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Chipmangel750.000 offene Bestellungen: Immer mehr VW-Kunden müssen auf ihr Auto warten

Der Chipmangel führt zu langen Wartezeiten bei der VW-Kernmarke. Vertriebsvorstand Zellmer treibt deshalb Auto-Abos voran – als Teil einer Digitaloffensive.Stefan Menzel 27.01.2022 - 12:31 Uhr Artikel anhören

Auch 2022 bleiben die Chips knapp, Branchenkenner rechnen mit Engpässen bis zum Sommer.

Foto: dpa

Düsseldorf. Autokäufer brauchen derzeit viel Geduld. Wegen der weltweit fehlenden Chips können Millionen von Neuwagen erst mit Verzögerung gebaut werden. Das gilt auch für die Marke Volkswagen. Vertriebsvorstand Klaus Zellmer gibt den aktuellen Orderbestand mit rund 750.000 Fahrzeugen weltweit an. „Das ist doppelt so viel wie normal“, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Das knappe Angebot an Neuwagen hat fast überall zu kräftigen Preiserhöhungen geführt. Deshalb können die meisten Hersteller den Produktionsausfall finanziell verkraften. „Trotzdem hätte ich mir natürlich auch im Sinne unserer Kunden noch höhere Stückzahlen gewünscht“, sagt Zellmer.

Im vergangenen Jahr hat die Hauptmarke des VW-Konzerns rund 4,9 Millionen Fahrzeuge an die Kunden gebracht, acht Prozent weniger als im Vorjahr. Mit mehr Autos hätte sich die Rendite wohl noch steigern lassen können. Nach neun Monaten hatte die Marke 2021 eine operative Marge von nur 2,9 Prozent erreicht. Wegen des anhaltenden Chipmangels dürfte sich diese bis zum Jahresende nicht wesentlich verbessert haben. Genaue Zahlen veröffentlicht VW voraussichtlich Ende Februar.

Auch 2022 bleiben die Chips knapp, Branchenkenner rechnen mit Engpässen bis zum Sommer. VW-Vorstand Zellmer erwartet, dass es nach den Ferienmonaten aufwärtsgeht, und spricht von „einer schrittweisen Erholung in der zweiten Jahreshälfte“. Die Chiphersteller sollten ihre Produktion dann erhöht und die Versorgungslücken zumindest teilweise geschlossen haben.

Das gerade begonnene Jahr will der VW-Vertrieb vor allem dazu nutzen, digitale Geschäftsmodelle auszubauen. Damit sollen auch zusätzliche Erlösquellen aufgebaut werden. Das wird zunehmend wichtiger in einer Zeit, in der wegen fehlender Halbleiter Fabriken immer wieder stillstehen und nicht alle geplanten Autos gefertigt werden können.

Auto-Abo wird zur interessanten Alternative

Nach längerem Abwarten hatte sich Volkswagen in der zweiten Hälfte 2021 entschieden, ein eigenes Modell für Auto-Abonnements anzubieten. Die Wolfsburger sind zunächst ausschließlich mit vollelektrischen Modellen gestartet. Schrittweise soll das VW-Abo weiter ausgebaut werden. „Verbrenner kommen später sicherlich noch dazu“, kündigt Zellmer an.

In Zeiten knapper Neuwagen ist das Auto-Abo für Kunden eine interessante Alternative. Vor allem die Preise sind zuletzt stabil geblieben, wie das Center Automotive Research (CAR) in Duisburg ermittelt hat. Die Lieferzeiten seien mit bis zu 26 Wochen zwar manchmal ebenfalls lang, lägen aber spürbar unter denen beim Kauf eines Neuwagens. In Einzelfällen stehen die Fahrzeuge schon nach einem Monat bereit. „Mit den breiten Angeboten im Auto-Abo-Segment gewinnt der deutsche Automarkt an Stabilität, was den Ärger über enorm lange Lieferzeiten bei einigen Neuwagen dämpfen dürfte“, glaubt CAR-Professor Ferdinand Dudenhöffer.

Aktuell hat Volkswagen in Deutschland etwa 1000 Abo-Fahrer in der Bestandsliste, jeden Monat kommen etwa 150 bis 250 Neukunden dazu. Zellmer würde das Modell gern noch etwas stärker ausbauen, doch wegen des Chipmangels „haben wir momentan zwar ausreichend, aber nicht unbegrenzt Fahrzeuge zur Verfügung“.

