die chinesischen Regulierungsbehörden.
Didi steht unter besonderer Beobachtung der Regulierer
Auch Didi steht unter besonderer Beobachtung. Im April war es eines von 30 Tech-Unternehmen, das von der chinesischen Wettbewerbsbehörde SAMR, der Cyberregulierungsbehörde und der Steuerbehörde zu einem Treffen zitiert wurde. Alle Firmen wurden dabei aufgefordert, innerhalb eines Monats eine Selbstinspektion durchzuführen. Diese sei mittlerweile abgeschlossen, heißt es von Didi. Ob das den Regulierern reiche, sei aber nicht sicher.
Didi ist sich des Risikos bewusst, das mit der sich derzeit stark ändernden Regulierung einhergeht. Um künftige und bestehende Vorschriften und Gesetze einzuhalten, müsse das Unternehmen möglicherweise „erhebliche Ressourcen und Anstrengungen aufwenden, einschließlich der Umstrukturierung betroffener Geschäftsbereiche, der Änderung unserer Geschäftspraxis und der Anpassung von Investitionsaktivitäten“, schreibt das Unternehmen in seinem Börsenprospekt. Das könne die Geschäftstätigkeit, Wachstumsaussichten und den Ruf des Unternehmens „erheblich und nachteilig beeinträchtigen“.
Didi ist auf dem riesigen chinesischen Markt bereits seit mehreren Jahren nahezu der einzige Anbieter für Fahrdienstleistungen per App. Mitte der 2010er-Jahre war es nach heftigen Preisschlachten mit vorherigen Konkurrenten zu einer Marktbereinigung gekommen, aus der Didi als Sieger hervorging. 2015 fusionierte das Unternehmen mit dem ebenfalls chinesischen Fahrdienstleistungsunternehmen Kuaidi zu Didi Chuxing.
Didi war noch nie profitabel
Die verbliebenen Konkurrenten sind klein und werden wenig genutzt. Anders sieht es etwa beim amerikanischen Pendant Uber aus, der mit Lyft einen ernst zu nehmenden Wettbewerber hat. Didi kämpft eher mit den größtenteils sehr gut ausgebauten und günstigen öffentlichen Verkehrsmitteln in Chinas Großstädten sowie unabhängigen Taxiunternehmen, die nicht mit der Didi-App kooperieren.
Profitabel war Didi dennoch seit seiner Gründung nicht. Auch im vergangenen Jahr machte das Unternehmen 1,6 Milliarden US-Dollar Verlust. Experten haben daher Zweifel am langfristigen Erfolg. „Wenn Sie diese großartige Wachstumsstory haben, warum sehen wir das dann nicht in den Zahlen?“, fragt Jeff Towson, Gastprofessor an der China Europe International Business School (CEIBS) in Schanghai, in seinem aktuellen Podcast.. „Ihr Umsatz steigt zwar, aber nicht um 50 Prozent, sondern nur um 10 bis 20 Prozent.“
Doch das Unternehmen hat neben Uber weitere solvente Investoren, die die Verluste auffangen. Der japanische Technikinvestor Softbank hält 21,5 Prozent, der Messenger- und Spielekonzern Tencent („WeChat“), der bereits seit 2013 investiert ist, weitere 6,8 Prozent.
Chengs Patriotismus dürfte gut ankommen
Im Einparteienstaat China könnte dem Unternehmen auch die Persönlichkeit seines Gründers zugutekommen. Cheng, der zunächst als Assistent der Geschäftsführung in einem Fußmassageunternehmen arbeitete, bevor er 2005 zum E-Commerce-Unternehmen Alibaba wechselte, gilt als patriotisch, zuweilen wird er sogar als nationalistisch beschrieben. Seine Mitarbeiter motivierte er in den Anfangszeiten von Didi gerne mit patriotischen Liedern.
Seinen Nationalstolz äußert Cheng auch öffentlich. „Ich glaube, dass in dieser Welle des Internets die Unternehmen der orientalischen Welt, insbesondere China, jetzt, wieder einmal, die Führung übernehmen“, sagte er auf einem Podium beim World Economic Forum im Jahr 2015.
Der Fahrdienstvermittler fährt seit seiner Gründung Verluste ein, zuletzt in Höhe von 1,6 Milliarden US-Dollar.
Foto: ReutersChengs Patriotismus dürfte bei der chinesischen Staats- und Parteiführung gut ankommen – und sein Unternehmen möglicherweise vor härteren Angriffen bewahren. Mit kritischen Äußerungen gegenüber der chinesischen Führung ist Cheng – ganz im Gegensatz zu Ant- und Alibaba-Gründer Ma – bislang nicht aufgefallen.
Neben der Auslandsexpansion, die Didi anstrebt, will das Unternehmen das Geld aus dem IPO auch für die Entwicklung von Sharing-Diensten, E-Autos und autonomem Fahren nutzen. Bei Letzterem ist Didi kein kompletter Neuling mehr. Bereits im Jahr 2019 hatte der Konzern seine drei Jahre zuvor gegründete Abteilung für autonomes Fahren zu einem selbstständigen Unternehmen gemacht. „In zehn Jahren denke ich, dass das wahrscheinlichste Modell eine Mischung aus autonomen Fahrzeugen und Menschen ist“, sagte Didis CTO und Mitgründer Zhang Bo einmal in einem Interview mit dem Magazin „Wired“.
Skandale haben das Vertrauen in das Unternehmen erschüttert
Um sich breiter aufzustellen, investiert Didi auch in andere Bereiche, etwa in einen Essenslieferdienst. Der Markt dafür ist zumindest in China riesig. Da die Kosten aufgrund der niedrigen Löhne sehr gering sind, bestellen in China sehr viele Menschen regelmäßig ihr Essen online und lassen es sich dann bringen. In den Städten wuselt es von Fahrern, die auf kleinen Rollern Essen transportieren. Selbst einen einzelnen Kaffee zu bestellen und liefern zu lassen ist nicht unüblich. Didis Essenslieferdienst könnte Medienberichten zufolge schon im kommenden Jahr als Spin-off an die Börse gehen.
Neben der Regulierung ist das zweite große Risiko des Unternehmens, dass es Vertrauen bei seinen Kunden verliert. In der Vergangenheit hatte es mehrere Fälle gegeben, in denen Fahrer ihre Gäste angegriffen haben.
2015 startete Didi seinen Mitfahrer-Service „Hitch“. Doch schon wenig später erschütterten zwei Skandale das Vertrauen in die App. Im Sommer 2018 wurden kurz hintereinander zwei Frauen von „Hitch“-Fahrern vergewaltigt und ermordet.
In beiden Fällen wurden schwere Vorwürfe gegen Didi erhoben, keine ausreichenden Sicherheitsvorkehrungen getroffen zu haben. So hatte ein anderer weiblicher Fahrgast zuvor vor einem der Fahrer bereits gewarnt, jedoch keine Rückmeldung von Didi erhalten. Der Dienst wurde nach den Morden vorübergehend eingestellt.
Im März dieses Jahres berichteten Medien von einem Vorfall bei der Fahrdienst-App Didi. Ein Fahrer hatte nach einem Streit einen Fahrgast mit dem Auto überrollt, später starb dieser an seinen Verletzungen.
Mitarbeit: Yukun Zhang