1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. Medien
  4. Facebook-Deutschland-Chef Martin Ott: „Wir haben Fehler gemacht“

Facebook-Deutschland-Chef Martin Ott„Wir haben Fehler gemacht“

Der Facebook-Deutschland-Chef sieht das soziale Netzwerk im Kampf gegen Hass auf dem richtigen Weg – und fordert die Politik zum Handeln auf. Im Interview spricht er zudem über junge Nutzer und das nächste große Ding.Catrin Bialek, Johannes Steger 12.06.2017 - 16:22 Uhr Artikel anhören

„Private Unternehmen sollten nicht entscheiden, was legal oder illegal ist. Das ist die Aufgabe von Gerichten.“

Foto: Handelsblatt

Zwei Tage lang präsentiert sich Facebook und all seine digitalen Angebote auf einer eigenen Konferenz in Köln: Es gibt Seifenblasen, Fingerfood, am Abend tritt Musiker Bosse auf. Auch Deutschland-Chef Martin Ott kommt in die Domstadt, um über gute Nutzerzahlen zu informieren. Doch trotz Konfetti und guter Laune: Die Zeiten für das soziale Netzwerk sind schwieriger geworden.

Herr Ott, im September wird in Deutschland gewählt. Welche Rolle wird Facebook dabei spielen?
Facebook wird sicherlich eine wichtige Rolle spielen. Auf der Plattform tauschen sich die Menschen intensiv aus. Politiker nutzen die Plattform, um mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Sie gehen „live“, machen eine Bürgersprechstunde. Aber wirtschaftlich getriebene Falschmeldungen, wie sie im US-Wahlkampf ein Thema waren, dürften wir in Deutschland nicht erwarten. Die Maßnahmen, die wir dagegen ergriffen haben, haben sehr gut funktioniert. Das konnten wir schon im französischen Wahlkampf sehen.

Welche Maßnahmen waren das?
Wir haben zum Beispiel Profile von der Plattform enttarnt und verbannt, die Falschmeldungen verbreitet haben, um daran zu verdienen. Auch unterstützen wir Projekte wie die First Draft Coalition, die weltweit Falschmeldungen enttarnen soll. Ich kann nicht ausschließen, dass es nicht trotzdem eine kleine Anzahl an bewusst gestreuten politischen Lügen gibt. Die gab es immer, die wird es immer geben.

In Deutschland sortieren 700 Mitarbeiter des Dienstleisters Arvato die strittigen Facebook-Inhalte. Dafür haben sie im Schnitt nur wenige Minuten Zeit. Reicht das?
Das hängt vom Einzelfall ab. Wenn die gemeldeten Inhalte eindeutig und klar gegen unsere Gemeinschaftsstandards verstoßen, können sie auch innerhalb kürzester Zeit geprüft und bewertet werden. Bei anderen Inhalten ist das weitaus schwieriger. Nehmen wir das Beispiel „Soldaten sind Mörder“. Darüber, ob das nun Verleumdung oder Kunst ist, haben viele Instanzen über viele Jahre diskutiert.

Zuletzt zeigte das Urteil des Berliner Kammergerichts über das digitale Erbe, dass die digitale Realität nicht immer mit der Gesetzeslage zusammenpasst. Lässt die Politik die Gerichte im Stich?
Der digitale Umbruch verändert die Lage, dementsprechend müssen auch die Gesetze angepasst werden. Ich glaube aber, dass man nicht alles in ein Gesetz fassen kann. Deshalb suchen wir die Zusammenarbeit mit der Justiz, mit der Politik und der Zivilgesellschaft.

Martin Ott – zur Person
Seit 2012 arbeitet Martin Ott für Facebook. Er startete als „Managing Director Nor‧thern Europe“ und war unter anderem für die Geschäfte in Deutschland zuständig. 2014 war er darüber hinaus ein Jahr lang als „Regional Director Africa, Middle East, Israel, Turkey“ tätig. Seit 2015 ist Ott „Managing Director Central Europe“ und damit für Deutschland, Österreich, die Schweiz, die Benelux-Länder sowie Osteuropa verantwortlich.
Ott war von 2007 bis 2012 Co-CEO bei der Skrill Group in London, die den Bezahldienstleister Skrill („Moneybookers“) betreibt. Von 2003 bis 2007 verantwortete er als COO bei Jamba das Marketing sowie den Aufbau des Endkundengeschäfts. Ott hat internationale Betriebswirtschaft an der WHU – Otto Beisheim School of Management in Vallendar, der Finance Academy in Moskau und der Keio Business School in Tokio studiert.

