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Serie: Ostdeutsche Erfolgsgeschichten Industrie-Ikone Gewes: Vom DDR-Staatsbetrieb zum erfolgreichen Global Player

Nach der Wiedervereinigung mussten die Gewes Gelenkwellenwerke um jeden Auftrag kämpfen. Heute beliefert die Firma Kunden in der ganzen Welt.
21.08.2020 - 12:18 Uhr Kommentieren
Durchsetzungsfähigkeit gehört zur DNA des Unternehmens. Quelle: Gewes
Gewes-Produktion

Durchsetzungsfähigkeit gehört zur DNA des Unternehmens.

(Foto: Gewes)

Düsseldorf Dass sie einmal ein mittelständisches Industrieunternehmen führen würde, war Daniela Röder-Krasser erst vergleichsweise spät in ihrem Berufsleben klar. „Ich hatte die Freiheit, selbst zu entscheiden, welchen beruflichen Weg ich einschlage“, sagt die studierte Betriebswirtin. Doch als ihr Vater Martin Röder vor mehr als zehn Jahren begann, über seine Nachfolge nachzudenken, hat sie sich schnell entschieden.

Seit 2018 ist sie nun Chefin des Thüringer Gelenkwellenherstellers Gewes – und führt den zu DDR-Zeiten staatseigenen Betrieb seither auf einen internationalen Expansionskurs. Dabei kann sie weiter auf die Erfahrung ihres Vaters zählen. „Meine Tochter ist der Kapitän, ich bin der Lotse“, beschreibt der frühere Firmenpatriarch das Verhältnis. „Sie lenkt das Schiff – ich sorge dafür, dass sie an keiner Klippe hängen bleibt, und stehe ihr mit meinem Rat zur Seite.“

Das Erfolgsrezept funktioniert: Seit 2009 konnte das Gelenkwellenwerk Stadtilm (kurz: Gewes) seinen Umsatz von rund 33,5 Millionen auf rund 51,8 Millionen Euro steigern. Die internationale Expansion nach Asien zum Beispiel startete das Unternehmen aber vergleichsweise spät. Erst 2016 gründete Gewes eine Vertriebsgesellschaft in China.

„Unsere Strategie ist derzeit, unseren weltweiten Marktanteil zu erhöhen, besonders im Bereich der Industrieanwendungen“, erklärt Röder-Krasser. „Es hat sich gezeigt, dass man mit Qualitätsprodukten weltweit immer wieder Kunden findet – auch wenn der Markt immer aggressiver umkämpft wird.“

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    Dabei gehört Durchsetzungsfähigkeit praktisch zur DNA des Unternehmens: 1942 hatte ein Vorgängerunternehmen des Rüstungsherstellers Rheinmetall den Grundstein für das Werk im thüringischen Stadtilm gelegt, bis infolge des Zweiten Weltkriegs die dortige Produktion eingestellt worden war.

    Die Gewes-Chefin führt den zu DDR-Zeiten staatseigenen Betrieb auf einen internationalen Expansionskurs. Quelle: Röder
    Daniela Röder-Krasser

    Die Gewes-Chefin führt den zu DDR-Zeiten staatseigenen Betrieb auf einen internationalen Expansionskurs.

    (Foto: Röder)

    Nach dem Krieg nahmen frühere Mitarbeiter den Betrieb wieder auf. Sie nutzten die verbliebenen Maschinen und das Restmaterial, um landwirtschaftliche Geräte zu reparieren, bis das Gelenkwellenwerk Thüringen 1947 als landeseigener Betrieb zur Herstellung von Gelenkwellen, Kegelrollenlagern und anderen Fahrzeugteilen neu gegründet wurde.

    In der DDR-Zeit firmierte das Unternehmen schließlich unter dem Namen „IFA-Vereinigung Volkseigener Fahrzeugwerke Gelenkwellenwerk Thüringen Stadtilm“. In dieser Zeit wuchs das Unternehmen stark und erweiterte seine Produktpalette.

    Hinzu kam so die Entwicklung von Doppelgelenkwellen, die beispielsweise im Pkw Wartburg zum Einsatz kamen. Schrittweise wurde die Produktion in den Folgejahren um mehrere Standorte erweitert – dann kam die Wende und die Gelenkwellenwerke unter die Verwaltung der Treuhand.

    Privatisierung mit Hindernissen

    Drei Jahre lang suchte die Treuhand nach einem privaten Investor für den Betrieb – vergeblich. Im Juli 1993 verkündete ein Mitarbeiter der Treuhand-Außenstelle Erfurt der Belegschaft, dass das Gelenkwellenwerk zum 1. November liquidiert würde, falls sich bis dahin kein Käufer fände. „Keiner der weltweit angeschriebenen über 100 Interessenten wollte den Betrieb kaufen“, erinnert sich Martin Röder heute.

    Weil er das Unternehmen aus seiner Heimatregion gut kannte und als leitender Angestellter eines anderen Unternehmens über Führungserfahrung verfügte, stieg er vier Tage vor Ablauf der Frist gemeinsam mit einem früheren Betriebsleiter, der 20 Prozent der Anteile übernahm, in das Unternehmen ein – und war bereit, dafür sein gesamtes Vermögen zu riskieren.

