Lawrence Wong: Warum Singapurs neuer Premier kein Verbündeter der USA sein will
Bangkok. Erstmals seit zwei Jahrzehnten bekommt Singapur einen neuen Regierungschef – und der neue Mann an der Spitze des extrem wohlhabenden Finanzzentrums startet seinen Dienst mit einer deutlichen Warnung: „Wir sind eine kleine Insel in einer großen, gefährlichen Welt“, teilte Lawrence Wong kurz vor seinem Amtsantritt an diesem Mittwoch in einem Social-Media-Beitrag mit. „In den kommenden Jahren wird sie noch gefährlicher werden“, fügte er hinzu.
Der 51-Jährige, der bisher Finanzminister war, macht damit klar, dass er sich bei der Führung der südostasiatischen Metropole mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert sieht. Besonders die zunehmenden Spannungen zwischen den USA und China bereiten dem Wirtschaftswissenschaftler Sorgen.
„Die Dynamik, die durch den extremen Wettbewerb zwischen den USA und China entsteht, führt uns auf einen Weg, der für die Weltwirtschaft katastrophal sein wird“, mahnte er bereits im vergangenen Jahr.
Wong löst als neuer Premierminister seinen Parteifreund Lee Hsien Loong ab. Der heute 72-Jährige hat den Stadtstaat am Äquator seit 2004 geführt, mit seinem freiwilligen Abtritt ermöglichte er den Generationswechsel an der Regierungsspitze.
Lee ist Sohn von Staatsgründer Lee Kuan Yew, der in Singapur ebenfalls jahrzehntelang regierte. Wong ist nun der vierte Regierungschef in der 59-jährigen Geschichte des Landes, das einen beeindruckenden wirtschaftlichen Aufstieg hinter sich hat.
Geopolitische Konflikte gefährden Singapurs Wohlstand
Zur Zeit der Staatsgründung litt das Land unter weit verbreiteter Armut und Arbeitslosigkeit. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen betrug etwa 500 US-Dollar. Singapur lag damit auf dem Niveau Mexikos und Südafrikas. Inzwischen ist das Pro-Kopf-Einkommen auf mehr als 88.000 Dollar gestiegen – 60 Prozent mehr als in Deutschland. Das sechs Millionen Einwohner große Land gehört damit zu den reichsten Staaten der Welt.
Hinter dem Erfolg steht eine wirtschaftsfreundliche Politik, die viele internationale Unternehmen dazu brachte, ihre Asienzentralen nach Singapur zu verlegen. Auch 2300 deutsche Firmen sind in dem Land aktiv, dessen Fläche ungefähr so groß ist wie die von Berlin.
Doch geopolitische Konflikte gefährden den Wohlstand. Singapur ist sowohl bei Importen als auch bei Exporten extrem abhängig von offenen Handelswegen. Das Handelsvolumen des Landes, das mit seiner Lage an der Straße von Malakka ein wichtiger Warenumschlagplatz ist, liegt bei mehr als 300 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung.
Gute Geschäfte macht Singapur dabei sowohl mit China als auch mit den USA. Sollte sich der Kleinstaat bei einem Konflikt der beiden Großmächte für eine der beiden Seiten entscheiden müssen, wäre er hart getroffen: Einer Analyse des Internationalen Währungsfonds (IWF) zufolge droht ein Einbruch der Wirtschaftsleistung um acht Prozent, sollte sich der Welthandel mit Hochtechnologie und Energie in zwei Blöcke aufteilen.
Singapur wäre damit deutlich stärker betroffen als andere Länder Asiens, die in dem IWF-Szenario durchschnittlich einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um weniger als zwei Prozent hinnehmen müssten.