Bundesjustizminister Heiko Maas will mit dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz die Anbieter sozialer Netzwerke dazu verpflichten, schneller auf Beschwerden über rechtswidrige Inhalte zu reagieren. Er sieht die Verantwortung klar bei Ihnen…
Es ist ein politischer Entscheidungsprozess, den ich im Detail nicht kommentieren will. Wir haben in der Vergangenheit sicherlich Fehler gemacht.

Wie sahen diese Fehler aus?
Vielleicht waren wir am Anfang etwas zu zögerlich und überrascht vom plötzlichen Ausmaß des Hasses auf der Plattform – wohlgemerkt von einer sehr kleinen Gruppe von Leuten. Die Herausforderungen, diese Probleme zu lösen, sind jedoch extrem komplex. So haben nicht alle Dinge, die wir getestet haben, auf Anhieb funktioniert. Aber wir werden besser. Und wir sind der Meinung: Der aktuelle Gesetzesvorschlag löst das Problem nicht.

Das heißt, Facebook trägt ausreichend Verantwortung?
Natürlich liegt die Verantwortung auch bei uns. Und ich sehe es als meine Aufgabe, dass wir als Unternehmen dieser Verantwortung gerecht werden. Wir müssen hier besser werden. Das Gesetz jedoch halten wir für nicht zielführend, weil private Unternehmen nicht entscheiden sollten, was legal oder illegal ist. Das ist die Aufgabe von Gerichten.

Der Vorwurf lautet, dass Facebook nicht entschieden und schnell genug gegen illegale Inhalte vorgeht.
Ja, das war in der Vergangenheit auch sicher so. Aber wir haben auch immer gesagt, dass wir hart daran arbeiten, hier besser zu werden, und wir sind auf dem richtigen Weg. Wir lassen uns auch von externen Partnern laufend testen. Zudem hat der jüngste Test der EU-Kommission gezeigt, dass wir hier mit einer Löschquote von über 80 Prozent bei illegalen Inhalten deutlich besser geworden sind. Unsere Maßnahmen tragen also Früchte.

Hat die Debatte Sie eigentlich Nutzer gekostet?
Wir wachsen weiter – aktuell haben wir über 30 Millionen Nutzer in Deutschland, die mindestens einmal im Monat die Plattform nutzen. Auch Instagram wächst sehr stark – mittlerweile haben wir deutlich mehr als neun Millionen aktive Nutzer.

30 Millionen Nutzer in Deutschland, dagegen 40 Millionen in Großbritannien. Warum ist der deutsche Nutzer so zurückhaltend?
Wir sind in Deutschland erst 2008 gestartet, das war relativ spät. Da ist natürlich noch Potenzial. Die berühmte Technikaversion, die man den Deutschen gerne nachsagt, sehen wir aber überhaupt nicht.

Jugendliche nutzen eher Snapchat, Instagram und WhatsApp statt Facebook. Wie überzeugen Sie die von der Plattform?
So stimmt das sicherlich nicht: Gerade Jugendliche benutzen Facebook und eine Vielzahl weiterer Plattformen parallel. Wir müssen ihnen das richtige Angebot machen – früher waren es einmal Onlinespiele, die wir auf der Plattform beworben haben, jetzt sehen wir, dass sich junge Nutzer besonders für Videoinhalte begeistern. Also bauen wir diesen Bereich aus.

In den USA gibt es Kooperationen mit Produktionsfirmen für eigene Inhalte. Ist das auch für Deutschland denkbar?
Es ist zu früh, dazu etwas zu sagen. Aktuell führen wir in den USA kleine Betatests durch, um zu schauen, welche Inhalte funktionieren und welche nicht.

Medienhäuser betten seit Mai 2015 ihre Nachrichten über Instant Articles bei Facebook ein. Wie sieht Ihr erstes Resümee aus?
Die funktionieren sehr gut und liefern im Schnitt zwischen 20 und 50 Prozent mehr Traffic auf die Medienseite als Mobile-Web-Links. Wir haben weltweit über 10 000 Publisher, die Instant Articles nutzen. Ein Viertel unseres externen Webseiten-Traffics sind Instant Articles…

… einige Medienunternehmen wie „New York Times“ und „Guardian“ haben sich allerdings bereits zurückgezogen.
Es gibt einige wenige, die sagen, das funktioniert nicht für sie. Ich kann das nur respektieren, es gibt nun einmal nicht eine Lösung für alle. Andererseits sind viele Medienhäuser sehr zufrieden damit. Wir verschaffen ihnen Reichweite und arbeiten mit ihnen zusammen, um auch – im Umbruch der Medienlandschaft – ein langfristig gesundes Ökosystem zu schaffen. Wir möchten starke Medienhäuser.

