Musterdepot: Die Börsen preisen derzeit sehr viel Optimismus ein
Frankfurt. An den internationalen Börsen zählt der September nach der Statistik zum schlechtesten Monat des Jahres. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass auch der deutsche Aktienindex Dax einen holprigen Start hatte: Er markierte mit 18.930 Punkte zu Monatsbeginn ein neues Allzeithoch, fiel jedoch in den darauffolgenden Handelstagen um fast 700 Punkte zurück.
Vor diesem Hintergrund beschäftigt mich die Frage, ob wir uns auf eine anhaltende Achterbahnfahrt an den Börsen einstellen müssen. Was sind die Treiber der kommenden Wochen, nachdem die Quartalsberichtssaison erfolgreich beendet ist, die Notenbanken vor wichtigen Zinssenkungen stehen und der US-Wahlkampf in die entscheidende Phase geht?
Aus meiner Sicht dürften die Aktienmärkte volatil bleiben, weil die wirtschaftliche und politische Unsicherheit fortbesteht. Das Ergebnis der US-Wahlen im November wird Folgen für die wirtschaftlichen Beziehungen sowie den globalen Handel haben.
Die Börsen, insbesondere in den USA, preisen derzeit sehr viel Optimismus ein. Aktieninvestoren wollen im derzeitigen Umfeld positiv sein. Trotz des Ausverkaufs Anfang August, der Parallelen zum März 2000 zeigte, erholten sich viele Kurse und erzielten neue Allzeithochs.
Maßgeblich dafür verantwortlich waren die Entspannung seitens der „Carry Trades“ im japanischen Yen und die nachlassende Volatilität. Damit verbunden ist die Auffassung der Marktteilnehmer, dass die Schwäche am US-Arbeitsmarkt nicht mehr so wichtig ist und die US-Notenbank ausreichende und erfolgreiche Zinssenkungen vornehmen wird, um eine zu starke Abkühlung der US-Wirtschaft zu vermeiden.
Im Hinblick auf Unternehmensnachrichten ist seit der Veröffentlichung der Quartalszahlen von Nvidia am 28. August wieder Ruhe eingekehrt. Damit sind die Augen verstärkt auf makroökonomische Nachrichten gelenkt.
In Europa meldet die Industrie eine Streichung von Jobs, rückläufige Investitionen oder die Stilllegung von Anlagen. Die kürzlich veröffentlichte Studie „Transformationspfade für das Industrieland Deutschland“ von der Boston Consulting Group und dem Institut der deutschen Wirtschaft kommt zu dem Ergebnis, dass einerseits konjunkturelle Einflüsse dahinterstehen, aber auch grundsätzliche Probleme, denen man mit großen Investitionen begegnen muss.
Wettbewerbsposition Europas hat sich verschlechtert
Das Fazit der Studie, die Industrie stecke in einer tiefen Krise aufgrund fehlender Investitionen in den letzten Jahrzehnten, deckt sich weitgehend mit dem Bericht des ehemaligen Notenbankchefs Mario Draghi am Montag in Brüssel. Draghi äußerte sich zur Wettbewerbsposition Europas, die sich in den letzten Jahren gegenüber China und den USA kontinuierlich verschlechtert habe.
Draghi, der vor zwölf Jahren mit seinen berühmten Worten „Whatever it takes“ die Märkte während der EU-Schuldenkrise beruhigen konnte, fordert nun „urgency and concreteness“, also „Dringlichkeit und Klarheit“. Das Ziel sei es, Europa wettbewerbsfähiger zu machen. Hierzu brauche es eine Reform des Wettbewerbsrechts, denn heute werden große und starke Konzerne benötigt, um international zu bestehen.
Der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) fordert deshalb massive Investitionen in Innovationen, Dekarbonisierung und Verteidigung. Hierfür seien 750 bis 800 Milliarden Euro pro Jahr erforderlich, die einerseits vom Staat, aber auch durch Incentivierung des privaten Sektors aufgebracht werden müssen.
Die Ideen Mario Draghis werden in der Wirtschaft durchaus positiv aufgenommen, anders jedoch in der Politik. Der frühere EZB-Chef gilt als Verfechter einer Schuldengemeinschaft und hat, insbesondere in Deutschland, starke Kritiker. Die Regierung in Berlin beschäftigt sich mit Migrationsgipfel und EU-Grenzkontrollen und weniger mit Innovation und Digitalisierung.
Sollten Anlegerinnen und Anleger deshalb einen Bogen um europäische Aktien machen?
Argumente für europäische Aktien
Zweifellos hatten europäische Aktien mit ihrem geringeren Anteil im Technologiesektor in diesem Jahr einen schweren Stand gegenüber US-Aktien. Zudem belastete die Sorge um das Wachstum in China den europäischen Markt für Luxusgüter.
In Europa finden sich aber dennoch ausgewählte Qualitätsunternehmen mit einer hervorragenden Marktstellung und einem stetigen Wachstum. Zudem ist das Umfeld für Small und Midcaps meines Erachtens in der Euro-Zone besser als in den USA.
Die EZB hat bereits begonnen, die Zinsen zu senken, und bei den Kreditkonditionen der Banken sind Anzeichen einer Verbesserung erkennbar. Das dürfte diesem Marktsegment zugutekommen, das stärker auf Finanzierungsmittel von Banken und variabel verzinsliche Kredite angewiesen ist.