Buchtipps 2023: Zehn Romane für die Feiertage
Düsseldorf. Jahresendspurt im Büro, Adventsfeier nach Feierabend, Geschenkestress am Wochenende - die Zeit zur Muße ist knapp in der Vorweihnachtszeit. Dabei sollten gerade in diesen Wochen Ruhe und Besinnlichkeit einkehren.
Das Handelsblatt stellt zehn Romane unterschiedlicher Genres vor, mit denen ein wenig Muße gelingen kann - oder die Suche nach einem passenden Geschenk beschleunigt wird. Romane, die sich mit aktuellen Themen unserer Zeit beschäftigen und zugleich gut und spannend geschrieben sind.
Kriminalroman: Ein Konzern regiert die Welt
Dieser Kriminalroman ist so düster wie spannend. Er spielt in einer Welt, in der Größtkonzerne wie Amazon oder Alphabet nicht mehr länger nur die Öffentlichkeit und Wirtschaft von Ländern organisieren, sondern sie gleich selbst übernehmen.
Der Gigant GoldTex hat die Übernahme des bankrotten Griechenlands abgeschlossen, und die Bewohner Athens sind voller Panik geflohen – darunter Zem Sparak. Er ist einer jener „Hunde“, die in der Mega-City „Magnapolis“ als Hilfspolizist Kriminellen hinterherschnüffelt. Sein Einsatzgebiet ist Zone drei, die Zone der Unterprivilegierten, deren größte Aufstiegschance der Gewinn in einer Lotterie namens „Destiny“ ist, der sie zum Mittelstand in Zone zwei wechseln lassen kann.
Laurent Gaudé
Hund 51
Übersetzung: Christian Kolb
dtv Verlagsgesellschaft
München 2023
336 Seiten
24 Euro
Die Top-Mächtigen leben im Grünen der Zone eins, wohin es Sparak bei Ermittlungen in einer Mordsache treibt. Er wird diesen Fall am Ende lösen und doch nicht lösen, er wird seine geliebte Kollegin verlieren und doch nicht verlieren. Dem preisgekrönten Laurent Gaudé ist mit „Hund 51“ ein kraftvolles Meisterwerk gelungen, das zu Recht 2022 das Lieblingsbuch des französischen Buchhandels war.
Tatsachenroman: Über Genies, Menschen und Maschinen
Was haben ein österreichischer Physiker, der Selbstmord begeht, ein ungarisches, etwas unheimliches Zahlengenie und eine Künstliche Intelligenz miteinander zu tun? Sehr viel. An ihren Entstehungsgeschichten erzählt Benjamín Labatut in seinem Roman „Maniac“ die Grundlagen unserer heutigen technologischen Errungenschaften.
Der 43-jährige, in Rotterdam geborene chilenische Autor beschreibt das Werden und Wirken der zwei Ausnahmewissenschaftler Paul Ehrenfest und John von Neumann. Ersterer war ein Zeitgenosse und guter Freund Albert Einsteins, der Zweite ein herausragender Mathematiker, der als Begründer der Informatik gilt.
Benjamín Labatut
Maniac
Übersetzung: Thomas Brovot
Suhrkamp Verlag
Berlin 2023
395 Seiten
26 Euro
Diese beiden extremen wie erkenntnisreichen Lebensgeschichten führt Labatut zusammen, indem er aufzeigt, wie durch diese beiden Wissenschaftler die Grundlagen für jüngste Technologien wie die Künstliche Intelligenz gelegt wurden, und Maschinen entstehen, die Menschen in Schach- oder Go-Partien schlagen. Maniac ist eine sehr lesenswerte Symbiose aus Roman und Sachbuch. Fakt und Fiktion sind eng verknüpft, das Buch ist unterhaltsam und erkenntnisreich zugleich.
Gegenwartsroman: Für Männer in den besten Jahren
Wie viel von Paolo Giordano selbst im Helden seiner neuen Roman-Reise nach Tasmanien steckt, ist nicht überliefert. Aber es wird ein nennenswertes Stückchen sein. Denn der Autor befindet sich mit Anfang 40 in der gleichen Lebensphase wie sein Protagonist.