    „Meine Tochter ist der Kapitän, ich bin der Lotse.“ Quelle: Röder
    Firmenpatriarch Martin Röder

    „Meine Tochter ist der Kapitän, ich bin der Lotse.“

    (Foto: Röder)

    Denn den Kauf des Unternehmens für damals rund eine Million DM musste Röder mit einem Privatdarlehen finanzieren. Zudem hatte die Treuhand vom Käufer gefordert, weitere acht Millionen DM in den Betrieb zu investieren. Die Banken von seinem Vorhaben überzeugen konnte Röder dabei vor allem dank einer Landesbürgschaft über zehn Millionen DM.

    Die größte Hürde bei der Privatisierung aber sei gewesen: „Dass die Treuhand in einen Ostdeutschen nicht das Vertrauen hatte, ein Unternehmen in dieser Größenordnung erfolgreich zu führen.“ Denn als sich plötzlich nach dem Verkauf doch ein westdeutscher Interessent fand, wollte die Treuhand den Verkauf an Röder für nichtig erklären. „Es zeichnete sich ein knallharter Treuhand-Skandal ab“, sagt Röder.

    Doch Management, Betriebsrat und Belegschaft kämpften mit Unterstützung der Landespolitik und der regionalen Wirtschaft gegen die Pläne der Treuhandanstalt. Mit Erfolg: Anfang 1994 entschieden sich die Verantwortlichen angesichts des öffentlichen Widerstandes schließlich, die gebeutelten Gelenkwellenwerke doch in Röders Hände zu geben.

    Arbeitsintensive Jahre

    Für den Neu-Unternehmer begannen damit entbehrungsreiche Jahre. „Als ich das Unternehmen übernommen habe, war es ein Kampf um jeden Kunden“, denkt Röder an die erste Zeit zurück. „Ich bin sehr viel gereist, meine Familie hat mich kaum zu Gesicht bekommen.“ Dabei habe er im Unternehmen immer die Losung ausgegeben: „Wir dürfen nicht der billige Jakob aus dem Osten werden, sondern müssen mit Qualität überzeugen.“ Das sei der Firma gelungen, so das rückblickende Urteil. „Andernfalls hätten wir die vergangenen 27 Jahre nicht überlebt.“

    Für Gewes und Stadtilm hat sich Röders Kampf ausgezahlt. Denn er und seine Familie haben in diesen Jahren rund 140 Millionen Euro in das Unternehmen reinvestiert. Heute sind knapp 350 Mitarbeiter bei Gewes beschäftigt. Um neue Fachkräfte zu rekrutieren, kooperiert Gewes mit der Technischen Universität Ilmenau, der Technischen Universität Dresden und zahlreichen weiteren Bildungseinrichtungen aus der Umgebung.

    Seit 2018 führt nun Röders Tochter das Unternehmen. Den Übergabeprozess hatte der Firmenpatriarch bewusst langfristig angelegt: Bereits 2008 erfolgte der erste Schritt des Generationswechsels, als Daniela Röder-Krasser und ihr Mann ins Unternehmen einstiegen. „In meiner Zeit als Präsident der IHK Südthüringen habe ich viele Unternehmer erlebt, die nicht loslassen konnten“, begründet Röder den Schritt. „Teilweise hat das die Unternehmen ruiniert. Deshalb habe ich immer gesagt: Ein guter Chef ist wie ein Dirigent. Er braucht gute Solisten, denen er Freiraum lässt.“

    Den gewährte er seiner Tochter zunächst als Leiterin der Abteilung Rechnungswesen und Controlling. Die Stelle habe sie vor allem wegen ihres kaufmännischen Hintergrunds übernommen, nachdem sie einige Jahre nach einer Banklehre und einem Studium der Betriebswirtschaftslehre bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY gearbeitet hatte. „Das technische Fachwissen mussten mein Mann, der ebenfalls Teil der Geschäftsführung ist, und ich uns erst mit der Zeit aneignen“, so die Managerin. „Das hat gut funktioniert – auch weil wir über kompetente Mitarbeiter verfügen, die uns dabei zur Seite standen.“

    Ihren eigenen Töchtern will Röder-Krasser den gleichen Freiraum lassen wie einst ihr Vater, der sie nie zum Einstieg ins Unternehmen gedrängt habe. „Es ist nicht möglich, ein Unternehmen gut zu führen, wenn man nicht mit Herzblut bei der Sache ist.“ Eine Einstellung, die Röder-Krasser offenbar von ihrem Vater geerbt hat.

    Mehr: In den neuen Bundesländern sind inzwischen 92 Prozent aller Firmen Familienunternehmen. Das Handelsblatt präsentiert auf Basis wissenschaftlicher Studien im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen bis zum 2. Oktober zehn Erfolgsgeschichten. Die einzelnen Serienteile sowie Hintergründe finden Sie hier.

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