Facebook-Deutschland-Chef Martin Ott (M.) mit den Redakteuren Catrin Bialek und Johannes Steger in Köln.

Foto: Frank Beer für Handelsblatt

Ein Ökosystem, das sich finanziell für Medienhäuser tatsächlich lohnt?
Genau daran arbeiten wir gemeinsam. Die Medienhäuser können über Instant Articles dafür sorgen, dass ihre Inhalte schneller geladen werden und dass die Nutzer dadurch ein besseres Erlebnis haben, dass sie mehr Zeit dort verbringen. Dann können Medienhäuser dort das eigene Werbeinventar vermarkten und die Erlöse zu 100 Prozent behalten oder auf unser Inventar zurückgreifen. Zusätzlich arbeiten wir mit den Verlagen daran, auch noch weitere Geschäftsmodelle zu entwickeln. 

Werbetreibende beklagen, sie bekämen zu wenige Informationen über die Werbewirkung bei Facebook. Warum so verschlossen?
Ich kann diese Einschätzung nicht teilen. Wir haben gerade mit der GfK eine Meta-Analyse herausgegeben, wo wir über die Mediengattungen hinweg gezeigt haben, wie Facebook im Zusammenspiel mit Fernsehen, mit Print, mit Out-of-Home und so weiter funktioniert. Wir haben gezeigt, dass wir eine signifikante Reichweitenverlängerung schaffen. Wir haben mehr als 30 Millionen aktive Nutzer, täglich kommen 23 Millionen von ihnen zu uns. Eine so hohe Einschaltquote hat kein Fernsehsender. Und es sind echte Menschen, während in der alten Medienwelt Reichweitenkennzahlen auf Hochrechnungen und Kontaktchancen basieren. 

Dem Projekt der alten Fernsehwelt, in dem eine große Wirkungsstudie geschaffen wird, will Facebook aber trotzdem nicht beitreten?
Wir reden durchaus mit allen Partnern, auch mit Vereinigungen wie der AGOF. Die Frage ist aber, wie man einen guten Kompromiss findet, der auch die neue Welt abbildet. Es ist nicht immer einfach, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Deshalb: Noch können wir hierzu nichts bekanntgeben.

Dabei ist ja auch die neue Welt in einem stetigen Wandel…
Es war ein Riesenwandel, die Menschen vom Desktop zu Mobile zu bekommen. Die Nutzer in Deutschland verbringen im Schnitt 45 Minuten am Tag alleine auf Facebook, und zwar auf verschiedenen Devices. Facebook kann dieses Mediennutzungsverhalten zusammenführen und der Werbewirtschaft die echten Zahlen geben.

Und was kommt nach Mobile?
Die nächste große Wette ist Virtual Reality. Deshalb hat Facebook Oculus Rift gekauft – wir glauben fest an einen Durchbruch dieser Technologie. Virtual Reality ist nicht nur für die Gaming-Industrie interessant, sondern auch für viele Branchen wie etwa die Touristik. Stellen Sie sich vor, Sie wollen irgendwohin verreisen, dann können Sie mit Virtual Reality sich schon einmal vorab dort umschauen. Oder Sie können mit Freunden ganz anders kommunizieren – obwohl Sie an verschiedenen Orten sitzen, fühlt es sich an, als wären Sie im gleichen Raum. 

Verwandte Themen
Facebook
Deutschland
Instagram
USA

Und wie sieht es mit Augmented Reality aus?
Da sind wir einen starken Weg gegangen. Die Menschen werden mit ihren Smartphones eine augmentierte Realität erleben, das heißt, sie erleben mit der Handykamera eine virtuelle Welt. Wir bauen eine eigene Plattform dafür auf, um dort zu experimentieren. Noch sind es spielerische Anwendungen, aber das kann noch viel weiter gehen.

Wie lassen sich Virtual Reality und Augmented Reality vermarkten?
Wenn ich mit meiner Kamera durch die Stadt gehe und im Schaufenster etwas entdecke, dann kann ich direkt dort zusätzliche Informationen erhalten und sie auch kaufen. Oder ich kann Sachen entdecken, die ich mir nach Hause schicken lasse. Da gibt es viele spannende Möglichkeiten.

Herr Ott, vielen Dank für das Interview.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt