Morning Briefing: Papperger ist für Rheinmetall die größte Stärke – und ein Risiko
Angriffslustig: Papperger will mit Rheinmetall an die Weltspitze vorrücken
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
Es gibt die deutsche Rüstungsbranche: verschwiegen, veränderungsscheu, meist mittelständisch geprägt. Und es gibt Armin Papperger.
Rheinmetalls Vorstandschef, firmenintern „V1“ genannt, stürmt ähnlich entschlossen voran wie sein neuer Kampfpanzer „Panther“ im Werbevideo (es endet mit Raubtier-Röhren). Als Berlin in der Zeitenwende fragte, wer ganz schnell Waffen liefern könne, hob Papperger als Erstes die Hand. Jetzt lässt er eine Panzerfabrik in der Ukraine bauen, mitten im Krieg. Die Öffentlichkeit scheut Papperger nicht, er sucht sie geradezu. Deutschlands größter Rüstungskonzern ist neuerdings Werbepartner von Borussia Dortmund.
Deutschlands Nummer Eins zu sein, das reicht Papperger nicht. 40 Prozent Umsatzwachstum pro Jahr hat er Rheinmetall verordnet. Und zwar so lange, bis der Konzern zu den US-Branchengrößen Lockheed Martin und Northrop Grumman aufgeschlossen hat. Papperger:
Dann wäre der Konzern viermal so groß wie heute. Ein überaus ambitioniertes Ziel, auch wenn der Ukrainekrieg wie ein Tonikum auf die gesamte Branche wirkt. Die Handelsblatt-Investigativreporter Martin Murphy und Roman Tyborski haben für unsere Titelgeschichte nachgeforscht, wie die Umsetzungschancen für diese Vorwärtsstrategie stehen.
Ein Ergebnis: Die größte Stärke von Rheinmetall heißt Armin Papperger. Doch das größte Risiko heißt ebenfalls Armin Papperger. Denn „V1“ hat den Dax-Konzern ganz auf sich zugeschnitten. Ohne seine Kontakte, seine Entscheidungen läuft in der Düsseldorfer Zentrale wenig.
Das ist besonders deshalb riskant, weil Papperger die gefährdetste Person der deutschen Wirtschaft sein dürfte. Laut Informationen aus Sicherheitskreisen steht er ganz oben auf einer Liste mit Rüstungsmanagern, die der Kreml tot sehen will.
Ein anderer deutscher Topmanager hat seinen Posten gestern überraschend abgegeben. Nestlé-Konzernchef Mark Schneider tritt nach acht Jahren als CEO zurück, zum 1. September übernimmt Laurent Freixe die Führung des Herstellers von Produkten wie Nespresso, Maggi und Perrier. Freixe, seit fast vier Jahrzehnten im Konzern, leitet gegenwärtig das Lateinamerika-Geschäft.
Schneider hatte stets betont, langfristig bei Nestlé engagiert sein zu wollen. Doch zuletzt waren bei Aktionären Bedenken gegenüber Schneiders Strategie aufgekommen – auch weil die Nestlé-Aktie derzeit knapp 30 Prozent unter dem Hoch von April 2022 rangiert.
Schneider hatte sich von vielen Marken getrennt, die nicht mehr in seine auf gesunde Nahrungsmittel und Nachhaltigkeit fokussierte Strategie passten. Unter ihm hatte Nestlé zudem zahlreiche Firmen zugekauft, besonders für die Gesundheitssparte Health Science. Doch wegen IT-Problemen und Lieferschwierigkeiten schrieb die Sparte Verluste. Laut unserem Schweiz-Korrespondenten Jakob Blume wuchsen die Zweifel, ob Schneider es schaffen würde, die übernommenen Firmen in den Konzern zu integrieren. Hinzu kommt, dass Nestlé nach deutlichen Preiserhöhungen mit schwächelnden Umsätzen zu kämpfen hat.
