Leserforum: Wie kommt VW aus der Krise?
VW steckt in der Krise: Erst hat Europas größter Autohersteller die Unternehmensziele verpasst. Nun kündigen die Wolfsburger die Beschäftigungsgarantie für 120.000 Mitarbeiter auf – ein drastischer Schritt, der für viel Unmut in der Belegschaft sorgt. Doch wie konnte es so weit kommen? Und: Ist das vom VW-Chef Oliver Blume verordnete radikale Sparprogramm wirklich das richtige Mittel, um den strauchelnden Konzern wieder auf Kurs zu bringen?
Darüber diskutieren in dieser Woche intensiv viele Handelsblatt-Leserinnen und -Leser. „Es wird höchste Zeit, dass bei VW ein anderer Wind weht“, schreibt eine Leserin. CEO-Blume müsse hart durchgreifen. Ein Leser gibt zu bedenken, dass „immer weniger Arbeitszeit bei steigenden Lohn- und Lohnnebenkosten“ und „geringen Produktivitätssteigerungen“ nicht zu wettbewerbsfähigen Stückkosten führt. Das sei wenig überraschend. Als Lehrling habe er VW „als Schlaraffenland kennengelernt“, erinnert sich ein weiterer Handelsblatt-Leser. Das räche sich jetzt.
Andere Mitglieder der Handelsblatt-Community sehen die Probleme eher darin, dass sich der Konzern vom „Volks-Auto“ verabschiedet habe. Als „grottenhässlich und zu teuer“ kritisiert ein Leser die Volkswagen-Modelle. Viele Handelsblatt-Nutzer finden, dass sich der Konzern nicht rechtzeitig den Veränderungen auf dem Automarkt gestellt habe. Besonders beim Thema E-Autos habe Volkswagen Fehler gemacht.
Für die aktuelle Ausgabe unseres Leserforums haben wir aus den unterschiedlichen Zuschriften eine Auswahl für Sie zusammengestellt.
VW hat sich von seinen Wurzeln entfernt
„Der VW-Konzern scheitert gerade an seiner Selbstverliebtheit. Jahrelang wurden die Autos viel zu teuer produziert. Damit meine ich in erster Linie den Endprozess der Fertigung: die Karosseriefertigung und Montage. Alles andere wird mit der Marktmacht von in- und ausländischen Zulieferern unter hohem Kostendruck bezogen.
Dieser Kostendruck wurde mit hohen Stückzahlen begründet. Diese sind aber nicht mehr vorhanden. Es werden in Europa einfach weniger Autos gekauft. Das hat viele Gründe: Autos halten länger, Fliegen ist billiger, als mit dem Auto in Urlaub zu fahren, Auto ist kein Statussymbol mehr. VW hat sich Stück für Stück von seinen Wurzeln entfernt. Die Autos wurden immer größer und teurer. Für viele zu teuer.“
Ulrich Harms
Der Selbstbedienungsladen muss ein Ende haben!
„Das Volkswagenwerk war schon immer eine Arbeitnehmer-AG! Mitbestimmung hin oder her, es kann nicht sein, dass die Arbeitnehmer den Ton angeben. Die Aktionäre, die mit ihrem Geld eine AG erst möglich machen, wurden bei VW schon immer schlecht behandelt.
Man hat sie mit entsprechenden Dividenden versucht zu manipulieren. Dumm genug, wer darauf reingefallen ist. Heute ist der Kurs da, wo er hingehört. Es wird höchste Zeit, dass bei VW ein anderer Wind weht. Hoffentlich setzt sich der neue CEO Blume durch und setzt gewaltig den Rotstift an! Die Gewerkschafterin, Frau Cavallo, muss endlich begreifen, dass auch bei VW die Bäume nicht in den Himmel wachsen.
