Pharma-Konzern: Schnelleres Wachstum in den USA – Boehringer kommt Trump entgegen
Frankfurt. Der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim hat im ersten Halbjahr von guten Geschäften mit seinem Diabetesmittel Jardiance sowie dem Lungenmedikament Ofev profitiert.
Das Familienunternehmen wuchs von Januar bis Juni um währungsbereinigt 6,3 Prozent auf 14,0 Milliarden Euro Umsatz. In der Sparte Humanpharma behaupteten sich Jardiance und Ofev mit 4,3 beziehungsweise 2,0 Milliarden Euro Umsatz als lukrativste Medikamente.
„Wir sind als Unternehmen im ersten Halbjahr gut vorangekommen. Die durch die US-Politik ausgelösten Unsicherheiten haben die Geschäftsentwicklung letztlich kaum beeinflusst“, sagt Finanzchef Frank Hübler im Gespräch mit dem Handelsblatt. Inwieweit mögliche künftige Zölle das Geschäft beeinträchtigen werden, müsse man abwarten, so Hübler weiter.
US-Präsident Donald Trump hatte angekündigt, in Zukunft hohe Zölle auf importierte Arzneimittel zu erheben. Viele große Pharmakonzerne hatten als Reaktion auf Trumps Zollpolitik angekündigt, für Milliardensummen neue Produktionsstätten in den USA aufzubauen.
Das hat das Familienunternehmen Boehringer Ingelheim, das einen Großteil seiner Produkte an Standorten in Deutschland und Europa produziert, nicht vor. Allerdings soll die Produktion mit Herstellern in den USA erweitert werden. „Wir sind nach der Coronapandemie dazu übergegangen, unsere Produktion und die Lieferketten stärker zu regionalisieren“, sagt Hübler.
Das Unternehmen habe ohnehin geplant, die Produktion von Jardiance in den USA mit amerikanischen Partnern auszubauen. „Das werden wir jetzt angesichts der politischen Situation in einem größeren Umfang als ursprünglich geplant umsetzen“, so Hübler.
Jardiance hat vor mehr als zehn Jahren die Zulassung zur Behandlung von Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes erhalten. Im Verlauf der Jahre zeigte das Mittel auch positive Wirkungen bei Herz-Kreislauf- und Nierenerkrankungen. Jardiance wurde zur Behandlung von Herzinsuffizienz und 2023 auch als Therapie für chronische Nierenerkrankungen zugelassen. Allein in dieser Indikation kann das Medikament nach Einschätzung von Boehringer potenziell 850 Millionen Menschen erreichen. Alle Anwendungen zusammengerechnet sind es mehr als eine Milliarde Patienten.
Boehringer Ingelheim ist derzeit das größte deutsche Pharmaunternehmen vor dem Bayer-Konzern. Rund 80 Prozent des Gesamtumsatzes werden mit Arzneimitteln für Menschen gemacht, der Rest entfällt auf Tiermedizin. Insgesamt wuchs die Humanpharma-Sparte von Januar bis Juni um 5,7 Prozent auf 11,3 Milliarden Euro.
Der Bereich Tiermedizin legte um 7,6 Prozent auf 2,6 Milliarden Euro Umsatz zu, wobei hier die Produkte der Marke Nexgard, die unter anderem gegen Flohbefall bei Hunden eingesetzt werden, den größten Anteil hatten.
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Boehringer Ingelheim hat in den vergangenen Jahren stark in Forschung und Entwicklung investiert. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt 6,2 Milliarden Euro dafür ausgegeben, in diesem Jahr dürfte laut Hübler eine ähnliche Größenordnung erreicht werden.
Insgesamt plant das Unternehmen, in den nächsten zwölf bis 18 Monaten mehr als zehn neue klinische Studien in den fortgeschrittenen Phasen zwei und drei zu starten. Sie erstrecken sich über die verschiedenen Therapiebereiche des Unternehmens.
In diesem Jahr noch wird die US-Zulassung für zwei neue Medikamente erwartet, das Krebsmedikament Zongertinib gegen eine bestimmte mutierte Form von Lungenkrebs sowie das Präparat Nerandomilast gegen Lungenfibrose (Vernarbung).
„Für das Krebsmedikament Zongertinib erwarten wir eigentlich täglich den Zulassungsbescheid aus den USA“, sagt Hübler. „Für uns ist das Präparat sehr wichtig, weil es uns nach über zehn Jahren Forschungszeit wieder eine Präsenz im wichtigen Onkologiemarkt verschafft. Diese wollen wir in den kommenden Jahren ausbauen.“
Die Zulassung für Nerandomilast wird für das vierte Quartal erwartet. Das Präparat soll gegen verschiedene Formen von Lungenfibrose eingesetzt werden, eine tödliche Krankheit, bei der Lungengewebe vernarbt und es für den Patienten immer schwieriger wird zu atmen.
„Auf diesem Feld haben in der Vergangenheit viele Pharmaunternehmen geforscht. Mehr als 35 fortgeschrittene Studien dazu sind in der Branche gescheitert“, sagt Hübler. Boehringer Ingelheim habe zeigen können, dass Nerandomilast das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamt und zudem vergleichsweise gut vertragen wird. Hübler: „Bisher können 50 Prozent der Patienten nicht behandelt werden, weil sie die derzeit verfügbare Therapie nicht vertragen.“