Das Abo-Geschäft führt Volkswagen neue Kundengruppen zu. Das Durchschnittsalter liege ungefähr um zehn Jahre unter dem der Neuwagenkäufer. Künftig sollen auch VW-Händler eigene Autos in das Abo-Modell einbringen können. Zellmer verspricht sich davon eine spürbare Erweiterung des Fahrzeugangebots.

Im Moment abonnieren Volkswagen-Kunden ein Auto für mehrere Monate. Künftig soll es auch ein kilometerbasiertes Abrechnungsmodell geben. Von solchen Mobilitätsdiensten verspricht sich Volkswagen bis zum Jahr 2030 ein Umsatzwachstum von 20 Prozent.

Digitale Dienste als Umsatztreiber

VW will künftig auch viel Geld mit digital abrufbaren zusätzlichen Diensten, den „Functions-on-Demand“, verdienen. Vertriebsvorstand Zellmer hält langfristig Umsätze in dreistelliger Millionenhöhe für möglich.

Ende vergangenen Jahres hat der Autobauer mit dem Verkauf solcher Dienste begonnen. In den wenigen Wochen bis Ende Dezember haben sich rund 3000 Kunden dazu entschieden, Softwareangebote drahtlos „over the air“ für ihre Autos herunterzuladen. Volkswagen bietet beispielsweise Software an, mit der Licht- und Navigationsausstattung verbessert werden. Verkauft werden auch Assistenzsysteme wie die automatische Abstandskontrolle.

Der anhaltende Chipmangel hat den Orderbestand massiv ansteigen lassen – in einer Zeit, in der der Volkswagen-Vertrieb deutlich digitaler werden soll.

Foto: bernhardhuber.com

Im Verlauf dieses Jahres werden auch vermehrt Softwareprodukte für die neue ID-Elektrogeneration angeboten. Bei diesen Fahrzeugen sind aus technischer Sicht viel umfassendere Software-Updates möglich als bei den Verbrennern. So hat Volkswagen demnächst ein Computerprogramm im Angebot, mit dem sich die Ladeleistung eines Elektroautos steigern lässt. Verbunden ist damit eine größere Reichweite.

Zellmer sieht den Verkaufsstart als geglückt an. „Bei den zum Fahrzeug hinzuzubuchenden Funktionen ist ein großes Potenzial erkennbar“, sagt er. Die Softwarepakete sollen jedes einzelne Auto künftig funktional erweitern. Künftig soll es auch möglich sein, Programme für befristete Zeiträume zu mieten.

VW treibt Autoverkauf im Internet voran

Weiter voran treibt Zellmer auch den direkten Fahrzeugverkauf über das Internet. Volkswagen plant hier für das erste Quartal eine wesentliche Veränderung: Erstmals soll der Abschluss eines Leasingvertrags komplett digital im Namen von Volkswagen abgewickelt werden können. Bislang ist das nur beim Händler möglich.

Volkswagen beschränkt sich dabei zunächst auf Elektroautos, später dürfte diese Möglichkeit auf die gesamte Fahrzeugpalette ausgeweitet werden. Die digitale Direktvermarktung startet mit dem Leasingprogramm, Barzahlung und Fahrzeugfinanzierung kommen später hinzu.

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Vertriebsvorstand Zellmer sieht den Onlineverkauf nicht als Entscheidung gegen die vielen unabhängigen und mittelständischen VW-Handelsbetriebe, allein in Deutschland sind das etwa 800. „Ganz im Gegenteil: Davon profitieren wir alle. Volkswagen braucht den direkten Kontakt von Mensch zu Mensch“, sagt er. Bei den Händlern blieben wesentliche Aufgaben und Zuständigkeiten, etwa die Fahrzeugübergabe. Über entsprechende Provisionsmodelle blieben sie auch bei Onlineabschlüssen unverändert beteiligt.

Allerdings müssten sich auch die Händler auf eine neue Zeit einstellen. So werde der Wartungsaufwand beim Elektroauto deutlich reduziert. Deshalb seien die mittelständischen Handelsbetriebe auch unbedingt dazu aufgerufen, sich neue Geschäftsfelder zu suchen. Ein umfassendes Wissen etwa im Hinblick auf Software sei unverzichtbar.

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