Friedrich Merz: Wie realistisch ist die Abkehr vom Wasserstoff?
Düsseldorf. Der Kanzlerkandidat der Union, Friedrich Merz, hat sich in der vergangenen Woche skeptisch zur grünen Wasserstoffstrategie für Deutschlands Stahlindustrie geäußert – und damit teils heftige Reaktionen ausgelöst.
SPD-Politiker Lars Klingbeil bezeichnete die Äußerungen von Merz etwa als „Gift für Deutschlands Zukunft als Industrieland“. Und auch Jürgen Kerner, zweiter Vorsitzender der IG Metall, beurteilte die Aussagen des Union-Kanzlerkandidaten als „irritierend“.
Wie entscheidend es ist, dass die grüne Transformation in der Stahlbranche gelingt, betont Stahlexpertin Nicole Voigt. Die Partnerin bei der Boston Consulting Group (BCG) verweist auf die Entwicklungen im Ausland: „Indien und China produzieren schon jetzt oder sehr bald Stahl, der qualitativ mit deutschem mithalten kann.“ Europa könne bei gleicher Qualität und höheren Kosten nicht mithalten.
Die Branchenkennerin kommt zu dem Schluss, dass sich Deutschland mit grauem Stahl – also der bislang üblichen Herstellung – schon bald nicht mehr am Weltmarkt differenzieren könne. Entsprechend deutlich fällt ihr Fazit aus: „Die Chance liegt im grünen Stahl – global, aber vor allem in Europa.“
Für den grünen Umbau haben Deutschlands Stahlkonzerne insgesamt sieben Milliarden Euro an Subventionen von Bund- und Ländern erhalten. Thyssen-Krupp Steel, die Salzgitter AG und Arcelor-Mittal Germany haben bereits mit dem Bau der neuen Direktreduktionsanlagen (DRI) begonnen oder können zumindest auf sehr konkrete Pläne dazu verweisen. Voraussetzung für die Fördermittel ist allerdings, dass die Stahlkonzerne in den kommenden Jahren auf die Wasserstofftechnologie umstellen.
Mehrkosten in dreistelliger Millionenhöhe
Problematisch sind die derzeitigen Preisschwankungen beim Wasserstoff: Statt der in den Förderungen einkalkulierten niedrigeren Preise pro Kilogramm ist der Preis derzeit höher. Deutschlands Stahlhersteller, die für ihre neuen Anlagen durchschnittlich rund 145.000 Tonnen Wasserstoff ausgeschrieben haben, stellt das vor ungeplante Mehrkosten in dreistelliger Millionenhöhe.
Unions-Kanzlerkandidat Merz hatte wohl auch daher CO2-Speichertechnologien in die Diskussion eingebracht. Darauf solle man sich konzentrieren, empfahl er. Beim Carbon Capture and Storage (CCS) wird das Klimagas CO2 noch vor der Abgabe in die Umwelt aus der Produktion abgeschieden und anderorts gespeichert.
Doch auch die CO2-Speichertechnologie birgt Risiken – vor allem in Deutschland. „Sowohl die Pipeline-Infrastruktur für CO2-Transport als auch die Lagerstätten für die benötigten Größenordnungen, sind nicht vorhanden – und müssten von Grund aufgebaut werden“, beurteilt Voigt die aktuelle Situation.
Zwar wäre die Umstellung der Stahlwerke auf CO2-Speichertechnologien nicht ganz so kostenintensiv wie der Bau der Direktreduktionsanlagen, mit denen der Grünstahl künftig hergestellt werden soll. Die Investitionskosten für eine neue Direktreduktionsanlage mit anschließendem Elektrostahlwerk taxiert BCG auf 600 bis 800 Millionen Euro pro Millionen Tonnen Stahlproduktion. Beim Carbon Capture am Hochofen liegen die Investitionskosten dagegen bei rund 100 Millionen Euro.
Erschwerend kommt hinzu, dass die CO2-Einsparungen der Technologie aktuell noch nicht den erforderlichen Mengen entsprechen. Momentan sei es der Plan der deutschen Stahlindustrie, mit der Hilfe von Direktreduktion und Elektrolichtbogenöfen bis 2030 zehn Millionen Tonnen Stahl zu dekarbonisieren, sagt Expertin Voigt. „Damit könnten bei Einsatz von 100 Prozent Erdgas etwa 60 Prozent der direkten Emissionen eingespart werden.“
Würde man für diese Anlagen die CCS-Methode anwenden, sind nach aktuellem Stand der Technik Einsparungen von unter 20 Prozent zu erwarten. „Auch wenn die Investitionskosten für den Einsatz für CCS geringer sind als für den Neubau von Direktreduktionsanlagen, löst das das Problem also nicht annähernd“, sagt sie.
Bei der Direktreduktion besteht dagegen die Option, durch Wasserstoff noch grüner zu werden. Denn ab dem Zeitpunkt, an dem die Hersteller grünen Wasserstoff in den Prozess leiten, steigt der Wert der CO2-Einsparung deutlich. Ein Sprecher von Thyssen-Krupp Steel betont: „Beim kompletten Betrieb mit grünem Wasserstoff arbeitet die Anlage nahezu klimaneutral.“
Zudem könne man für den Anfang auch mit Erdgas statt mit Wasserstoff an den Start gehen. Laut dem Stahlhersteller können im Erdgasbetrieb bereits rund 50 Prozent der im herkömmlichen Hochofenbetrieb anfallenden CO2-Emissionen vermieden werden. Grundsätzlich aber sei die weitere grüne Transformation des Stahlgeschäfts für den Konzern technologieoffen. Technologie und Regulatorik zur CO2-Abscheidung wiesen jedoch noch keinen Reifegrad auf, der eine konkrete Planung ermögliche.
Bei Carbon Capture könnte das Maximum bei 70 Prozent der direkten Einsparung liegen – und das bislang ausschließlich in der Theorie. Stahlexpertin Voigt hält es für höchst kontraproduktiv, nun über Technologien zu spekulieren, die im besten Fall erst in zehn bis 15 Jahren Marktreife erreichten. „Wir müssen jetzt handeln und die in Bau befindlichen Direktreduktionsanlagen fertigstellen“, fordert sie.
Gegenwärtig eignet sich die CO2-Speicherung nicht, um die deutsche Stahlindustrie im großen Maß zu transformieren. Irgendwann könnten damit aber Restemissionen eingefangen werden. „Am Ende brauchen wir die ganze Bandbreite an Technologien, damit wir die Dekarbonisierung bis 2050 schaffen“, räumt sie ein.
Rechtlich noch unklar
André Körner, Geschäftsführer und Country Manager bei Arcelor-Mittal Germany, sagt, dass eine überbrückende Möglichkeit die Abscheidung von CO2 aus einer Direktreduktionsanlage sei. Die Anlage könnte mit Erdgas oder Mischgas laufen.
Er erläutert die Technologie: „Das aufgefangene CO2 ist wesentlich reiner als die abgeschiedenen Gase beim Hochofen – und aus unseren Produktionsanlagen in Hamburg und Bremen könnte das CO2 direkt verschifft und dann zum Beispiel in Norwegen im Boden verpresst werden.“ Derzeit hakt es aber noch. „Die Möglichkeit ist aus rechtlicher Sicht noch nicht abschließend geklärt. Da fehlt unter anderem noch das Carbon-Management-Gesetz“, sagt Körner.
Und der wichtigste Punkt: Der Betrieb mit Erdgas müsste zeitlich in den Förderbescheiden erlaubt sein – sonst wackelt die Förderung.
Erstpublikation: 19.01.2025, 12:45 Uhr.