E-Mobilität: So will der japanische Hersteller Nidec den Markt für E-Motoren dominieren
Die Japaner wollen Marktführer werden.
Foto: NidecTokio. 300 Tage im Jahr reist Kazuya Hayafune geschäftlich. Interviews gibt der Vizechef des weltgrößten Elektromotorenherstellers Nidec aus zeitlichen Gründen daher meist zwischen Flugzeug und Zug, so wie an diesem Dienstag in Tokio. Überall auf der Welt will der Automanager neue Kunden gewinnen.
Denn das Unternehmen verfolgt ein ambitioniertes Ziel: „Wir wollen die Nummer eins bei Motoren für Elektroautos werden“, sagte Hayafune im Gespräch mit dem Handelsblatt.
Mit hohen Investitionen treibt Nidec seinen Plan voran. Rund 1,7 Milliarden Euro werden die Japaner in neue Elektromotorenwerke in China, Polen und Mexiko investieren, sagte Gründer Shigenobu Nagamori am Dienstag. Mit seinem Fokus auf Automotoren, Firmenzukäufe und Roboter will er den Konzernumsatz bis 2030 von derzeit rund 13 Milliarden Euro auf 83 Milliarden Euro erhöhen.
Damit der Frontalangriff auf die Autohersteller auch gelingt, holt der Manager einen neuen operativen Chef und möglichen Nachfolger ins Unternehmen: Nissans Nummer drei und Co-Chief-Operating-Officer (COO) Juni Seki.
Die Konkurrenz durch aufstrebende Unternehmen wie Nidec ist den etablierten Konzernen der Branche bewusst. Toyotas Konzernchef Akio Toyoda warnt seine Mitarbeiter trotz hoher Profite seit Jahren, dass selbst Japans größter Autobauer bei dem Wettrennen um elektrifizierte und autonome Mobilität das Nachsehen haben könnte. Toyota stehe vor der größten Krise seiner Geschichte, betont der Manager immer wieder.
Auch Volkswagen-Chef Herbert Diess mahnte in einer Brandrede vor Führungskräften Mitte Januar, dass der Wolfsburger Konzern sich zum Tech-Unternehmen wandeln müsse, um im Wettbewerb zu bestehen. Das Auto werde das wichtigste „Mobile Device“.
Nidec-Vizechef Hayafune kann die Sorgen der Autohersteller nachvollziehen. Vor mehr als 30 Jahren begann er bei Mitsubishi Motors seine Karriere und ist nun seit 20 Jahren in der Elektroautoentwicklung aktiv.
Vor zehn Jahren lockte Nagamori Hayafune zu Nidec. Denn der Manager wollte nicht mehr nur Minimotoren für Festplatten entwickeln, mit denen sein Unternehmen seit der Gründung im Jahr 1973 von einem Garagen-Start-up zum Weltkonzern aufstieg. Er setzte sich zum Ziel, den Markt für E-Motoren zu dominieren.
Heute ist Hayafune überrascht, wie stark Nagamoris Vision Realität geworden ist. „Ich habe niemals einen solch drastischen Wandel der Strukturen und der Technik erlebt wie in den letzten Jahren.“ Der Motor des Wandels sei China.
China gibt den Takt vor
Die Volksrepublik versetzt die etablierten Hersteller und ihre Zulieferer besonders in Sorge, beobachtet Hayafune. Das Entwicklungstempo chinesischer Autohersteller sei doppelt so schnell wie das der Traditionsunternehmen. Bei elektrischen Antrieben würden sie Entwicklungszyklen von nur eineinhalb Jahren verlangen. Das bedeutet, dass rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, an der Entwicklung neuer Motoren gearbeitet werde.
Nidec ist es zwar aus der Computerindustrie gewöhnt, in Monaten und nicht in Jahren zu denken. Aber auch für die Japaner sind diese Vorgaben eine Herausforderung. Wenn man sich an die heimischen Regelarbeitszeiten halte, könne man nicht zu den Chinesen aufholen, warnt Hayafune.
Nidecs erste vier Großkunden kommen aus dem Reich der Mitte. Einer davon ist der südchinesische Autohersteller Guangzhou Automotive. Dessen elektrischer SUV Aion LX, der ähnlich schnell wie ein Tesla in 3,9 Sekunden von null auf 100 Kilometer pro Stunde beschleunigen kann, wird vom „e-Axle“ der Japaner vorangetrieben. So nennt Nidec seinen vollständigen elektrischen Antrieb, der neben dem eigentlichen Motor auch den Inverter und die Motorkontrolle umfasst.
Der nächste Schritt der Japaner ist daher naheliegend: Das Unternehmen baut fleißig in China. Im Dezember des vergangenen Jahres eröffnete der Konzern in Suzhou bereits ein eigenes Entwicklungszentrum, um schneller auf die Bedürfnisse der chinesischen Kunden reagieren zu können. Mit 36 Motorenprüfständen und 12.000 Quadratmetern Fläche ist es schon jetzt eines der größten Entwicklungszentren dieser Art in der Welt.
Doch das gerade erst eröffnete Entwicklungszentrum ist der Anfang für Hayafune: „Ich habe bereits 30 weitere Prüfstände geordert und werde ein zweites Entwicklungszentrum errichten.“ Aber auch die Fabriken in der Volksrepublik werden ausgebaut. So werde das Hauptwerk in Pinghu bei Shanghai um eine zweite Fabrik ergänzt.