Im seit Ende 2010 laufenden Prozess um die Insolvenz der Infineon-Tochter Qimonda hat sich Infineon mit dem Qimonda-Insolvenzverwalter auf einen Vergleich verständigt. Der sieht eine Zahlung von Infineon in Höhe von 753,5 Millionen Euro vor. Dazu werde der Halbleiterkonzern laut einer Mitteilung die für den Rechtsstreit gebildeten Rückstellungen in Anspruch nehmen, „der darüber hinausgehende Betrag wird das Ergebnis und den Cashflow aus nicht fortgeführten Aktivitäten belasten“. Ende September hatte Infineon im Zusammenhang mit Qimonda insgesamt 212 Millionen Euro zurückgestellt.
Bei Qimonda handelt es sich um die ehemalige Speicherchip-Sparte von Infineon, die 2009 in die Insolvenz rutschte. Der Insolvenzverwalter machte bei seiner Klage einen Betrag von rund 3,4 Milliarden Euro zuzüglich Zinsen geltend. Er warf Infineon unter anderem vor, das Speicherchip-Geschäft zu überhöhten Preisen ausgegliedert zu haben.
Es ist der heimliche Boom des Jahres: Von Anlegern kaum wahrgenommen, haben die Aktienkurse der Goldförderer seit Februar mehr als die Hälfte an Wert gewonnen. Damit hängen sie selbst Tech-Börsenstars wie Nvidia ab. Für die neue Dynamik sorgten gute Firmendaten der Produzenten, zugleich ist die Feinunze Gold nun mit mehr als 2500 Dollar so teuer wie nie. Während indes der Goldpreis seit Februar „nur“ um 27 Prozent zulegte, schnellte der Index der Goldminenaktien im selben Zeitraum sogar um satte 60 Prozent nach oben.
Doch Vorsicht, langfristig sind Goldminen ein noch schlimmerer Wertvernichter als Daddelautomaten. Während sich der MSCI-Index für Tech-Aktien seit 2011 mehr als verachtfacht hat, liegt die entsprechende Messlatte für Goldaktien 44 Prozent unter dem damaligen Stand – trotz des Kursbooms der vergangenen Monate.
Gestern hatte ich Sie an dieser Stelle gefragt, ob Sie im Morning Briefing die Berichterstattung über die diversen Nickeligkeiten innerhalb der Ampel-Koalition vermisst haben – die ja in anderen Medien durchaus breiten Raum einnahmen, Stichwort „Übergangskoalition“. Weit über hundert Leserinnen und Leser haben geantwortet, manche sehr humorvoll (nein, ich werde für die Antworten keine Ministerposten in einer künftigen von mir geführten Bundesregierung vergeben).
Ich bitte um Verständnis, dass ich nicht auf jede Mail werde antworten können, aber ich habe jede einzelne aufmerksam gelesen. Zwei Positionen haben sich herauskristallisiert:
- Ja, solche Zitate aus dem politischen Berlin sind grundsätzlich relevant, weil sie als taktische Manöver zu deuten sind, mit denen sich die Parteien auf mögliche künftige Regierungskoalitionen vorbereiten.
- Nein, denn das Handelsblatt Morning Briefing lebt von der Beschränkung auf wirklich relevante Nachrichten. Wie ein Leser sinngemäß schrieb: Wenn alle Meldungen überall im Internet verfügbar sind, dann besteht die eigentliche journalistische Dienstleistung im Auswählen und Weglassen.
Die zweite Position war deutlich in der Mehrheit. Ich werde also die Berliner Florettfechtereien weiterhin eher anderen Medien überlassen – außer, es lassen sich daraus relevante Entwicklungen für die Bundespolitik ableiten.
Vielen Dank für Ihre vielen klugen Rückmeldungen. Genießen Sie den Übergangswochenausklang, auch Freitag genannt!
Herzliche Grüße,
Ihr
Christian Rickens
Textchef Handelsblatt
PS: Ach ja, wir hatten Ihnen in dieser Woche ja noch eine Frage gestellt, nämlich was Sie vom überarbeiteten Haushaltsentwurf der Bundesregierung halten. Eine Auswahl der Leserkommentare finden Sie hier.