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SchaltbauWie wettbewerbsfähige Produktion auch in Deutschland noch klappt

Viele Firmen erwägen die Verlagerung ins Ausland. Schaltbau wollte jedoch zeigen, dass die Produktion in Deutschland zukunftsfähig ist. Jetzt zieht das Unternehmen eine erste Bilanz.Axel Höpner 01.02.2024 - 10:26 Uhr
Schaltbau will mit seinem 60-Millionen-Euro-Musterwerk den Beweis antreten, dass Produktion in Deutschland zukunftsfähig ist. Foto: Schaltbau

Velden. Hier werden Industrie-4.0.-Visionen Wirklichkeit: An der Decke des hochmodernen Logistiklagers sausen auf Schienen autonome Transportfahrzeuge. Die Sprinkleranlage ist gleichzeitig auch ein Wärmespeicher. Für die Energieversorgung gibt es ein eigenes Gleichstromnetz.

Im Wochentakt kommen derzeit Delegationen von anderen Industriefirmen zur Besichtigungstour ins neue Werk des Elektrotechnik-Herstellers Schaltbau im bayerischen Velden. „Das ist fast schon eine Pilgerstätte für Fertigungsexperten geworden“, sagt Schaltbau-CEO Steffen Munz. 

Denn inmitten der Diskussionen über eine drohende Deindustrialisierung Deutschlands wegen hoher Energiepreise will der Elektrotechnikspezialist mit seinem 60-Millionen-Euro-Musterwerk den Beweis antreten, dass Produktion in Deutschland zukunftsfähig ist.

Dafür ist in der Fabrik und dem Logistiklager hochmoderne Automatisierungs- und effiziente Energietechnik verbaut. Ein Jahr nach der Inbetriebnahme zieht Munz eine erste Zwischenbilanz: „Es zeigt sich: Wir können hier wettbewerbsfähig und gleichzeitig ressourcenschonend sowie CO2-frei produzieren.“ Es zeichnet sich ab, dass die Einsparziele von 35 Prozent bei den Energiekosten eher sogar noch übertroffen werden können. Allerdings gibt es noch Ärgernisse. 

Viele Firmen erwägen eine Verlagerung ins Ausland

Andere Unternehmen beobachten das Experiment genau. Denn der Wirtschaftsstandort Deutschland steht unter Druck. Laut einer Studie der Beratungsgesellschaft Deloitte und des Industrieverbands BDI sehen 59 Prozent der Unternehmen Energiesicherheit und -kosten als wichtigsten Grund für Investitionen im Ausland. Jede dritte Firma plant oder erwägt, Teile der Wertschöpfung zu verlagern.

Doch die Stimmung könnte sich langsam drehen. Unternehmen nehmen auch für ihre deutschen Standorte wieder Geld in die Hand. „In den vergangenen Monaten ist die Bereitschaft der Unternehmen in Deutschland wieder deutlich gestiegen, in Energieeffizienz zu investieren“, sagt Alexander Sauer, Leiter des Instituts für Energieeffizienz in der Produktion an der Universität Stuttgart. Der entsprechende Index, den er regelmäßig ermittelt, stieg im Lauf des Jahres von 0,86 auf 1,61. 

Schaltbau-Chef Steffen Munz: „Das ist fast schon eine Pilgerstätte für Fertigungsexperten geworden. Foto: Schaltbau

Der Grund dafür: Die Energiepreise sind zwar noch auf einem hohen Niveau. Sie sind aber nicht mehr, wie auf dem Höhepunkt der Krise, so hoch, dass nur noch eine Verlagerung sinnvoll erscheint. „Die Unternehmen haben wieder etwas Vertrauen in den Standort gewonnen“, sagt Sauer.

Das Potenzial ist groß. Laut einer Studie der Hochschule Niederrhein im Auftrag der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz könnten  deutsche Unternehmen ihre Energieeffizienz auf Basis bestehender Technologien sogar um 44 Prozent steigern – ohne die Produktion einzuschränken.

Schaltbau: Eine der ersten Fabriken weltweit mit Gleichstromnetz

Das größte Potenzial gibt es der Studie zufolge bei einer besseren Nutzung von Prozesswärme zum Beispiel durch optimierte Regelungen und Wärmerückgewinnung. Aber auch bei der Antriebstechnik oder Raumwärme gibt es noch Hebel, etwa über eine bessere Dämmung von Rohrleitungen oder intelligent gesteuerte Temperatur und Luftfeuchte. Viele Maßnahmen werden laut Studie nicht umgesetzt, obwohl sie sich wirtschaftlich rechnen.