Gleiches gilt für das Land Niedersachsen, das sich als Ankeraktionär viel zu viel einmischt und für alle Skandale im Unternehmen Verständnis hat. Der Selbstbedienungsladen muss endlich ein Ende haben!“
Monika Degen
Sozial nicht verträglich
„VW hat jahrelang hohe Gewinne erwirtschaftet. Außerdem hat VW bisher schon in großem Umfang von den Subventionen für E-Autos profitiert, es gibt überhaupt keinen Grund, eine einzelne Gruppe mit Subventionen zu füttern. Das ist sozial nicht vertretbar und wird langsam unerträglich.“
Ulrich Schach
Grottenhässlich und zu teuer
„Der Niedergang ist schade, aber vorauszusehen gewesen. Die E-Modelle aus Wolfsburg sind grotten-hässlich und zu teuer! VW ist, wie andere deutsche Autobauer auch, nur weniger als halbherzig an die E-Mobilität herangegangen – und der deutsche Staat hat mit dem schleppenden Ausbau der Ladestruktur im Land den Sargnagel geliefert.“
Benedikt Schramm
Höchste Zeit, die Märkte von morgen zu erkennen
„Erinnern wir uns an Herbert Diess, damals VWs CEO, der schlagartig auf E-Mobilität umschalten wollte und statt einer Unterstützung für diese vor allem für den chinesischen Markt lebensrettende Maßnahme den maximalen Gegenwind von seinen Vorstandskollegen erhielt.
Letztlich war das ein Grund für sein vorzeitiges Ausscheiden. Nicht nur für VW-Chef Blume, sondern die Gesamtheit deutscher Unternehmenslenker ist es höchste Zeit, die Märkte von morgen zu erkennen und sich schnellstens darauf einzustellen. Wie wäre es dann mit „weichem“ Übergang für die Mitarbeiter durch frühzeitige Umschulung und Weiterentwicklung?
Das dafür erforderliche Geld sollte aus niedrigeren Dividendenausschüttungen, also aus den eigenen Gewinnen, stammen und nicht Steuergeldern, Arbeitslosenhilfen und ähnlichen Alimentationen. Die absehbare wirtschaftliche Schwäche entspringt meines Erachtens insgesamt aus dem Festhalten an alten Zöpfen, statt sich - falls nötig -auch radikal auf die Zukunft einzurichten.“
Michael Langenberger
Positive Emotionen wecken
„Was kann VW tun, um den Konzern wieder fit zu machen? Fahrzeuge bauen, die Kunden in Design und Materialität ansprechen und nicht bereits bei der Probefahrt abstoßen, weil sie billig wirken. Fahrzeuge emotional stärker bewerben und Interesse wecken – auch wer kein E-Auto möchte, ist potenziell ein spannender Kunde.
Flottenausdünnung stoppen – wo sind die Familienfahrzeuge für Familien ab drei Kindern (zum Beispiel Sharan), wo die Allrad-Busse (T6.1), wo die Kleinstwagen für die Stadt (VW Up!)? Lieferanten in Deutschland pflegen statt Billigsourcing – auch Lieferanten und deren Mitarbeiter waren (!) wichtige Kunden. Zusammenfassend: Positive Emotionen wecken bei Kunden, statt auf Krampf billig sein.“
Stefan Tilke
Volkswagen hat sich vom Volksauto verabschiedet
„Hauptproblem ist die verfehlte Modellpolitik. Es werden aktuell keine Volumenmodelle gebaut, sondern ertragreiche große Limousinen im Oberklassenbereich. Volkswagen hat sich vom wortwörtlichen Volksauto verabschiedet, zugunsten einer vermeintlich höheren Rendite pro verkauftes Fahrzeug.
