China Development Forum: Chinas Staatsführung umwirbt die westliche Wirtschaftselite
Peking. Die globale Unternehmenselite hat sich am Sonntag bei sommerlichen 27 Grad in der parkähnlichen Anlage des Diaoyutai-Staatsgasthauses in Peking versammelt. Auf dem „China Development Forum“ erinnert nichts daran, dass noch am vergangenen Wochenende ein Schneesturm über die chinesische Hauptstadt fegte.
So schnell, wie das Wetter umschlug, sollen sich auch die Aussichten der chinesischen Wirtschaft aufgehellt haben. Das ist die Botschaft, die Chinas Premier Li Qiang auf dem Forum verbreiten will.
86 globale Unternehmenslenker sind der Einladung der Staatsführung nach Peking gefolgt. Apple-Chef Tim Cook, Nestlé-Chef Laurent Freixe, Pfizer-CEO Albert Bourla, Qualcomm-Chef Cristiano Amon sowie die Vorstandschefs von BMW, Mercedes und Siemens, Oliver Zipse, Ola Källenius und Roland Busch stehen auf der offiziellen Teilnehmerliste. Die deutschen Firmenvertreter stellen die zweitgrößte Abordnung nach den US-Vertretern dar.
Die chinesische Staatsführung will auf dem zweitägigen Forum den geladenen globalen Unternehmenschefs ihre politischen Prioritäten übermitteln. Es findet jedes Jahr kurz nach dem Volkskongress statt, der Tagung von Chinas Scheinparlament.
China will sich als Gegenpol zu den USA darstellen
Li Qiang nutzt seine Rede, um Optimismus zu versprühen. Es herrsche eine Aufbruchstimmung in China, ausgelöst durch die „jüngsten phänomenalen Highlights“ wie den Erfolg des Künstliche-Intelligenz-(KI-)Start-ups Deepseek kurz vor dem chinesischen Neujahrsfest. Rund um das wichtigste Fest des Landes würden in China viele Pläne für das neue Jahr gemacht, sagt er. Das soll suggerieren, dass sich der Optimismus während der Festtage auf das ganze Jahr überträgt.
Probleme wie die anhaltende Krise auf dem Immobilienmarkt, die Konsumzurückhaltung der Verbraucher, die Deflationsgefahr sowie die Zuspitzung des Zollkonflikts mit den USA finden kaum Erwähnung. Nur so viel: China sei vorbereitet auf „mögliche unerwartete Schocks, die natürlich hauptsächlich von außen kommen“. Es wird erwartet, dass die USA Anfang April zusätzliche Zölle auf Importe aus China und anderen Ländern erheben.
Angesichts der „wachsenden wirtschaftlichen Fragmentierung und Instabilität in der Welt“ verspricht Li Stabilität und eine weitere Öffnung des chinesischen Marktes. Auch wenn er die USA nicht namentlich erwähnt, so wird doch deutlich, dass er die Volksrepublik als Gegenpol positioniert, als verlässlichen Partner und Verfechter des freien Welthandels.
Es ist eine Botschaft, die die angereisten Manager angesichts der zunehmenden Unberechenbarkeit der USA unter Präsident Donald Trump gerne hören. Siemens-Chef Roland Busch, in diesem Jahr Co-Vorsitzender des Forums, darf direkt nach Li sprechen. „China überrascht uns alle mit Innovation“, sagt Busch und verweist ebenfalls auf Deepseek.
Roland Busch lobt chinesische Staatsführung
Dann lobt er die Staatsführung dafür, „kontinuierlich für gleiche
Wettbewerbsbedingungen und ein faires Wirtschaftsumfeld zu arbeiten“. Kein Wort über die Schwierigkeiten ausländischer Unternehmen in China, etwa die Ungleichbehandlung bei öffentlichen Ausschreibungen.
Dabei hat Siemens selbst erlebt, wie schnell sich die gepriesene chinesische Marktoffenheit ins Gegenteil verkehren kann. Einst hatten
sich die Münchener große Hoffnungen auf das Geschäft mit Schnellzügen in China gemacht. Nun macht der staatliche Joint-Venture-Partner CNR das Geschäft – und Siemens auch außerhalb Chinas Konkurrenz. Auch im Geschäft mit der Industrieautomatisierung, von der sich Siemens in China so viel erhofft, holen inzwischen heimische Wettbewerber auf.
Die Aufbruchstimmung, von der Premier Li spricht, zeigt sich jedenfalls bei den meisten Unternehmen bislang noch nicht in den Geschäftszahlen, im Gegenteil: Die chinesische Konkurrenz holt auf, insbesondere in deutschen Kernindustrien wie Auto- und Maschinenbau.
