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Handelsblatt-TagungWas ein Gummibärchen mit der Zukunft der Chemie zu tun hat

Die Industrie sucht den Ausweg aus der schweren Krise. Topmanager fordern, nicht nur auf die Politik zu schimpfen, sondern Firmen und Branche zu modernisieren. Und es gibt Zeichen, die Hoffnung machen.Bert Fröndhoff 18.04.2024 - 18:13 Uhr
Brenntag-Chef Christian Kohlpaintner: „Wir sollten uns überlegen, wie sich die europäische Chemieindustrie neu gruppieren könnte, um in der Welt mithalten zu können.“ Foto: Foto Vogt GmbH

Frankfurt. Auf einem Flug hatte Christian Kohlpaintner zuletzt ein beeindruckendes Erlebnis. Der Chef des Chemikalienhändlers Brenntag entdeckte vor dem Start ein rotes Gummibärchen, das an der Fenster-Außenscheibe klebte. Wie auch immer es dorthin kam: Das Gummibärchen hielt den gesamten Flug durch. Weder Start noch Landung, noch Turbulenzen brachten es zu Fall. 

Kohlpaintner nahm dies als Sinnbild für Unternehmen und Manager: Resilienz beweisen, am Kurs festhalten, egal wie widrig die Bedingungen sind. Auf der Handelsblatt-Jahrestagung Chemie erntete der Brenntag-Chef am Donnerstag für diesen Appell großen Applaus der rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Frankfurt.

Doch widerstandsfähig zu bleiben ist gerade für die Chemieindustrie nicht leicht. Die Branche ist von der Energie- und Konjunkturkrise stark getroffen. So hat die deutsche Chemie nahezu 20 Prozent an Produktionsvolumen binnen weniger Jahre verloren.

Rahmenbedingungen bleiben herausfordernd

Doch es gibt Zeichen, die Hoffnung machen. Markus Steilemann, Präsident des Chemieverbands VCI und Chef des Kunststoffherstellers Covestro, sagt: „Seit Februar berichten einzelne Unternehmen von Besserung, das scheint sich im März fortzusetzen. Darauf müssen wir jetzt aufbauen.“

Aufbauen hat für die Chemie zwei Dimensionen: Vehement fordert die Branche Entlastungen und bessere Standortbedingungen in Deutschland, um wieder erfolgreich zu sein. Doch zeigte sich auf der Handelsblatt-Tagung: Die Unternehmen können und müssen sich auch selbst verändern.

Die Rahmenbedingungen sind nämlich weiter herausfordernd: „Die Energiekrise ist keineswegs vorbei“, sagte Steilemann. Strom werde auch mit Blick auf die rasant gestiegenen Netzentgelte mehr und mehr zum „Luxusprodukt“. Das trifft gerade die mittelständischen Unternehmen, für die Deutschland noch der Hauptmarkt ist.

Chemieverbandspräsident Markus Steilemann: „Die Energiekrise ist keineswegs vorbei.“  Foto: Foto Vogt GmbH

Vor allem der Mittelstand fühlt sich zunehmend von der Bürokratie eingeengt. Johannes Heckmann, Chef des Spezialchemieherstellers Nabaltec aus Schwandorf, klagt: „Wir werden mit ständig neuen Regulierungen belastet.“

Die Chemie wünscht sich von der Bundesregierung einen „Booster für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit“, wie es Steilemann formuliert – auch damit der grüne Umbau gelingen kann. 

Mehr Tempo bei Genehmigungen gefordert

Am Ziel der CO2-Neutralität rüttelt kaum jemand in der Branche. Doch das ist aus Sicht vieler Manager leichter zu erreichen, wenn der „Green Deal“ um einen „Industrial Deal“ ergänzt würde. Bei der EU-Kommission hat die Industrie dies mit der im Februar vorgestellten „Antwerpener Erklärung“ bereits adressiert: 1100 europäische Firmen haben sie mittlerweile unterzeichnet.

Es liegt an uns, neue Wege zu finden, um aus der schwierigen Situation für die Industrie zu kommen.
Peter Goldschmidt
Stada-Chef

Christian Hartel, Vorstandschef von Wacker Chemie, sagt: „Wachstum in der Industrie werde nur mit preiswerter Energieversorgung erreicht.“ Die Technologie für den Ausbau der erneuerbaren Energien, also Leitungen, Solarmodule und Windkraft, sei in Deutschland vorhanden – jetzt müsse sich die Politik voll auf dieses große Thema fokussieren.

Julia Schlenz, Deutschlandchefin des US-Konzerns Dow, fordert zudem mehr Planungssicherheit und Genehmigungstempo.

Julia Metz, Leiterin Industriepolitik bei Agora Energiewende, diskutierte mit Wacker-Chef Christian Hartel auf der Handelsblatt-Jahrestagung Chemie. Foto: Foto Vogt GmbH

Auf die Politik allein sollten sich die Unternehmen allerdings nicht verlassen. „Es liegt an uns, neue Wege zu finden, um aus der schwierigen Situation für die Industrie zu kommen“, sagte Peter Goldschmidt, Chef des Arzneimittelherstellers Stada. Er betrachtet eine moderne Unternehmenskultur als einen der wichtigsten Hebel.

Bei Stada hat Goldschmidt nach eigenen Worten ein „Mindset für Wachstum“ unter den Mitarbeitenden etabliert. Die Bindung ans Unternehmen und innerhalb der Belegschaft sei deutlich gestiegen – und ebenso der Gewinn, der 2023 um nahezu 20 Prozent zulegte.

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Stada wächst in Deutschland stark mit rezeptfreien Arzneimitteln

Kurs halten heißt für Alfred Stern, auch in Krisenzeiten weiter in Zukunftsgeschäfte und Transformation zu investieren. Flugzeugkerosin aus Speisefett, Geothermie zur Energieversorgung und chemisches Recycling nannte der Chef des österreichischen Öl- und Chemiekonzerns OMV als Beispiele für innovative Produkte. Für den Wandel brauche man Zeit, eine moderne Firmenkultur und Top-Know-how. „Gerade in Europa finden wir bestens ausgebildete Fachkräfte“, sagte Stern.

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Brenntag-Chef Kohlpaintner hält es nicht für zielführend, wenn sich Unternehmen ständig nur über schlechte Rahmenbedingungen beschweren. Die deutschen und europäischen Chemiekonzerne sollten viel stärker auch ihr Portfolio und ihre Aufstellung infrage stellen. „Wir sollten uns überlegen, wie sich die europäische Chemieindustrie neu gruppieren könnte, um in der Welt mitzuhalten“, sagte der Brenntag-Chef mit Blick auf mögliche Fusionen in der Branche. Die Chemieindustrie in Deutschland müsse sich noch viel stärker auf Spezialprodukte mit hohen Margen und Innovationen konzentrieren.

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