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Kolumne „Kreative Zerstörung“Wenn Fledermäuse den Chipkrieg auf Eis legen

Microns Milliardenprojekt steht wegen einer Fledermaus still. Das stellt die Chipindustrie in den USA vor eine wichtige Frage. Miriam Meckel weiß, welche Entscheidungen man treffen muss.Meckel Miriam 10.09.2024 - 18:02 Uhr Artikel anhören
In dieser Kolumne schreibt Miriam Meckel 14-täglich über Ideen, Innovationen und Interpretationen, die Fortschritt und ein besseres Leben möglich machen. Foto: Klawe Rzeczy

Es ist ja immer so: Gerade dann, wenn man es überhaupt nicht gebrauchen kann, wird aus einem kleinen Problem ein ganz großes. Der US-Konzern Micron, einer der weltweit größten Chiphersteller, hatte im Frühjahr verkündet, ein Investment von 50 Milliarden Dollar in den US-Bundesstaaten Idaho und New York zu tätigen und dafür mehr als sechs Milliarden Subventionen aus dem US „Chips and Science Act“ zu bekommen. Da trat dieser kleine Geselle auf: das „Indiana Mausohr“.

Die nur vier Zentimeter große Minifledermaus aus der Familie der Glattnasen gehört zu den bedrohten Tierarten und hat dem Micron-Projekt einen empfindlichen Stüber verpasst. Im Zuge des für jedes industrielle Bauprojekt notwendigen Umweltprüfverfahrens ist das Projekt im Bundesstaat New York nun erst einmal auf Eis gelegt.

Kein Baum darf bis November gefällt werden, wenn die Mausohren zum Überwintern in benachbarte Höhlen übersiedeln. Auf lange Sicht muss Micron zum Fledermaus-Habitat-Makler werden und einen neuen Lebensraum für die Flughündchen finden. Das Thema ist für Deutsche wenig überraschend. Hat beispielsweise die Bechsteinfledermaus doch bei uns diverse Autobahnprojekte (die A1, A20, A33) auf Jahre verzögert oder ganz zunichtegemacht.

Der Fall Micron aber ist spannend, weil er Teil eines geopolitischen Konflikts ist: des Chipkriegs zwischen den USA und China. Mit dem „Chips and Science Act“ will die Biden-Regierung dafür sorgen, dass die USA in der Chipherstellung autark werden.

Warum das ein wichtiges industriepolitisches Thema ist, wissen wir alle seit spätestens einem Jahr. Die Chips sind eine wesentliche Infrastrukturkomponente für alle Anwendungen der Künstlichen Intelligenz – wovon nicht zuletzt der sagenhafte Aufstieg des US-Chipkonzerns Nvidia zeugt.

Der Chipkrieg kennt kein Warten

Will man industriell unabhängig werden, muss man die eigenen Kapazitäten hochfahren. Genau das aber scheint selbst in den USA schwieriger als gedacht (von Europa reden wir mal lieber erst gar nicht). Die Welt, in der wir leben, ist sehr komplex geworden. Jede Entscheidung zugunsten eines Ziels geht womöglich einher mit einer zulasten eines anderen.

In diesem Fall ist das Industriepolitik versus Umwelt- und Tierschutz. Nicht jeder sieht darin ein echtes Problem. Oder wie es der texanische Abgeordnete Michael McCaul auf den Punkt bringt: „Wenn China in Taiwan und bei TSMC einmarschiert, können wir keinen Papierkram zur Einhaltung der Umweltvorschriften ausfüllen.”

Das ist sicher zu kurz gesprungen, aber auch nicht ganz falsch. Denn TSMC, der taiwanische Chiphersteller, der etwa 90 Prozent der weltweiten Produktionskapazitäten für Chips auf sich vereint, ist ein Dorn im Auge der militärischen chinesischen Wiedervereinigungsziele mit Taiwan. Es gibt gute Gründe dafür, alles daranzusetzen, diese Technologie in den eigenen Grenzen produktions- und entwicklungsfähig zu machen.

Nun gibt es in den USA natürlich nicht nur Micron und das Warten auf neue Wohnverhältnisse für Fledermäuse. Es gibt auch Intel, den Chiphersteller mit Tradition, den die deutsche Regierung zum Bau einer 20 Milliarden Fabrik nach Magdeburg locken will – mit zehn Milliarden Subventionen natürlich.

Jede Entscheidung zugunsten eines Ziels geht womöglich einher mit einer zulasten eines anderen.
Miriam Meckel
Kommunikationswissenschaftlerin

Bei Intel aber läuft es gerade nicht gut. Nachdem CEO Pat Gelsinger Anfang August desaströse Zahlen vorgelegt hat, ist die Stimmung überall angespannt. Tausende Stellen sollen gestrichen werden, und die Bundesregierung fragt nervös nach, ob es denn wohl noch was wird mit der Industrieansiedlung.

Das gleiche Spiel in den USA: Noch im März hatte Präsident Biden ein 20 Milliarden Paket für Intel als Mix aus Subventionen und Darlehen aus dem „Chips and Science Act“ verkündet. Jetzt steht infrage, ob die Produktionspläne überhaupt noch Bestand haben. Das will die US-Regierung wissen, bevor Geld fließt. Intel aber braucht das Geld dringend, um überhaupt handlungsfähig zu sein.

Derweil kann man auf dem Elektronikmarkt im chinesischen Shenzhen problemlos die leistungsfähigen N100-Chips von Nvidia kaufen. Das ist deshalb erstaunlich, weil sie nach den US-Ausfuhrbeschränkungen seit Herbst 2022 gar nicht mehr dorthin geliefert werden dürfen.

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Diese komplexe Gemengelage zeigt: Große industriepolitische Fragen können nicht immer in optimaler Abwägung aller Einzelaspekte gelöst werden. In schwierigen Zeiten gilt es, schwierige Entscheidungen zu treffen, bei denen eine Werteabwägung notwendig ist.

Was wir gerade erleben, ist ein Katz-und-(Fleder)Maus-Spiel um die Zukunft einer der wichtigsten geopolitischen Technologieentwicklungen. Manch einer möchte sich am liebsten in eine Höhle legen und überwintern, bis jemand anderes das Problem gelöst hat. Das wird dann spätestens zur neuen Saison ein böses Erwachen.

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