Es gibt praktisch kein Auto mehr, das von einem normal verdienenden Familienvater gekauft werden kann. Sie sollten einen elektrischen Käfer fürs Volk auflegen und werden wieder erfolgreich sein.“
HG Müller
5-Punkte-Plan
„Die Lösung der VW-Krise ist ganz einfach:
1. Mobilitätsorientierte, bezahlbare Autos bauen, statt gummibereifter Karaoke-Kasperbuden.
2. Unfähige Landespolitiker wie den Ministerpräsidenten Weil aus dem Aufsichtsrat entfernen.
3. Die Macht des Betriebsrates und der IG Metall beschränken.
4. Das Klumpenrisiko China stark reduzieren durch Ausbau der Aktivitäten in Afrika.
5. Durch Wiedereinführung einer 4-Tage-Woche bei gleichzeitiger Gehaltsreduktion für die Mitarbeitenden eine zukunftsorientierte Grundsanierung durchführen.“
Frank Loock
Spagat zwischen Kosteneffizienz und Innovation
„Volkswagen steht derzeit unter massivem Druck, insbesondere durch den Umbruch zur Elektromobilität und die schwache Nachfrage auf dem chinesischen Markt, was die Margen belastet. Die hohen Investitionen in die Transformation und veraltete Strukturen machen Werksschließungen und den Abbau der Jobgarantie fast unausweichlich. CEO Oliver Blume muss die Modernisierung des Konzerns konsequenter vorantreiben, insbesondere durch eine effizientere Produktion und den Ausbau der Softwarekompetenz.
Die angekündigten Veränderungen sind notwendig, um wettbewerbsfähig zu bleiben, sollten jedoch mit Bedacht durchgeführt werden, um den sozialen Frieden zu wahren. Blumes Erfolg hängt davon ab, ob er den Spagat zwischen Kosteneffizienz und Innovation schafft, ohne die Belegschaft zu verlieren.“
Oliver Born
Schlaraffenland
„Um 1970 herum habe ich als Lehrling VW als Schlaraffenland kennengelernt, mit dreifach höheren Löhnen als anderswo. Dies und Verwandtes scheint sich nun nicht mehr aufrechterhalten zu lassen. Kann sein, dass die neue Notwendigkeit von großer und größerer Software Schuld daran trägt. Software dominiert heutzutage immer mehr.“
Helmut Schellong
Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt schon lange nicht mehr
„Während man bei anderen Herstellern (asiatische Volkswagen wie Hyundai oder Toyota) schon einen CD-Spieler in der Serienausstattung erhielt – musste man beim deutschen Volkswagen noch als teures Extra den Kassettenrekorder auswählen! Das Preis-Leistungs-Verhältnis von einem VW-Auto stimmt schon lange nicht mehr – die Modelle sind zu spät in der globalen Welt angekommen!
Obwohl der Konzern global agierte: Man wollte teure Autos an die Chinesen verkaufen – oder durch Tricksereien in den USA die Abgaswerte manipulieren! Und jetzt wird VW ein Sanierungsfall, der vom Staat gerettet werden soll?!
Wir waren als Zulieferer noch selten bei einem deutschen Automobilhersteller im Werk tätig, wo wir nicht völlig verwundert und schockiert über die Arbeitsmoral, Arbeitsgeschwindigkeit und dortige Arbeitsweise herausgekommen sind – und solange das so bleibt, wird auch kaum ein deutscher Autohersteller das Schwergewicht bleiben, das er mal war oder gerne sein würde! Leider.“
Philipp Schurr
Freizeitpark VW
„VW hat sich viel zu lange auf das Dengeln von Blech fokussiert statt auf SW-Engineering und die Entwicklung einer Systemhoheit. Immer weniger Arbeitszeit bei steigenden Lohn- und Lohnnebenkosten, geringen Produktivitätssteigerungen führen, wie überraschend, zu nicht wettbewerbsfähigen Stückkosten.
Auch hat es viel mehr Spaß gemacht, die Zulieferlandschaft im Einkauf unter Kostendruck zu stellen, als in den eigenen Werken längst überfällige Anpassungen vorzunehmen. Um hier mit chinesischen Wettbewerbern Schritt zu halten, müsste VW über Autos mit nur 3 Rädern nachdenken, um kurzfristig ein E-Auto unter 20 K€ auf den Markt zu bringen, und selbst das wird noch im Freizeitpark VW eine riesige Herausforderung.“
Klaus Hellmich
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