Mercedes-Chef Källenius gibt sich dementsprechend zurückhaltend. Jedes Jahr werde auf dem Development-Forum Aufbruchstimmung verbreitet, sagte er dem Handelsblatt am Rande der Konferenz. Positiv sieht er die angekündigte Förderung des Konsums. Allerdings werde es noch einige Zeit dauern, um zu sehen, wie sich dies niederschlage.
Deflation schreckt Käufer ab und drückt Gewinne
Jens Eskelund, Chef der Europäischen Handelskammer in China, begrüßt ebenfalls den neuen Fokus auf die Steigerung des Konsums. Allerdings steige die Produktion nach wie vor deutlich stärker als die Nachfrage. Die Folge: Seit mehr als zwei Jahren fallen die Produzentenpreise. Die Deflation drückt die Gewinne. Es brauche mehr Balance zwischen Angebot und inländischer Nachfrage, auch um das Verhältnis zu Handelspartnern zu verbessern, so Eskelund.
Auch BMW-Chef Zipse verweist in einer Rede auf weitere negative Folgen des „Hyperwettbewerbs“ am Beispiel des Automarkts. Die sinkenden Preise seien schlecht, weil sie dazu führten, dass Kaufentscheidungen aufgeschoben würden. Dem Handelsblatt gegenüber zeigte er sich dennoch „sehr positiv“ mit Blick auf das laufende Geschäftsjahr.
Die Auswirkungen des Deepseek-Erfolgs seien bereits deutlich spürbar bei den Kosten von KI in der Industrie, sagt Marc Horn, Chinachef des Pharma- und Technologiekonzerns Merck. Diese seien seit Jahresbeginn um 70 Prozent gesunken. Das sorge dafür, dass Chinas Industrie viel stärker auf KI-Anwendungen setze, und dürfte ihr weiteren Schub geben.
Schon lange verspricht Peking bessere Bedingungen für private Unternehmen aus dem In- und Ausland. Zuletzt hat die Regierung ihr Werben noch einmal verstärkt. Im Februar traf Staatschef Xi Jinping die Gründer und Chefs chinesischer Tech-Konzerne und anderer
innovativer Unternehmen, zum ersten Mal seit 2018. Am Freitag will er eine Reihe ausländischer Konzernlenker empfangen. Offiziell bestätigt sind bislang weder der Termin noch die Teilnehmer.
Privatwirtschaft hat in China immer noch schweren Stand
Xi hat seit seiner Amtsübernahme 2012 nach und nach die Kontrolle über den privaten Sektor verschärft – und damit für große Verunsicherung gesorgt. Bislang hatte für ihn „nationale Sicherheit“ die höchste Priorität. Angesichts der unberechenbaren US-Politik ist eine Abkehr Chinas vom Streben nach unabhängigen Liefer- und Produktionsketten derzeit kaum vorstellbar.
Allen Lippenbekenntnissen zur Förderung der Privatwirtschaft zum Trotz beklagen die Firmen bislang die mangelnde Umsetzung der Versprechen. So wurde das angekündigte Gesetz zur Förderung von Privatunternehmen bislang nicht umgesetzt.
Deutlich wird die anhaltende Unsicherheit über die künftige Entwicklung Chinas an den ausländischen Direktinvestitionen. Sie sanken im vergangenen Jahr auf den tiefsten Stand seit 1992. Deutsche Unternehmen investierten nach Schätzungen der Bundesbank lediglich 4,4 Milliarden Euro – deutlich weniger als noch 2021, als sie 7,4 Milliarden Euro in den Ausbau des Chinageschäfts steckten. Hinzu kommt, dass es sich bei den Investitionen um reinvestierte Gewinne aus dem Chinageschäft handelt.
Wachstumsziel ist kein Indikator für Zustand der Wirtschaft
Dazu beigetragen hat neben der wachsenden politischen Kontrolle auch die Unsicherheit über die weitere Entwicklung der zweitgrößten
Volkswirtschaft der Welt. Im vergangenen Jahr wuchs sie offiziellen Angaben zufolge um fünf Prozent. Auch für dieses Jahr hat Chinas Staatsführung ein Wachstumsziel von „rund fünf Prozent“ gesetzt.
Die Zahl ist eher als Signal der Stabilität zu sehen denn als Indikator für den Zustand der chinesischen Wirtschaft. Sie beruhe auch auf
dem „festen Vertrauen“ in die Fähigkeiten der chinesischen Regierung, betonte Premier Li. Daran immerhin gibt es im autokratisch regierten China keinen Zweifel. Ob es ausreicht, um die Unternehmenselite zu überzeugen, wieder mehr in der Volksrepublik zu investieren, muss sich zeigen.