Kunstmarkt: Auktionen bieten trotz angespannter Lage weiter gute Zuschläge
New York. Viel stand in dieser New Yorker Auktionsrunde auf dem Spiel. Der Markt suche nach der Korrektur von 2023, den schwachen Londoner Auktionen und den alarmierenden New Yorker Midseason-Auktionen immer noch nach festem Boden unter den Füßen, schreibt das aktuelle Art Market Update der Privatkundenabteilung der Bank of America.
Nach dem Rausch der letzten drei Jahre, in denen großartige Nachlässe von Paul Allen, Thomas und Doris Ammann und den Macklowes zu Rekordpreisen verteilt wurden, hieß es für Experten nun, Jagd auf einzelne Lose zu machen. Einlieferer warteten, wenn sie es sich leisten konnten, lieber auf stabilere Konditionen. „In dieser Saison mussten wir mehr Initiative zeigen, als in der Marktblase notwendig war“, so Alex Rotter, Christie’s Chairman 20/21 Department
Die positive Kehrseite der Medaille: Die Häuser mussten keine massiven Garantiesummen bewilligen, um der Konkurrenz Sammlungen abzujagen. Nach den ersten drei Abendauktionen bei Sotheby’s, Phillips und Christie’s diese Woche muss man den Auktionshäusern attestieren, dass sie unter nicht einfachen Marktkonditionen den Finger fest am Puls des Marktes haben. Davon zeugen auch die hervorragenden Abverkaufsquoten um 90 Prozent.
Dabei wurden kaum Lose wegen zu geringen Interesses zurückgezogen, eine Praxis, die den Einlieferern ein blaues Auge ersparen und die Absatzzahlen frisieren soll. Aber hin und wieder geschah es doch: etwa bei Brice Mardens spätem Diptychon „Event“ in Christie’s „21st Century“ am Dienstag, das der Einlieferer 2007 frisch aus dem Studio bei Thomas Ammann erworben hatte. Als die Taxe von 30 bis 40 Millionen Dollar chancenlos war, den Weltrekord zu erneuern, zog man zurück.
Hackerangriff auf Christie’s
In dieser ohnehin angespannten Situation hatte Christie’s am letzten Donnerstag auch noch mit einer Cyberattacke zu kämpfen. Die Startseite des Hauses blieb daraufhin tagelang auf eine Handvoll internationaler Telefonnummern reduziert. Ein behelfsmäßiger Netzauftritt bot ab Sonntag wenigstens Zugriff auf Kataloge und Videos für die ab dem 13. Mai anstehenden acht Auktionen. Dazu beruhigte Guillaume Cerutti, Christie’s Chief Executive Officer, verunsicherte Kunden per E-Mail: Trotz des „technology security incident“ würden die Live-Auktionen von Kunst in New York und Juwelen und Uhren in Genf wie geplant stattfinden.
Einen ersten Blick hinter die Kulissen gab Guillaume Cerutti, Christie’s Vorstand, am Dienstagabend: Nach dem Sicherheitsvorfall habe man sehr schnell freiwillig die Website deaktiviert, um eigene Interessen und die der Kunden zu schützen. Wer online über Christie’s live bieten wollte, dem wurde ein Link bereitgestellt. 99,9 Prozent der Kunden, so Cerutti, hätten Verständnis gezeigt, niemand habe seine Einlieferung zurückgezogen. Das Angebot in Genf wurde auch ohne Onlineaktivität zu 100 Prozent abgesetzt.
Christie’s konnte die einzigen beiden prominenten Nachlässe der Saison für sich buchen: die Sammlungen des legendären Hollywood-Fernsehproduzenten Norman Lear und von Rosa de la Cruz, der im Februar im Alter von 81 Jahren verstorbenen prominenten Unternehmerin aus Miami.
Unermüdlich hatten Rosa und ihr Mann Carlos seit 1988 zeitgenössische Kunst gekauft und später in ihrem privaten Museum gezeigt. Eine Auswahl von 26 Werken wurde am Dienstag bei Christie’s überraschend eifrig beboten und zu 100 Prozent mit einem zurückgezogenen Los zu insgesamt 34,4 Millionen Dollar abgesetzt.
Der auf Kuba geborenen de la Cruz lag vor allem die Förderung kubanischer Künstler am Herzen, und mit Felix González-Torres verband sie eine enge Freundschaft. Bedeutende Werke des Kubaners werden selten auf Auktionen angeboten. So konnte Christie’s für die bekannte Skulptur „Untitled (America #3)” taxgerechte 13,6 Millionen Dollar einnehmen. Ein neuer Rekord für die zu einer Lichterkette verbundenen Glühbirnen. Christie’s Japan-Spezialist Katsura Yamaguchi hatte sich hier im Auftrag des japanischen Pola Museum of Art gegen einen asiatischen Mitbewerber durchgesetzt.
Marktteilnehmer grübeln, warum die Sammlung gerade jetzt verkauft wird. Hat sich doch die Nachfrage für einige ihrer Künstler, darunter Wade Guyton, Rudolf Stingel oder Ruby Sterling, abgekühlt. Einiges aus dem riesigen Bestand der Stiftung wurde bereits privat verkauft.
