Wettstreit in der Elektromobilität: Audi zielt auf die elektrische Oberklasse – Neues Flaggschiff soll Tesla Konkurrenz machen
Erste Details zu den Modellen des Programms werden bekannt. Hinter dem Arbeitstitel „Landjet“ verbirgt sich eine Limousine, die noch oberhalb des A8 angesiedelt wird.
Foto: AUDI AGMünchen. Seit April ist Markus Duesmann nun Audi-Chef, und sein Auftrag ist klar: Audi, einst die technische Speerspitze des VW-Konzerns, soll die Branche wieder anführen. „Artemis“ heißt das Projekt, mit dem die VW-Tochter den unbestrittenen Vorsprung des Konkurrenten Tesla in der Elektromobilität einholen will. Geplant sei ein „hocheffizientes Elektroauto“, versprach Duesmann Ende Juli im Interview mit dem Handelsblatt. Die dort entwickelte Technik soll schnell skaliert und in den ganzen Konzern verteilt werden.
Nun ist klar, womit Audi die Tesla-Jagd eröffnet. Das erste Projekt wird eine Elektro-Limousine der Oberklasse sein, wie das Handelsblatt aus Konzernkreisen erfuhr. Unter dem Arbeitstitel „Landjet“ soll das Fahrzeug oberhalb des bisherigen Topmodells A8 angesiedelt werden. Mit der Stromlimousine wolle Audi einen Gegenentwurf zur nächsten Generation des Oberklasseautos Model S von Tesla auf den Markt bringen, heißt es im Unternehmen. Anders als früher sind die Topkonkurrenten nicht mehr der BMW 7er oder die Mercedes S-Klasse von Daimler, sondern die große Stromlimousine des kalifornischen Newcomers.
Duesmanns Neuausrichtung der wichtigsten VW-Tochter ist ganz im Sinne von Konzernchef Herbert Diess. Auf einer Managementtagung zu Jahresbeginn hatte der Vorstandsvorsitzende Tesla zum neuen Rivalen und zum Maßstab der VW-Transformation erklärt. Gerade mit Blick auf die Software sei das Unternehmen den deutschen Herstellern um Jahre voraus, räumte der VW-Chef ein.
Mit der Digitalisierung der Autos steigt die Bedeutung der Software und ermöglicht neue Geschäftsmodelle. Duesmann nimmt den Ball auf: „Beim Thema Rechner und Software-Architektur hat Tesla sicher zwei Jahre Vorsprung, beim automatisierten Fahren auch“, sagt Duesmann.
Deutlicher als die Kollegen von BMW und Daimler benennen Duesmann und Diess die Versäumnisse des eigenen Hauses. Teslas technischem Vorsprung insbesondere in der Digitalisierung hat Audi derzeit wenig entgegenzusetzen. Auf traditionellem Weg ist der Konkurrent nicht mehr einzuholen, glaubt der Audi-Chef. Duesmann will die Lücke mit „Artemis“ schließen, ein eigens gegründetes Unternehmen, das wie ein Rennstall arbeitet.
Angepeilt werden bis zu 20.000 Autos pro Jahr
Die rund 250 Mitarbeiter sollen den „Landjet“ außerhalb der bisweilen sehr träge arbeitenden Konzernstrukturen auf die Straße bringen. Das Oberklassemodell soll eine neue Softwareplattform bekommen und eine größere Reichweite als das Tesla Model S haben. Die Vorgabe sei, dass die Kunden mit dem Fahrzeug 650 Kilometer fahren können, bevor sie an die Ladesäule müssen, hieß es. Auch in der Batterietechnik wird der VW-Konzern einen Sprung machen müssen.
Der Vorstandsvorsitzende der Audi AG will möglichst schnell zum Branchenprimus Tesla aufschließen.
Foto: AUDI AGDie Entwicklung des neuen Audi-Flaggschiffs wird den Konzern einige Milliarden Euro kosten, ein Verlustbringer soll der „Landjet“ aber nicht werden. Angepeilt werde weltweit ein jährlicher Absatz von 15.000 bis 20.000 Fahrzeugen, hieß es in Konzernkreisen. Um diese Zielmarke zu erreichen, müsste aber die Infrastruktur entsprechend ausgebaut werden. Bislang gibt es nicht ausreichend Ladestationen für E-Autos. In Überlegung ist sogar neben dem Gemeinschaftsprojekt Ionity ein eigenes Netz von Ladesäulen aufzubauen, ähnlich wie Teslas „Supercharger“, die bereits jetzt in Europa flächendeckend vorhanden sind.
Das Projekt soll stilbildend für den ganzen VW-Konzern werden. „Was wir dort entwickeln, werden wir sehr schnell skalieren. Die Technologie wird auf alle Konzernfahrzeuge übertragen“, verspricht Duesmann. Neben der Batterie- und Ladetechnik steht vor allem die Entwicklung einer neuen Software-Architektur auf der Agenda. Die neue Architektur soll datenbasierte Geschäftsmodelle ermöglichen und per Updates die „Hardware“ Auto ständig frisch halten. Zudem will Duesmann in „Artemis“ neue Arbeitsprozesse entwickeln, die den bisweilen behäbigen VW-Konzern deutlich innovativer machen sollen.
Geleitet wird die Einheit von Alexander Hitzinger, einem alten Duesmann-Vertrauten aus Formel-1-Zeiten. Beide haben bei verschiedenen Rennställen gearbeitet und das Arbeiten in kleinen, schnellen Teams zu schätzen gelernt. Das bevorzugte Arbeitstempo von Artemis lautet Vollgas.
Nach Audi kommt Porsche mit einem Modell
Das Drehbuch der Aufholjagd steht. Nach Audi dürfte die Konzernschwester in Stuttgart der zweite Artemis-Nutznießer werden. Auf der Basis des „Landjet“ soll ein Porsche-Modell entwickelt werden, sagte eine mit den Planungen vertraute Person. Auch die Luxusmarke Bentley könnte auf dem Modell aufsetzend ein eigenes Fahrzeug an den Start bringen.
Audi selbst will bereits im kommenden Jahr ein Konzept des „Landjet“ vorstellen. Produktionsreif soll das Modell im Jahr 2024 sein; im gleichen Jahr soll der Verkauf anlaufen. Offen ist noch, welchen Namen der Tesla-Jäger tragen soll. Firmenintern sprechen die Beschäftigten eben von „Landjet“ oder wahlweise dem „A9“. Wahrscheinlich werde es aber ein ganz anderer Name werden, hieß es. Bis zum Verkaufsstart ist für die Suche noch ausreichend Zeit.
Das Unternehmen lehnt zwar einen Kommentar zur Entwicklung seines neuen Spitzenmodells ab. Sicher ist aber: Die Aufholjagd bewegt den Konzern. „Die Stimmung unter den Entwicklern ist so gut wie lange nicht mehr“, sagte eine Führungskraft. Audi sei vom Gejagten zum Jäger geworden. Für die rund 10.000 Audi-Entwickler ist das ein wichtiges Signal. Nach dem Dieselbetrug 2015 lagen bleierne Jahre auf dem Unternehmen, fast ein halbes Dutzend Entwicklungsvorstände kamen und gingen. Der selbst ernannte „Vorsprung durch Technik“ war dahin. BMW und Mercedes zogen wirtschaftlich davon, Tesla technisch.
Schnell und zielstrebig will Audi mit dem „Landjet“ und „Artemis“ wieder an die Spitze. Einen neuen Entwicklungsvorstand braucht Duesmann dafür nicht. Den Job hat er gleich selbst übernommen.