Der schlägt sich mit Problemen und Herausforderungen herum, mit denen sich Männer zwischen Anfang 30 und Anfang 40 heute ebenso herumplagen – die neue Problemzone aufgeklärter Männlichkeit. Will Mann Kinder oder nicht? Und was macht das mit der Beziehung, wenn einer will und eine nicht? Nervt der Job nur noch, oder bietet er nicht doch noch Potenziale? Und dann erst die Weltlage. Krieg, Klimakatastrophe, Kulturverlust im politischen Raum. Ganz schön viel für einen Lebensabschnitt, in dem manche Entscheidung noch nicht final und manche nicht mehr zu ändern ist.
Paolo Giordano
Tasmanien
Übersetzung: Barbara Kleiner.
Suhrkamp Verlag
Berlin 2023
335 Seiten
25 Euro
Der Erzähler dieses Romans genießt, leidet, jubelt, zweifelt. Das ist alles sehr unterhaltsam zu lesen, gehört Giordano doch zu jenen jüngeren italienischen Schriftstellern, die mit Sinn für Sprachästhetik sehr atmosphärisch und immer präzise die Läufe der Zeit beschreiben. Dazu dicht an seinen Protagonisten, deren Äquivalente in der Wirklichkeit gut vorstellbar sind.
Generationenporträt: Vom Jobglück und Unglück des Lebens
Ein geisteswissenschaftlicher Abschluss bringt nicht immer den Traumjob – schon gar nicht in Rezessionszeiten. Doch die 22-jährige Inderin Sneha hat im Gegensatz zu vielen ihrer Kommilitonen Glück: In den USA findet sie während Obamas zweiter Amtszeit eine Stelle in einer kleinen Beratung, die für die großen Fortune-500-Unternehmen im Einsatz ist. Es wird kein leichtes Leben.
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„All dies könnte anders sein“ heißt der Debütroman von Sarah Thankam Matthews. Und die Leser fühlen diesen frommen Wunsch der jungen Person of Color stetig mit – nicht zuletzt aufgrund des dichten Sprachstils der Autorin.
Sarah Thankam Mathews
All dies könnte anders sein.
Übersetzung: Yasemin Dinçer, Harper Collins
Hamburg 2023
416 Seiten
22 Euro
Die Protagonistin landet in Milwaukee, „einer rostigen Stadt“, unter Umständen, die nicht jeder hinnehmen würde. „Wie ein ausgewrungener Mopp“ kommt sie von der Arbeit, und ihre Wohnung ist so kalt, dass Sneha morgens vom Klappern ihrer Zähne aufwacht. In einer Atmosphäre aus Öde und Einsamkeit entsteht ein bizarres Leben zwischen kuriosen Chefs, Freunden und Nachbarn, aus der ein Entziehen kaum möglich ist. Der Roman lässt wenig Distanz zu, am Ende aber die Entdeckung, was Menschen einander bedeuten können.
Digitale Welt: Vergebliche Flucht aus der digitalen Welt
Mila Meyring ist Anfang 30 und plant ihren Rückzug aus der digitalen Welt. Damit will sie ihrer größten Angst zuvorkommen, dass sich irgendwann einmal etwas, das sie gesagt oder geschrieben hat, über ihr zusammenbrauen und sie vernichten könnte. Mila entfernt sich zunehmend von der digitalen Welt, doch jedes Mal, wenn sie einen Schritt weiter geht, begegnen ihr neue Hürden.
Dabei ist Jenifer Beckers Debütroman „Zeiten der Langeweile“ kein Ratgeber zum digitalen Detox. Protagonistin Mila macht vielmehr die Erfahrung, dass den digitalen Tod zu sterben einer echten Nahtod‧erfahrung sehr nahekommt. Becker schafft es, die Angst vor der Unberechenbarkeit des Internets eindrucksvoll zu transportieren.
