Wirtschaftspolitik: Die Konzerne und das Kanzleramt – Chroniken einer schwierigen Beziehung
Helmut Schmidt (Kanzler von 1974 bis 1982)
Helmut Schmidt (SPD) war der Ökonom im Kanzleramt. Von ihm stammt der Satz „Lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslosigkeit“, der sich in der Rückschau als Fehlinterpretation der sogenannten Phillips-Kurve herausstellte.
Für den Sozialdemokraten stand immer fest, dass Wohl und Wehe eines Landes von einer florierenden Wirtschaft abhängen. Er war überzeugt davon, dass eine stabil wachsende Wirtschaft auch ein stabiles Regierungssystem bedeute.
In der Zeit des Ölboykotts der arabischen Länder, der Währungsturbulenzen und des mageren Wachstums konzentrierte er sich darauf, die „Weltwirtschaftskrise“ zu bannen.
Dabei hatte der Hamburger ein Faible für die Großindustrie und ein offenes Ohr für Wirtschaftsvertreter. In Zeiten der eng verflochtenen Deutschland AG musste er oft aber nur mit einigen Bankern sprechen, um einen Überblick über die Stimmungslage zu haben.
Auch wenn er vieles besser wusste, Schmidt konnte gut zuhören und erkannte sofort die Schwachstellen in einer ökonomischen Argumentation. Vor eigenen wirtschaftspolitischen Fehleinschätzungen schützte ihn das nicht immer.
Helmut Kohl (Kanzler von 1982 bis 1998)
Helmut Kohl betonte häufig, dass er ja Historiker sei. Sein Interesse an der Wirtschaft blieb in seiner Kanzlerschaft stets überschaubar. Wirtschaftsvertreter nannte der CDU-Politiker schon mal despektierlich „Bimbesleute“. Wobei „Bimbes“, also Geld, für Kohl immer nur Mittel zum politischen Zweck war.
Ein offener Konflikt zwischen Unternehmensvertretern und dem Pfälzer wurde nie bekannt, wenn er auch von der geringen Unterstützung der Industriebosse beim Aufbau Ost enttäuscht war.
Dass jemand in so einer Situation die Konzernbilanz wichtiger nahm als das Vaterland, konnte Kohl nicht verstehen. Kohls Regierungszeit war geprägt von der Wiedervereinigung, die ihn politisch komplett forderte.
Die wirtschaftlichen Herausforderungen nach dem Fall der Mauer hatte er Wolfgang Schäuble überlassen. Die Überführung der DDR-Betriebe in die Marktwirtschaft war von Fehlentscheidungen geprägt, die bis heute nachwirken.
Mit den Worten „Deutschland – ein kollektiver Freizeitpark“ kritisierte Kohl zwar die mangelnde Leistungsbereitschaft im Land. Reformen, die daran etwas geändert hätten, folgten unter ihm aber nicht.
Gerhard Schröder (Kanzler von 1998 bis 2005)
Gerhard Schröder war der „Genosse der Bosse“ und der „Cohiba-Kanzler“. Ein Aufsteiger (Vater gefallen, Mutter Putzfrau), der es ganz nach oben geschafft hatte und harte Arbeit ebenso bewunderte wie die Insignien des Erfolgs.
Er war auch geprägt von seinen Erfahrungen als SPD-Ministerpräsident im Autoland Niedersachsen und dem Aufsichtsratsmandat bei VW und hatte viel Verständnis für die Bedürfnisse von Konzernen.
In seiner ersten Amtszeit musste er sich vor allem mit dem Kosovo-Krieg und dem Einsatz der Bundeswehr im Ausland beschäftigen. Die Wirtschaft war bis dahin skeptisch gegenüber dem Experiment einer rot-grünen Koalition.
Doch ab dem Jahr 2000 lobten Wirtschaftsvertreter den Kanzler verstärkt für seine Steuersenkungen und die Green-Card-Initiative zur Anwerbung ausländischer Computerfachkräfte.
Auf Deutschlands Wachstumsschwäche reagierte Schröder mit den Hartz-Reformen, die ihm einen Platz in den Geschichtsbüchern einbrachten – und ebenso in den Herzen der Wirtschaftselite. Zugleich kosteten sie Schröder den Rückhalt in der eigenen Partei und am Ende das Kanzleramt.
Angela Merkel (Kanzlerin von 2005 bis 2021)
Angela Merkel startete zwar auf dem Leipziger CDU-Parteitag als überzeugte Marktwirtschaftlerin. Nach der Beinahe-Niederlage bei der Bundestagswahl 2005 war davon allerdings nicht mehr viel zu spüren.
Ihr Interesse an der Wirtschaft und ihren Vertretern hielt sich in den darauffolgenden 16 Jahren eher in Grenzen. Die Kanzlerin konnte sich stets auf volle Steuerkassen verlassen, mit der sie Banken-, Griechenland- und Flüchtlingskrise finanzierte.
Vergleichsweise nah kam ihr noch der damalige Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Zusammen mit SPD-Finanzminister Peer Steinbrück meisterten die drei die globale Finanzkrise. Auch Industriebosse wusste die promovierte Physikerin mit ihrem technischen Verständnis und ihrer Begeisterung für Innovationen immer wieder für sich einzunehmen.
In einer ambitionierten Forschungs- und Innovationspolitik schlug sich das allerdings nicht nieder. Auch wenn sie mit den Wirtschaftsvertretern nicht so recht warm wurde: Sie gingen Merkel nie wirklich persönlich an. Dafür war der Respekt, ja die Furcht vor ihrer Macht zu groß.