Die anschließende Auktion „21st Century“ brachte Christie’s weitere 80,3 Millionen Dollar für 32 Lose ein. Hier beanspruchte Jean-Michel Basquiats außergewöhnlich makellos erhaltenes Bild „The Italian Version of Popeye has no Pork in his Diet“ die Topposition. Zwei Telefonbieter hievten es ab dem Aufruf von 24 Millionen Dollar auf 32,03 Millionen Dollar.
Basquiat war überhaupt in dieser Woche bei allen drei Häusern gut vertreten. Überraschend erzielte der als abgeschlagen geltende Boutique-Anbieter Phillips am 14. Mai in der animierten Auktion „Modern & Contemporary Art“ mit 46,5 Millionen Dollar den Spitzenpreis der Woche. Basquiats marktfrisches Großformat „Untitled (ELMAR)“ wurde hier von drei Telefonbietern, darunter einem japanischen Teilnehmer, verfolgt. Insgesamt konnte Phillips am 14. Mai 86,3 Millionen Dollar für 25 überwiegend marktfrische Lose einnehmen und liegt damit um 24 Prozent über dem Ergebnis des Vorjahres.
Auch in Sotheby’s „Contemporary“ schlug sich Basquiats Gemälde „Campaign“ am 13. Mai gut. Ein europäischer Sammler hatte das blaugrundige Werk im Februar 2015 in London zu 4,4 Millionen Pfund ersteigert. Jetzt bewilligte Wendy Lin, Chairman Asia, bereits 10,1 Millionen Dollar. Auch Sotheby’s verzeichnete mit Einnahmen von 234,6 Millionen Dollar für 32 verkaufte Lose einen Sprung von 30 Prozent gegenüber dem vergangenen Mai.
Sotheby‘s Starauktionator Oliver Barker strengte sich aber auch gewaltig an, um noch die letzten Dollar herauszukitzeln. „Das ist ja wie Zähneziehen“, meinte der Engländer einmal.
Sotheby’s belegt auch, dass der Rekorderfolg für die abstrakte Malerin Joan Mitchell im letzten November keine Eintagsfliege war. Gleich vier ihrer Gemälde aus vier Jahrzehnten lieferte eine private US-Sammlung ein und nahm 45,2 Millionen Dollar in Empfang. Besonders gerungen wurde um das Großformat„ Noon“ von 1969, das sich eine Dame im Publikum zu 22,6 Millionen Dollar brutto sicherte. Auch bei Sotheby’s lag das Ergebnis von 234,6 Millionen Dollar um 40 Prozent über dem Vorjahr.
Kenner wählen nur marktfrische Werke. „Dieser Markt wird von Kennern bestimmt“, beobachtet Lucius Elliott, Sotheby’s-Chef der Leitbild-Auktionen. Diese verfolgen vehement marktfrische Raritäten. Dazu gehörte auch der Quilt „Dinner at Gertrude Stein’s: The French Collection Part II, #9“ von 1991 der im April verstorbenen amerikanischen Künstlerin Faith Ringgold. Hier ließ Händler Jeffrey Deitch fünf Mitbewerber bei 1,6 Millionen Dollar, weit über der Erwartung, hinter sich.
Auch um Cy Twomblys „Untitled“, kurz nach seinem Umzug nach Rom entstanden, stritten sich lange sechs Bewerber, darunter auch die Gagosian Gallery. Bastienne Leuthe, Sotheby’s-Chefin Zeitgenössische Kunst in Deutschland, konnte es ihrem entschlossenen Kunden aber bei 7,5 Millionen Dollar sichern.
Um andere Topwerke gab es kaum Konkurrenz. Sotheby’s Spitzenlos, Francis Bacons „Portrait of George Dyer Crouching“, fiel bereits bei 27,4 Millionen Dollar an den Garantiegeber. Die sind weit entfernt von der Hausse des Bacon-Marktes um 2014.
Ein überraschend starkes Ergebnis fuhr Sotheby’s „Modern“-Auktion am Mittwochabend mit 235,1 Millionen Dollar ein. „Das wird für einen gehörigen Energieschub vor allem in einem Moment sorgen, wo das Narrativ nicht sehr klar ist“, so Julian Dawes, Head of Impressionist and Modern Art, Americas. Asiatische Bieter waren besonders aktiv, sicherten sich unter anderem auch Monets Heuschober „Meules à Giverny“ zu taxgerechten 34,8 Millionen Dollar.
Für den Höhepunkt des Abends sorgte jedoch der argentinische Unternehmer Eduardo F. Constantini. Er rang im Saal zehn Minuten lang um Leonora Carringtons surrealistisches Meisterwerk „Les Distractions de Dagobert“ von 1945. Er zahlte schließlich 28,5 Millionen Dollar – die Taxe hatte bei höchstens 18 Millionen Dollar gelegen. Aber beim letzten Auktionsauftritt des Bildes vor 30 Jahren war er der Unterbieter, und das sollte ihm jetzt nicht noch einmal passieren. Das Bild wird in dem von Constantini gegründeten „Malba – Museo de Arte Latinoamericano de Buenos Aires“ hängen.