IT-Milliardär Charles Chen Yidan: Der Philanthrop aus China
Charles Chen Yidan.
Foto: HandelsblattBerlin. Der Milliardär aus China wirkt in Berlins Start-up-Szene ein wenig deplatziert. In Anzug und Krawatte nimmt Charles Chen Yidan in der umgebauten Altbauwohnung auf einem Plastikstuhl Platz. Von seinem Büro in Hongkong blickt er normalerweise auf die Glasfassaden benachbarter Wolkenkratzer. In der deutschen Hauptstadt sitzt er nun in einem Konferenzraum, der an eine WG-Küche erinnert. Die Kulisse: aufgestapelte Limonadenkästen, eine Wand voll bunter Post-its und ein dunkelblaues Klappsofa von Ikea. Eine ungewohnte Welt für den Mitgründer des chinesischen Internetkonzerns Tencent, der an der Börse mit über 250 Milliarden Euro bewertet wird.
Chens Gastgeber in Berlin spielt in einer anderen Liga. Er heißt Hannes Klöpper, ist Anfang 30, und leitet das Bildungsunternehmen Iversity. Das Start-up bietet Firmenkunden und Privatleuten Onlinekurse an und versucht gerade mit zwölf Mitarbeitern den Neustart nach einer Insolvenz. Klöpper will vorführen, was das Innovative an seiner Geschäftsidee ist. Doch der Beamer wirft nur eine blaue Fläche an die Wand. „Vorführeffekt“, sagt der junge Gründer. „Kann es sein, dass die Datei zu groß ist?“, fragt Chen freundlich.
Der 45 Jahre alte Chinese ist nach Deutschland gekommen, um zu helfen. Der Unternehmer hat ein großes Ziel: Er will die Bildungssysteme der Welt neu gestalten und setzt dabei auf Menschen wie Klöpper: Unternehmer oder Wissenschaftler, die gute Ideen haben, um Bildungsangebote in das digitale Zeitalter zu heben – und bei der Umsetzung noch ein wenig Unterstützung brauchen.
Zweiter Besuch in Berlin
Die Hilfe, die Chen geben möchte, kann sich sehen lassen: 320 Millionen US-Dollar aus seinem Privatvermögen gab er vor wenigen Monaten in eine Stiftung, die ab 2017 mit dem höchstdotierten Bildungspreis der Welt innovative Bildungsansätze fördern soll. Ausgezeichnet werden können Forscher und Praktiker, sofern ihre Projekte das Potenzial bieten, möglichst global zu funktionieren. Zwei Sieger erhalten jeweils ein Preisgeld von rund vier Millionen Dollar. Das übertreffe den Nobelpreis um ein Vielfaches, schwärmen Chens Mitarbeiter.
Es ist Chens zweiter Besuch in Berlin. Beim ersten Mal war der schlaksige Mann nicht gekommen, um Geld zu verteilen, sondern um welches einzutreiben. Es war kurz nach der Jahrtausendwende, Chen war Anfang 30, und er warb vor dem Börsengang seiner Internetfirma Tencent um Investoren. Ein Einstieg hätte sich damals gelohnt. Heute gehört die Firma, die mit der App WeChat für chinesische Smartphone-Nutzer unverzichtbar geworden ist, zu den zehn wertvollsten Internetfirmen der Welt.
Nach einem rasanten Aufstieg zog sich Mitgründer Chen vor vier Jahren aus dem operativen Management zurück – und suchte als hauptberuflicher Philanthrop eine neue Herausforderung. Mit Geldspenden hat er Erfahrung: 2009 stieg er beim chinesischen Wuhan College ein und machte die zentralchinesische Einrichtung mit einer Finanzspritze von mehr als 300 Millionen Dollar zur ersten privaten Non-Profit-Hochschule Chinas. Sie soll Nachwuchs für Chinas schnell wachsenden Technologiesektor hervorbringen.
