Kommentar: Vorsicht bei Anleihe-Optimismus: Anleger übersehen Gefahren

War da irgendwas? Im vergangenen Herbst schossen die Renditen für zehnjährige US-Staatsanleihen über die Fünf-Prozent-Marke. Das war der höchste Stand seit der großen Finanzkrise, und weil der gigantische Markt für US-Bonds die Richtung für den Rest der Welt vorgibt, wuchs damals die Sorge um die Stabilität des globalen Finanzsystems.
Der vergangene Herbst scheint lange her zu sein. Seither befinden sich die Renditen der US-Staatsbonds im Sinkflug, auf unter 3,8 Prozent Ende Dezember, die Kurse im Gegenzug auf Höhenflug. Für den trägen Anleihemarkt sind das gigantische Ausschläge.
Der Start ins neue Jahr brachte zwar eine kleine Korrektur, aber im Großen und Ganzen scheint der Enthusiasmus der Investoren ungebrochen. Bei näherem Hinsehen scheint diese Euphorie allerdings übertrieben, denn die Risiken, die im vergangenen Herbst für so viel Angst sorgten, sind nicht verschwunden. Das gilt vor allem für die Staatsschulden.
Für den rasanten Stimmungsumschwung am Anleihemarkt ist vor allem die Hoffnung auf schnelle und deutliche Zinssenkungen der US-Notenbank Fed verantwortlich. Diese Hoffnung wurde wiederum von einigen ziemlich ermutigenden Inflationsdaten Ende 2023 geschürt. So wie es im Moment aussieht, ist der Gipfel bei den Leitzinsen tatsächlich erreicht, ob aber die Fed die Zinsen tatsächlich so schnell senken wird wie von den Märkten erwartet, ist ziemlich fraglich.
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Ein weiteres Risiko scheinen die Investoren auszublenden: die Gefahr eines Überangebots an Staatsanleihen. Nach Berechnungen des Informationsdienstes Bloomberg wollen die USA, die Länder der Euro-Zone, Großbritannien und Japan in den kommenden Wochen Anleihen im Wert von mehr als zwei Billionen Dollar an den Markt bringen, deutlich mehr als vor einem Jahr. Gleichzeitig haben die großen westlichen Notenbanken ihre Anleihekaufprogramme eingestellt, mit denen sie während der Pandemie die Finanzierungskosten niedrig halten wollten. Ein deutlich größeres Angebot trifft also auf eine deutlich niedrigere Nachfrage.
Abschreckendes Beispiel Großbritannien
Bislang stoßen die Anleiheplatzierungen auf großes Interesse der Investoren. Das ist allerdings kein Grund für Entwarnung, denn 2023 hat sich gezeigt, wie schnell die Stimmung kippen kann. Als sich die kurzlebige britische Regierung unter Premierministerin Liz Truss mit einem ziemlich gewagten Haushaltsentwurf an die Öffentlichkeit wagte, drohte an den Anleihemärkten eine Revolte der Investoren. Großbritannien drohte für einige bange Tage eine akute Finanzkrise. Der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock fürchtet, dass sich die Geschichte wiederholen könnte, falls Labour oder die Konservativen nicht der Versuchung widerstehen, mit zu großzügigen Versprechen in den anstehenden Wahlkampf zu ziehen.
Es mag gute Gründe geben für den Optimismus, mit dem viele Investoren im Moment den Anleihemarkt sehen. Aber am Ende ist die Gleichung simpel: Je größer die Euphorie, desto größer auch das Enttäuschungspotenzial.