„Wir wollen die Nummer eins bei Motoren für Elektroautos werden.“
Foto: NidecEin weiteres Problem der etablierten Motorenhersteller ist, dass sich Elektromotoren viel einfacher konstruieren lassen als Verbrenner. Dementsprechend hart ist die Konkurrenz. Als stärkste Wettbewerber sieht Nidec drei chinesische Billigmarken, deutsche Riesen wie Bosch und Continental sowie Toyotas Lieferanten Aisin und Denso.
Um sich von den Rivalen abzuheben, setzt Nidec auf eine Art Schockstrategie. Im Januar stellte der Konzern auf der Messe EV Japan eine komplette Palette mit fünf Motoren aus, die 50, 70, 100, 150 und 200 Kilowatt (kW) leisten.
Ein Nidec-Manager erklärt das Motiv hinter der Leistungsschau: „Wir wollen die anderen Hersteller entmutigen.“ Aber auch kaufmännisches Kalkül steckt dahinter. Nach Hayafunes Ansicht deckt Nidec mit diesen fünf Motoren 98 Prozent der Elektroautonachfrage ab.
Die Einschätzung deckt sich mit der von Toshiyuki Nakajima, Nissans Chef für Fortgeschrittene Fahrzeugentwicklung. Er geht davon aus, dass Nissan als Massenhersteller Motoren zwischen 40 oder 50 und 200 oder 300 kW anbieten müsse. Damit ließen sich dann auch höhere Anforderungen erfüllen. „Wir können mehrere Motoren verwenden,“ erklärt der Fachmann. „Das ist das Schöne an elektrischen Antrieben.“
Ob Nissan allerdings wie bisher für sein Elektroauto Leaf alle E-Motoren selbst herstellen wird, will der Manager nicht verraten. Hayafune ist überzeugt, dass die Autohersteller eher früher als später bei Nidec bestellen werden werden, sei es direkt oder indirekt über ihre Hauptzulieferer.
Als Grund für seine Überzeugung nennt er die Massenproduktion, die Nidec schon heute aufgebaut habe. Damit sei das Unternehmen in der Lage, zu niedrigen Kosten zu produzieren.
Zum einen kann Nidec viele Teile aus seiner Elektromotorenherstellung für Elektronikprodukte und Roboter auch für Autos verwenden. Zum anderen wird Nidec nach eigenen Angaben bereits in diesem Jahr 300.000 vollständige Elektroantriebe ausliefern.
Hayafune blickt optimistisch in die Zukunft. Er habe inzwischen schon Aufträge für mehr als eine Million Antriebe sicher, sagt er. Noch vor fünf Monaten gingen die Japaner davon aus, 2023 eine Millionen E-Axle-Antriebe und 1,25 Millionen Elektromotoren für Hybridantriebe anderer Zulieferer und Autobauer auszuliefern. Langfristig will das Unternehmen pro Monat eine Million Elektroantriebe und -motoren produzieren, also zwölf Millionen pro Jahr.
Die Preise europäischer Elektromotorenhersteller liegen laut Nidec zehn bis 15 Prozent höher als die der Japaner. Chinesische Motoren seien zwar noch günstiger, aber dafür nicht so leistungsfähig.
Das spreche sich auch bei den chinesischen Ingenieuren herum. Viele wechselten daher zu Nidec. „Unser Entwicklungszentrum ist sehr attraktiv“, meint Hayafune.
Geringere Preise für E-Autos
Nidec-Chef Nagamori träumt bereits von einer Autowelt, die von Nidec dominiert wird und in der die Fahrzeuge nur noch ein Fünftel des jetzigen Preises kosten. Für die Autoindustrie wäre dies ein Albtraum – und für die Investoren ist die Vision noch allzu ferne Zukunftsmusik.
Wie es um die Zukunft von Nidec bestellt ist, können Experten nur schwer einschätzen. Archibald Ciganer, Portfoliomanager für die japanische Equitystrategie beim globalen Investmentunternehmen T. RowePrice, gesteht dem Konzern zu, „sehr gut“ geführt zu sein. „Interessanterweise verändert sich die Firma andauernd.“ Niemand könne sagen, wie sie in zehn Jahren aussieht. „Man investiert daher eher in Qualität des Managements.“ Nur eines ist für ihn klar: „Derzeit geht es Nidec mehr um Elektroautos.“
Die Investoren schauen daher zur Zeit lieber auf den Ist-Zustand als die Wachstumspläne. An der Börse zeigt der Trend zwar nach unten, weil Nidecs Hauptmarkt China schwächelt. Aber die Auftragsbücher der Autosparte füllen sich laut Nidec immer mehr, und dies nicht nur in China. Hayafune hofft zudem auf einen Auftrag von Elektromotoren für Hybridautos eines deutschen Herstellers in Höhe von einer halben Milliarde Euro.
Noch fühlen sich die Japaner allerdings in Deutschland nicht stark genug, wie in China selbst an die Autobauer zu liefern. Stattdessen setzen sie auf Partnerschaften, ein Joint-Venture mit PSA in Frankreich zum Beispiel oder Motorlieferungen an die großen europäischen Zulieferer. Doch Nidecs Automann Hayafune hofft, dass dies nur eine Übergangslösung ist. „Wenn sich in Zukunft unsere Marktpräsenz erhöht, wollen wir direkt an die Autohersteller liefern.“
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