Jenifer Becker
Zeiten der Langeweile
Hanser Berlin
München 2023
240 Seiten
23 Euro
Die Verschmelzung von realer und digitaler Welt wird dabei geschickt thematisiert: Je mehr sich Mila von der digitalen Sphäre löst, desto deutlicher wird ihre Schwierigkeit, in der realen Welt Fuß zu fassen. Im Mittelpunkt von Beckers Roman steht die Frage, ob ein vollständiger Austritt aus der digitalen Welt überhaupt noch möglich ist, ohne den Bezug zur Realität zu verlieren. Für Mila wird das zum Dilemma.
Politischer Roman: Vom Künstler zum Flüchtling
Im Westen läuft keiner zu Fuß, hatte ihm seine Mutter versichert. Jetzt schmerzen die Blasen an den Füßen des jungen Iraners. Auch der Hunger quält ihn. Und das mitten im reichen Österreich. Gewalt und Langeweile gehören zum Alltag in seiner Flüchtlingsunterkunft. Menschen feinden ihn, den Fremden, an, Ämter sortieren, zermürben, lassen verzweifeln.
In „Das Ende ist nah“ gibt der preisgekrönte Theaterautor Amir Gudarzi seltene Einblicke in eine Welt, die zwar ihm, aber vielen seiner Leser kaum vertraut sein dürfte: triste Sammelunterkünfte, darin ein Nationengemisch traumatisierter Menschen. In seinem ersten Roman führt der Iraner, der seit 2009 in Österreich lebt, seine Leser eindringlich an dieses Leben heran.
Amir Gudarzi
Das Ende ist nah
dtv Verlagsgesellschaft
München 2023
416 Seiten
25 Euro
A., der in seiner Heimat unter Lebensgefahr als Künstler von den Mullahs Demokratie forderte, erfährt, was er in Österreich ist: ein „Nichts“ – ohne Status, ohne Sprache. Hart sind auch die Zeitsprünge in die Kindheit des einstigen Studenten: Die Gewalt in Staat und Gesellschaft hinterlässt ihre Spuren. „Literatur ist politisch“, sagt Gudarzi. Mit seinem Debütroman setzt er hinter diese Überzeugung ein großes Ausrufezeichen.
Satire: Wenn ein Dorf verschwindet
Nein, es geht hier nicht um Lützerath oder den Tagebau Garzweiler, sondern um die Kluft zwischen Stadt und Land – und einiges mehr.
Liegt ein Hotel irgendwo im Nirgendwo, bezeichnen dessen Betreiber das Etablissement gerne als „Hideaway“ und wollen damit gestresste Großstädter anlocken, die einfach mal von der Bildfläche verschwinden möchten. In Johanna Sebauers Roman „Nincshof“ will gleich ein ganzes Dorf im österreichischen Burgenland verschwinden – und das sicher nicht, weil die Menschen dort einen so vollen Terminkalender haben.
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Was bemerkenswert klingt, entwickelt sich zu einer unterhaltsamen Geschichte, die mehr ist als nur das Aufeinandertreffen von Großstadtbewohnern mit der Landbevölkerung. Der jungen Autorin gelingt es in ihrem Erstling, einen Ton zu treffen, der so nur in österreichischen Romanen vorkommt, die auf dem Land spielen. Die Nincshofer werden in all ihrer Schrulligkeit präsentiert, aber nie verspottet.
Johanna Sebauer
Nincshof
Dumont Buchverlag
Köln 2023
368 Seiten
23 Euro
Die Idee, verschwinden zu wollen, wird dem ein oder anderen wohl verlockend erscheinen. Ein Buch für alle, die österreichische Autoren wie Robert Seethaler oder Serien wie „Braunschlag“ schätzen.
Gesellschaftsporträt: Vom Scheitern einer Avantgarde
Es fehlt der Hinweis, dass auch der „Geburtsort der Kuckucksuhr“ Schönwald heißt. Aber wie passend! Geht es doch um eine potenzielle bürgerliche Bilderbuchfamilie – von der dann doch jedes Mitglied ins Unglück rauscht.
Los geht es auf einer Buchladen-Party in Berlin, die mit Scherben und Nazivorwürfen gegen die lesbische Besitzerin endet. Ein fulminanter Einstieg in die Welt der Familie Schönwald, in den Zwist der Generationen und der politischen Lager. Farbbeutel, Trumpisten, Veganerinnen und Helikoptereltern, Hipster und Hochbegabte – über sie alle und die Abgründe unserer Gesellschaft erzählt Philipp Oehmke rasant, ironisch und in galanter, präziser Schönheit.
