Bernd Schmidbauer: Der Spezialagent
Als Geheimdienst-Koordinator half Bernd Schmidbauer beim Gnadengesuch von Michael Josten – allerdings ohne Erfolg.
Foto: dpa - picture-allianceIn den 1990er-Jahren saß Bernd Schmidbauer in der Machtzentrale der deutschen Politik. Von 1991 bis 1998 war er Staatsminister beim Bundeskanzler und damit die rechte Hand von Helmut Kohl. Als Koordinator der deutschen Geheimdienste, des Bundesamts für Verfassungsschutz, des Bundesnachrichtendienstes und des Militärischen Abschirmdienstes, wurde er berühmt-berüchtigt. Durch seinen persönlichen Einsatz bei der Befreiung von Geiseln erwarb sich Schmidbauer den Spitznamen „008“.
2008 meldete sich bei dem damals 69-jährigen Spezialagenten dann ein Parteigenosse mit einem ganz besonderen Problem. Michael Josten, von 1991 bis 1995 Landesschatzmeister der CDU Sachsen-Anhalt, sollte ins Gefängnis gehen, wollte aber nicht. Das Landgericht Mannheim hatte ihn im Jahr zuvor wegen 176-fachen Betrugs mit Immobilien zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Josten half sich erst einmal selbst. Er zog um, schrieb seinen Namen nicht an den neuen Briefkasten. Ein einfacher Trick, mit dem er aber ein ganzes Jahr Zeit gewann, sein neues Großprojekt voranzutreiben: Teldafax.
Schmidbauer hörte Josten gern zu. Die CDU-Männer trafen sich am Rande eines Spiels von Bayer 04 Leverkusen. Teldafax zahlte jedes Jahr rund sechs Millionen Euro an den Bundesligisten – dafür durfte Josten jetzt in der Ehrenloge Theater spielen. Für Schmidbauer entschloss er sich zu einer Doppelrolle: umtriebiger Unternehmer und Opfer der Justiz.
Schmidbauer verließ das Stadion mit dem Eindruck, Josten sei durch den langen Prozess schon genug gestraft, eine Inhaftierung unangemessen. Josten hatte seine Rolle überzeugend gespielt. Warum, fragte sich Schmidbauer, solle der deutsche Staat wegen einer so alten Sache einen Mann noch länger in seiner unternehmerischen Tätigkeit einschränken? Teldafax war doch bereits ein toller Erfolg, die Liberalisierung des Strommarktes sogar ein Anliegen der Bundesregierung. Nein, fand Schmidbauer, da musste er helfen.
Und so half der einflussreiche Geheimspezialist Josten bei dessen Gnadengesuch beim Bundesgerichtshof. Schmidbauer unterstützte sogar Jostens Beschwerde beim Europäischen Menschengerichtshof. Dass er sich vorher nicht erkundigte, wem er da eigentlich half, wirft im Nachhinein kein gutes Licht auf den vermeintlich so versierten Mann. Die Richter des Landgerichts Mannheim hatten schließlich eine „erhebliche kriminelle Energie“ und eine „besonders habgierige Gesinnung“ des Angeklagten Josten vermerkt. Das ging Schmidbauer durch, sagt Schmidbauer.
„Wenn ich damals gewusst hätte, was ich heute weiß, hätte ich natürlich anders gehandelt“, erzählte Schmidbauer später dem Handelsblatt, nachdem die Zeitung den Skandal um Teldafax öffentlich gemacht hatte. Schmidbauer gab sich schwer verwundert. Weder sei ihm bewusst gewesen, dass Josten sich seiner Haft entzogen hatte, indem er 2008 seinen Wohnort in die Schweiz verlegte, noch habe er die Einzelheiten des Urteils aus dem Jahr 2007 gekannt. So handelte der eine CDU-Mann für den anderen wohl einfach in treuem Glauben.
Letztlich blieb Schmidbauers Einsatz ohne Erfolg. Im April 2010 wurde Josten in der Schweiz festgenommen und trat im Juni seine Haft in Bruchsal an. Doch obwohl er sich seiner Verhaftung drei Jahre entzogen hatte, ehe er sie antrat, machte die deutsche Justiz ihm seinen Aufenthalt im Gefängnis besonders angenehm. Nur zwei Monate nach Ankunft in der Justizvollzugsanstalt Bruchsal kam Josten in den offenen Vollzug. Als Freigänger konnte er weiterhin die Geschehnisse bei Teldafax nach Belieben steuern.
Am 31. August 2011 dann kam Josten plötzlich auf Bewährung frei. Das Oberlandesgericht Karlsruhe glaubte, dass „bei dem Häftling Josten eine günstige Sozialprognose“ vorliege. Und so war Josten statt der vorgesehenen 30 Monate nur 13 Monate in Haft, mehr als die Hälfte davon hatte er Freigang. Schmidbauer hatte mit dieser Bilanz nichts zu tun, sagt Schmidbauer.