Den Balanceakt zwischen China und den USA aufrechtzuerhalten, sieht Wong deshalb als eine seiner wichtigsten außenpolitischen Aufgaben. Er betonte zuletzt auffallend deutlich, dass Singapur kein Verbündeter der USA sei – obwohl die USA den Stadtstaat offiziell als „wichtigen Partner der Sicherheitskooperation“ führen und das US-Militär Singapurs Häfen und Militärstützpunkte nutzen darf.
Bei einer Veranstaltung der US-Denkfabrik Center for Strategic and International Studies sagte Wong kürzlich, dass die militärische Zusammenarbeit nur für Friedenszeiten gelte. „Sollte es andere Umstände geben, dann müssen wir sorgfältig abwägen, was im Interesse Singapurs ist“, fügte er mit Blick auf einen möglichen bewaffneten Konflikt um Taiwan oder im Südchinesischen Meer hinzu.
Klar ist aus Wongs Sicht auch, dass ein Versuch Chinas, Taiwan unter seine Kontrolle zu bringen, nicht mit Russlands Invasion in der Ukraine gleichzusetzen wäre. Den russischen Überfall auf das Nachbarland hatte Singapur als einziges Land in Südostasien uneingeschränkt als Völkerrechtsbruch verurteilt. Das Land schloss sich auch den westlichen Sanktionen gegen Russland an.
Doch im Fall Taiwans ist die Sache laut Wong komplizierter: Beide Fälle würden sich „fundamental unterscheiden“, sagte Wong in einem Interview mit dem „Economist“. Im Gegensatz zur Ukraine sei Taiwan kein anerkannter souveräner Staat – wie die meisten anderen Länder der Welt verfolge Singapur eine Ein-China-Politik und lehne eine Unabhängigkeit Taiwans ab.
Singapurs Premier verdient 1,5 Millionen Euro im Jahr
Wie sein Land hat auch Wong selbst enge Verbindungen zu beiden Großmächten: Er studierte Volkswirtschaftslehre in den USA und zeigt sich als Fan amerikanischer Popkultur. Auf Tiktok veröffentlichte er vor wenigen Wochen ein Video, in dem er den Taylor-Swift-Song „Love Story“ auf der Gitarre nachspielte.
Die Nähe zu China ergibt sich aus Wongs Familiengeschichte: Sein Vater stammte ursprünglich von der chinesischen Insel Hainan und wanderte in den 1940er-Jahren nach Südostasien aus, wo er als Verkäufer arbeitete. Wong verbrachte seine Kindheit in einer öffentlichen Wohnsiedlung. Unter den Toppolitikern von Singapurs People’s Action Party (PAP), die seit der Staatsgründung ununterbrochen an der Macht ist, gehört Wong zu den wenigen, die aus einfachen Verhältnissen stammen.
Das könnte dem neuen Regierungschef helfen, sich – trotz eines üppigen Gehalts von umgerechnet 1,5 Millionen Euro im Jahr – als volksnaher Politiker zu präsentieren, der Sorgen etwa über die stark gestiegenen Lebenshaltungskosten versteht und ernst nimmt.
Bisher sieht man in ihm jedoch weniger einen Landesvater, sondern eher einen relativ langweiligen Technokraten, der den meisten Einwohnern als Co-Vorsitzender von Singapurs „Covid-19 Taskforce“ in Erinnerung ist. In einer Umfrage des Meinungsforschungsunternehmens Yougov nannten nur 21 Prozent den neuen Premier „charismatisch“. Als „kompetent“ werteten ihn immerhin 53 Prozent.
Der entscheidende Test seiner politischen Zugkraft steht bei der Parlamentswahl an, die spätestens im November 2025 stattfinden muss. Beobachter halten es aber für nicht ausgeschlossen, dass es bereits in diesem Jahr zu einer vorgezogenen Wahl kommen könnte. Wongs Versprechen klingen bereits nach Wahlkampf: „Jedes bisschen meiner Energie wird dem Dienst an unserem Land und unserem Volk gewidmet sein“, sagte er in Richtung seiner Landsleute. „Eure Träume werden mein Handeln bestimmen.“