Philipp Oehmke
Schönwald
Piper Verlag
München 2023
544 Seiten
26 Euro
Um eine Schönwald rauszugreifen: Mutter Ruth, die wissen will, was für eine Art Laden ihre Tochter da eröffnet. „Kwier“ tippt sie ins Smartphone – statt „queer“, das sie nicht kennt. Dabei war die kluge Ruth doch selbst mal Avantgarde. Auch ihr Mann Hans-Harald, vor allem aber die drei erwachsenen Kinder Chris, Benni und Karolin sind talentiert und scheitern doch jämmerlich. Es geht um Narzissmus, Verdrängung, Schuld und Sprachlosigkeit – eine furiose Mixtur, die „Schönwald“ zu einem einzigartigen aktuellen Gesellschaftsroman macht.
Science-Fiction: Wenn der Tod nicht das Ende ist
Noch mal leben. Das wäre doch was. So eine Geschichte erzählt Daniel Wisser in „012“. Der Programmierer Erik Montelius stirbt an Krebs, lässt sich in flüssigem Stickstoff einfrieren – und wird drei Jahrzehnte später in ein zweites Leben zurückgeholt.
Die Science-Fiction-Story kreist um Allzumenschliches. Was bleibt von den Gefühlen? Die Frau des Protagonisten hat seinen damaligen Geschäftspartner geheiratet. Erik ist immer noch hingerissen von seiner Ex. Aber schnell gewinnt die gegenseitige Faszination, die er mit der Tochter aus der Zweitehe seiner früheren Frau entwickelt, die Oberhand. Im Ablauf wechseln Emotionen mit den Verwirrungen, die das neue Leben beim Kontakt mit anderen Menschen erzeugt. Es gipfelt in einer Art absurdem Theater. Humor ist allgegenwärtig.
Daniel Wisser
012
Luchterhand Literaturverlag
München 2023
448 Seiten
25 Euro
Erik wird schon mal als Zombie, Aufgetauter oder Eismann angesprochen. Er selbst spricht von anderen Menschen als Einwegexistenzen. Von seiner Angebeteten Nikki schwärmt er: „Eng umschlungen von diesem wunderbaren Wesen wäre ich gerne verwest und hätte als Kompost dem unverrottbaren Plastik in der Erde ein wenig Konkurrenz gemacht.“
Politthriller: Wiederholt Geschichte sich doch?
Tuomas Oskaris steigt in seinen neuen Roman gewohnt dramatisch ein. Helsinki 2028: Die finnische Ministerpräsidentin wird erschossen. Finnland steckt erneut mitten in einer Krise, rechte Parteien haben die Macht und wollen diese mit allen Mitteln behalten. Doch im Hintergrund plant eine Person, den Lauf der Geschichte zu verändern.
Das verspricht spannungsreiche Lesestunden. Unter seinem Pseudonym knüpft der Wirtschaftsjournalist Tuomas Niskakangas an die Handlung seines Debüts „Tage voller Zorn“ an und setzt auf sein bewährtes Konzept, verschiedene Protagonisten kapitelweise ihre Geschichte erzählen zu lassen. Dadurch gibt es bis zum Ende einige Überraschungen.
Tuomas Oskari
Im Sturm der Macht
Übersetzung: A. Michler-Janhunen
Lübbe Verlag
Köln 2023
368 Seiten
24 Euro
Im neuen Roman „Im Sturm der Nacht“ steht erneut die Figur des ehemaligen finnischen Ministerpräsidenten Leo Koski im Mittelpunkt, der einen Tag Zeit hat, um die geplante Verschwörung zu stoppen und den Kontinent vor einer politischen Radikalisierung zu bewahren. Zwar wiederholt sich Geschichte selbst nie, aber es wiederholen sich die Muster. Das Buch dient daher nicht nur zur großartigen Unterhaltung, sondern auch als wichtige Mahnung.
Erstpublikation: 09.12.2023, 12:11 Uhr.