Handelskonflikt: Großbritannien will US-Zölle wegverhandeln
London. Es hätte schlimmer kommen können. So lassen sich die Reaktionen in Großbritannien auf die Strafzölle des US-Präsidenten Donald Trump zusammenfassen. Die britischen Exporte in die USA werden demnach mit Importzöllen von zehn Prozent belegt. Das ist nur halb so viel, wie für Einfuhren aus der EU fällig werden. Britische Medien sprechen deshalb bereits von einem „Brexit-Bonus“ für das Königreich.
„Der Unterschied zwischen zehn und 20 Prozent macht Tausende von Arbeitsplätzen aus“, hieß es in Regierungskreisen in Westminster. Man werde mit den USA weiter über ein Handels- und Technologieabkommen verhandeln.
Premierminister Keir Starmer hatte bereits zuvor angekündigt, Großbritannien werde „ruhig bleiben und einen kühlen Kopf bewahren“. Obwohl er betonte, dass seine Regierung alle Optionen prüfe, sind Gegensanktionen vorerst nicht geplant.
„Es ist klar, dass die Entscheidungen, die die USA hier und weltweit getroffen haben, wirtschaftliche Auswirkungen haben werden“, sagte Starmer am Donnerstag vor Wirtschaftsvertretern, „aber ich möchte ganz klar sagen: Wir sind darauf vorbereitet.“
Ungeschoren kommt auch die britische Wirtschaft nicht davon. So gelten für Stahl- und Aluminiumexporte in die USA nach wie vor Einfuhrzölle von 25 Prozent. Und auch für die Ausfuhren der britischen Autoindustrie gilt ein Zuschlag von 25 Prozent.
Die generellen Strafzölle von zehn Prozent auf alle anderen Exporte nach Amerika können nach Berechnungen der Wirtschaftsberatung Capital Economics das Wirtschaftswachstum in Großbritannien um bis zu sechs Basispunkte – sechs hundertstel Prozentpunkte – drücken.
Wiederannäherung an EU gefährdet
Und selbst wenn es den Briten in den kommenden Wochen gelingen sollte, durch ein Handels- und Technologieabkommen mit den USA den zehnprozentigen Strafzoll wieder wegzuverhandeln, würde das Königreich die Folgen eines globalen Handelskrieges zu spüren bekommen.
„Die Zölle für das Vereinigte Königreich sind für die Auswirkungen auf Wachstum und Inflation weniger relevant als das globale Bild“, sagte die britische Finanzministerin Rachel Reeves. So ist die EU mit Abstand der wichtigste Handelspartner Großbritanniens. Fast die Hälfte aller britischen Güterexporte geht in den europäischen Binnenmarkt.
Noch unklar ist, ob die unterschiedlichen Positionen von Großbritannien und der EU im Handelskonflikt auch die von beiden Seiten gewünschte Wiederannäherung nach dem Brexit gefährden könnten. Der ehemalige EU-Botschafter in Großbritannien, Joa Vale de Almeida, sieht neue Spannungen zwischen Brüssel und London voraus und warnte die Briten davor, sich durch Konzessionen gegenüber Trump auf die Seite der USA zu schlagen.
Die Amerikaner versuchen bereits, einen Keil durch Europa zu treiben: „Nach dem Brexit hat Großbritannien seine Unabhängigkeit bekräftigt, und ich denke, das wird heute durch den Sondertarif, der dem Vereinigten Königreich gewährt wurde, unter Beweis gestellt“, sagte der Trump-Berater Sebastian Gorka der BBC.
Die britische Regierung ist offenbar bereit, in den Verhandlungen mit Trump die Steuer für digitale Dienstleistungen großer US-Konzerne zur Disposition zu stellen. Außerdem pochen die Amerikaner dem Vernehmen nach auf einen besseren Marktzugang für ihre Agrarprodukte, was jedoch einem von London und Brüssel geplanten Veterinärabkommen zuwiderlaufen könnte. So weichen die Lebensmittelstandards der USA deutlich von denen in Europa ab.
Angst vor Billigimporten
Der britische Handelsminister Jonathan Reynolds befürchtet zudem, dass andere Länder jetzt ihre Waren verstärkt nach Großbritannien exportieren und einheimische Anbieter damit unter Druck setzen könnten. Er kündigte für diesen Fall Schutzmaßnahmen für britische Unternehmen an. „Es ist wichtig, dass es niemanden gibt, der besser dasteht als Großbritannien“, sagte Reynolds der BBC mit Blick auf Trumps Ankündigung. Er glaube aber nicht, dass die Handelssanktionen gegen das Königreich berechtigt seien.
Scharfe Kritik kam von Vertretern der britischen Wirtschaft. Der Industrieverband Make UK sprach von „verheerenden“ Folgen. „In einem Handelskrieg gibt es keine Gewinner“, sagte Rain Newton-Smith, Chefin der Confederation of British Industry (CBI). Die Ankündigungen von Trump seien für die britischen Unternehmen „zutiefst beunruhigend“ und würden erhebliche Auswirkungen auf die ganze Welt haben.
