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VerbraucherpreiseInflation in Deutschland steigt im Mai wieder an

Von der anstehenden Zinssenkung will sich die EZB nicht abbringen lassen. Neue Preis- und Lohndaten erhärten aber den Verdacht, dass die Zinswende zäher ablaufen könnte als lange gedacht.Stefan Reccius 29.05.2024 - 15:17 Uhr aktualisiert
Einkaufszone in Düsseldorf: Die Inflation hält sich hartnäckig. Foto: imago images/Michael Gstettenbauer

Frankfurt. Die Bundesbank hatte gewarnt: Die Inflationsrate werde im Mai etwas anziehen. So ist es gekommen. Die Verbraucherpreise sind hierzulande auf Jahressicht um 2,4 Prozent gestiegen, mehr als im April. Das gab das Statistische Bundesamt (Destatis) am Mittwoch auf Grundlage einer Schnellschätzung bekannt.

Im April hatte die Inflationsrate bei 2,2 Prozent gelegen. Somit entfernt sie sich etwas vom Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB), das bei glatt zwei Prozent liegt. Die EZB wird das aller Voraussicht nach aber nicht davon abhalten, nächste Woche Donnerstag die Leitzinsen zu senken. Der anschließende Verlauf der Zinswende ist hingegen völlig offen und liefert Stoff für intensive Debatten.

Die Inflationsdaten legen nahe, dass die Teuerung im gesamten Euro-Gebiet ebenfalls etwas angezogen hat. Darauf deutet jenes Inflationsmaß hin, das EU-weit einheitlich berechnet wird und für die EZB maßgeblich ist, die sogenannte HVPI-Rate. Sie ist den Statistikern zufolge in Deutschland von 2,4 Prozent im April auf 2,8 Prozent im Mai gestiegen, etwas stärker als erwartet.

Inflation in der Euro-Zone dürfte steigen

HVPI steht für Harmonisierter Verbraucherpreisindex. Ökonomen erwarten, dass die derart berechnete Inflationsrate in der gesamten Euro-Zone von 2,4 auf 2,5 Prozent gestiegen ist. Die Daten aus Deutschland erhärten diesen Verdacht. Die EU-Behörde Eurostat will diesen Freitag eine Schnellschätzung zur Inflation in der Euro-Zone veröffentlichen.

Der Anstieg der Inflation ist hierzulande hauptsächlich auf das Deutschland-Ticket zurückzuführen. Seit Mai 2023 zahlen Bus- und Bahnfahrer pauschal nur noch 49 Euro pro Monat. Die Einführung des Deutschlands-Tickets habe die Inflationsrate ein Jahr lang „nach unten verzerrt“, erläutern die Ökonomen der Landesbank Helaba. Nun, zwölf Monate später, fällt dieser preisdämpfende Effekt aus der Statistik. Die Inflationsrate steigt.

Bundesbank-Chef Joachim Nagel hatte sich kürzlich im Interview mit dem Handelsblatt auf ein gewisses Auf und Ab der Inflationsraten eingestellt: „Es kann durchaus Monate geben, in denen die Inflation ein wenig anzieht, da einige Preise zu Schwankungen neigen – insbesondere die Energiepreise“, sagte Nagel.

Diesmal sind es jedoch nicht die Preise für Energie, die den Ausschlag nach oben geben, sie sind sogar geringfügig gesunken. Vielmehr sind die Preise für Dienstleistungen um 3,9 Prozent gestiegen. Hier sei die Inflation noch voll im Gang, sagte Friedrich Heinemann, Ökonom des Forschungszentrums ZEW. So verteuerten sich Prämien wegen hoher Kostenschübe etwa in der Pkw-Versicherung derzeit mit einer zweistelligen Rate.

3,8
Prozent
mehr Lohn hatten Angestellte in Deutschland im ersten Quartal zur Verfügung - nach Abzug der Inflation. (Quelle: Destatis)

Für Carsten Brzeski, den Chefvolkswirt der niederländischen Bank ING, belegen die Daten aus Deutschland, dass die Inflation in der gesamten Euro-Zone „hartnäckig“ sei. Das liegt nicht zuletzt am Lohnwachstum: Hierzulande freuten sich Angestellte im ersten Quartal über 6,4 Prozent mehr Lohn, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch meldete. Abzüglich der Inflation ergibt das ein Plus von 3,8 Prozent.