Auf der Suche nach preiswürdigen Vordenkern
In Berlin sucht der Chinese nach preiswürdigen Vordenkern. In einem schwarzen Kleinbus tingelt Chen zwischen potenziellen Kandidaten und Bildungseinrichtungen, die er auf seine Auszeichnung aufmerksam machen möchte. Ob er sich den Preis für Klöppers Start-up vorstellen könnte, lässt sich an Chens Gesichtsausdruck während des Termins nicht ablesen. Er wirkt ernst und lächelt nicht. Im Auto sagt er hinterher diplomatisch: „Wer gewinnt, muss die Jury entscheiden. Wir freuen uns über jede Bewerbung.“
Meistens spricht Chen auf Chinesisch und lässt sich von einer Dolmetscherin übersetzen. Englisch lerne er gerade, er werde langsam besser, sagt Chen. Auch wenn es um sein Kernthema Bildung geht, gibt sich der Unternehmer in Berlin als neugieriger Schüler. Von Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, lässt er sich das duale Ausbildungssystem erklären.
Über sich selbst und sein Privatleben gibt Chen hingegen nur ungern Auskunft. Wie viel Geld ihm Tencent gebracht hat, will er nicht verraten. „Ich stehe lieber im Hintergrund“, gibt er sich bescheiden. Den Vorschlag seiner Mitarbeiter, den Preis nach ihm selbst zu benennen, habe er nur mit Skepsis angenommen.
Ganz undurchsichtig ist Chens Fassade aber nicht. Wer genau hinsieht, bemerkt, dass der Mann, der Hunderte Millionen Dollar für wohltätige Zwecke ausgibt, mit sich selbst eher knausrig ist. Zum Mittagessen bestellt er eine Kartoffelsuppe für 7,50 Euro. Für die Übernachtung wählt er ein preiswertes Hotel. Die Sparsamkeit erklärt er mit seiner Familiengeschichte: Seine Großmutter habe in Armut gelebt. „China war ein sehr armes Land. Sie ist beinahe verhungert.“ Sein Vater habe Kekse gehortet, damit die Familie auch im Fall von schlechten Zeiten etwas zu essen habe. „Diese Mentalität habe ich wohl geerbt.“ Bei dem Thema wird der Unternehmer, der mit seinen kurz geschorenen Haaren und seiner Brille einen sehr sachlichen Eindruck hinterlässt, überraschend emotional. Seine Augen werden feucht. Die Mitarbeiter reichen ihm ein Taschentuch.
Großmutter motiviert ihn zum Lernen
Auch seine philanthropische Arbeit erklärt Chen mit seiner Großmutter: Die Frau, die 98 Jahre alt wurde, war ihr Leben lang Analphabetin. Gleichwohl habe sie ihn als jungen Menschen zum Lernen motiviert. Das präge ihn bis heute.
Lange Zeit verfolgte die Kommunistische Partei das zivilgesellschaftliche Engagement reicher Gönner mit Skepsis. Das ändert sich aber: 2016 erließ die Führung in Peking das erste Wohltätigkeitsgesetz, das eine Kultur des Gebens fördern soll. Chen gehört zu den Anführern von Chinas großzügigen Reichen: Er stand laut der Forschungseinrichtung Hurun zuletzt auf Rang zwei der spendierfreudigsten Philanthropen Chinas. Übertroffen wurde er nur von Ma Huateng, einer seiner Mitgründer bei Tencent.
Wenn es nach Chen geht, soll die Wirkung der Wohltaten bald rund um den Globus zu spüren sein. Ein passendes Symbol dafür liefert er beim Abendessen in einem bayerischen Restaurant. Auf dem Tisch liegen mit Sternen verzierte rote Servietten. Während Chen auf Schweinshaxe und Weißbier wartet, bastelt er an der Dekoration herum und präsentiert nach ein paar Minuten sein Ergebnis: Ein großer und vier kleine Sterne auf rotem Grund – die Flagge der Volksrepublik ist an diesem Abend in Berlin gehisst.