Die Schaltbaufabrik ist als eine der ersten weltweit mit einem Gleichstromnetz ausgestattet, das unter anderem Umwandlungsverluste bei der Nutzung der installierten Photovoltaikanlagen vermeidet. „Hier leisten wir Pionierarbeit“, sagt Operations-Leiter Michael Ettl, der das Werk mit konzipiert hat.

So ein Netz könne auch in bereits bestehenden Fabriken – auch nur in Teilbereichen – installiert werden und so helfen, massiv Strom zu sparen. Für energieintensive Branchen in Deutschland könne das ein Weg sein, die gestiegenen Kosten in den Griff zu bekommen.

„Gleichstromnetze sind im Kommen“, sagt auch Effizienz-Experte Sauer. Das Schaltbauprojekt sei „unheimlich spannend“. Der Konzern habe sich über das Energiesystem viele Gedanken gemacht und investiere „nicht mit der Brechstange“, sondern so, dass das System auf weitere Bereiche schrittweise ausgeweitet werden könne. 

„Das Formular E8 bereitet mir regelrecht Albträume“

Doch es gibt ein Problem, das viele Unternehmen beklagen, die in Energieeffizienz investieren: die Bürokratie. Bei Gleichstrom gibt es zum Beispiel noch wenig Normen und Standards. Es sei schwierig, Tüv-Gutachter zu finden, die die Installationen abnehmen, heißt es bei Schaltbau. Auch fehlten Fachplaner mit der entsprechenden Expertise. 

Und es gibt weitere Hürden. Vor über einem Jahr stellte Schaltbau bei seinem Energieversorger den Antrag, die 1,64-Megawatt-Photovoltaik-Anlage auf dem Dach ans Netz anzuschließen. „Das Formular E8 bereitet mir regelrecht Albträume“, sagt Operations-Leiter Ettl. Der Prozess habe sich als sehr komplex gezeigt, nach Monaten kam der Bescheid, dass der Antrag unvollständig sei. „Man wird schier wahnsinnig.“

Musterfabrik von Schaltbau in Velden: Auf dem Dach ist Photovoltaik installiert. Foto: Schaltbau

Auch Professor Sauer berichtet, dass sich viele Supermärkte schwertun, die Freigabe für den Anschluss ihrer Solaranlagen auf dem Dach zu bekommen. „Da müssen wir viel schneller werden.“

Insgesamt aber gelang die Integration der neuen Technologien gut. Die Fläche ist nahezu ausgelastet, weitere Schichten sind jedoch möglich, wenn die Nachfrage weiter steigt.

Schaltbau hofft auf Geschäft mit Elektromobilität

Schaltbau will mit der Musterfabrik zeigen, was schon heute geht, und damit auch das Interesse bei anderen Unternehmen wecken – auch aus Eigeninteresse. Das Unternehmen produziert Schutztechnik, die einen sicheren Einsatz von Gleichstrom ermöglicht. Beim Abschalten von Gleichstrom entsteht ein Lichtbogen, der gefährlich ist.

Lange waren die Produkte vor allem in der Bahnindustrie gefragt. Das ist das stabile wirtschaftliche Standbein von Schaltbau. Doch inzwischen werden die Produkte auch bei Hochenergiebatterien für Elektroautos und eben in der Industrie eingesetzt. 

Im vergangenen Jahr stiegen die Schaltbau-Erlöse auf vergleichbarer Basis prozentual zweistellig auf rund eine halbe Milliarde Euro. Vor allem das traditionelle Geschäft mit der Bahnindustrie zeigt sich sehr robust. Das große Wachstum der Zukunft sollen die neuen Anwendungen in der Industrie und der Elektromobilität bringen.

Womöglich werde der Durchbruch hier „einen Tick länger“ dauern, als von manchen prognostiziert, sagt Munz. Doch sei Schaltbau zum Beispiel schon mit allen großen Ladesäulenbetreibern im Geschäft und habe eine gute Ausgangsposition, wenn der Markt anlaufen werde. 

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Die Investition in der bayerischen Heimat, sind sie bei Schaltbau überzeugt, hat sich gelohnt. „Die unterbrochenen Lieferketten haben gezeigt, wie wertvoll eine Produktion in Deutschland sein kann“, sagt Munz. Und für so eine moderne Fabrik sei es dann auch einfacher, hochqualifizierte und motivierte Mitarbeiter zu finden. 

Erstpublikation: 27.01.2024, 12:03 Uhr.

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