„Sinkende Inflationsraten in Verbindung mit ansehnlichen Lohn- und Gehaltszuwächsen stärken die Kaufkraft der Verbraucher“, sagt der Konsumexperte Rolf Bürkl. Zwischen Januar und März konnten die Gewerkschaften in der Euro-Zone Lohnzuwächse von durchschnittlich 4,7 Prozent gegenüber dem ersten Quartal 2023 aushandeln, zeigen Daten der EZB. Das Lohnwachstum hat somit etwas angezogen.

EZB-Zentrale in Frankfurt: Die Notenbank will von ihrem Kurs der Zinssenkung nicht abweichen. Foto: IMAGO/greatif

Die Entscheidungsträger im EZB-Rat, dem Bundesbank-Chef Nagel angehört, dürften sich von den neuen Preis- und Lohndaten zunächst nicht beirren lassen. Sie geben seit Wochen unisono zu verstehen, dass eine Zinssenkung am 6. Juni im Prinzip ausgemachte Sache ist. Allenfalls ein heftiger Preisschock hätte sie noch ins Grübeln bringen können.

Ich bin wirklich zuversichtlich, dass wir die Inflation unter Kontrolle haben.
Christine Lagarde
Präsidentin der EZB

EZB-Chefin Christine Lagarde sagte vor einigen Tagen: „Ich bin wirklich zuversichtlich, dass wir die Inflation unter Kontrolle haben.“ Das ist ein unmissverständliches Signal für den nahenden Beginn der Zinswende im Juni. Und es schwingt mit, dass Lagarde weitere Zinssenkungen für absehbar hält, weil sie mehr Zuversicht anklingen lässt als im Frühjahr.

Kommentar

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EZB-Chefvolkswirt Philip Lane lässt durchblicken, dass er Lagarde und den 24 anderen Notenbankern im Entscheidungsgremium nächste Woche eine Zinssenkung vorschlagen wird. Das sei aber „keine Siegeserklärung“, betonte der Ire. Die EZB müsse darauf achten, die Leitzinsen dieses Jahr noch nicht unter die „restriktive Zone“ zu drücken.

Gemeint ist, dass die Leitzinsen nicht allzu schnell zu weit sinken dürfen, weil sie sonst die Wirtschaft anschieben. Das würde für zusätzlichen Preisauftrieb sorgen und käme der EZB ungelegen. Allerdings lässt sich nur grob schätzen, nach wie vielen Zinssenkungen dieser Effekt einsetzt. Das macht die Sache für die Notenbanker schwierig.

Die EZB hatte die Leitzinsen bis September 2023 zehnmal nacheinander angehoben, um die Inflation von in der Spitze mehr als zehn Prozent zu bremsen. Seitdem liegt der Einlagesatz für Banken bei 4,0 Prozent. Er gilt als wichtigster der drei Leitzinssätze: So viel Zinsen erhalten Banken, wenn sie überschüssiges Geld bei der EZB parken.

Wir sollten die Zinsen nicht vorschnell senken und das Erreichte gefährden.
Joachim Nagel
Bundesbank-Chef

Bundesbank-Chef Nagel warnte vor einer übereilten Serie an Zinssenkungen. „Wir sollten die Zinsen nicht vorschnell senken und das Erreichte gefährden“, sagte er dem Handelsblatt. Die Debatte zur Zinswende hat sich vom Startzeitpunkt längst auf Abfolge und Ausmaß weiterer Schritte verlagert.

Frankreichs Notenbankchef Francois Villeroy de Galhau sagte in einem Interview mit der „Börsen-Zeitung“, er lese manchmal, dass eine Zinssenkung pro Quartal ausreichen werde und die EZB einen zweiten Schritt gleich im Juli ausschließen sollte. „Warum, wenn wir von Meeting zu Meeting und datengetrieben arbeiten?“

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Villeroy de Galhau wies damit implizit Aussagen seines Kollegen Pierre Wunsch zurück. Belgiens Notenbankchef hatte im Interview mit dem Handelsblatt gesagt: „Wir sollten davon absehen, uns auf eine zweite Zinssenkung bereits im Juli festzulegen.“ Wunsch befürchtet ein falsches Signal an Anleger und Händler: „Die Märkte würden davon ausgehen, dass wir eine Serie von Zinssenkungen einleiten.“

An den Finanzmärkten erhärten die jüngsten Lohn- und Preisdaten den Verdacht, dass die Zinswende der EZB zäher ablaufen wird als noch vor wenigen Monaten erhofft. Der deutsche Leitindex Dax weitete seine Tagesverluste am Mittwoch nach Veröffentlichung der Inflationsdaten auf 1,2 Prozent aus. An den Terminmärkten preisen Händler lediglich noch zwei bis drei Zinssenkungen bis Dezember ein. Im Frühjahr waren es zeitweise mehr als doppelt so viele gewesen.

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