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Krieg„Wir hatten eine viel friedlichere Welt als heute“

2024 war ein Rekordjahr für Kriege. Die Friedensforscherin Siri Rustad erklärt, warum – und welche Folgen eine militärische Beteiligung der USA am Krieg zwischen Iran und Israel hätte.Dana Heide 19.06.2025 - 16:46 Uhr aktualisiert Artikel anhören
Zerstörte Gebäude in Israel nach den iranischen Angriffen: „Die USA würden ihre Vermittlerrolle weitgehend verlieren.“ Foto: dpa

Berlin. Die Friedensforscherin Siri Aas Rustad vom Peace Research Institute Oslo (PRIO) bestätigt das Gefühl, das man in diesen Tagen hat: Es gibt heute viel mehr militärische Auseinandersetzungen als früher. „2024 hatten wir die höchste Zahl staatlicher Konflikte seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1946“, sagt sie im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Nach dem Ende des Kalten Krieges und der Beilegung der Konflikte, die durch den Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden waren, sei die Welt viel friedlicher als heute gewesen, sagt Rustad. Die Ursache für den aktuellen Umbruch sieht sie vor allem darin, dass mit China, Russland und den arabischen Staaten mehr Länder als zuvor die Vormachtstellung der USA infrage stellen.

Die Forscherin bezweifelt, dass Trump mit seiner Methode, Russland und die Ukraine zu Friedensverhandlungen zu zwingen, Erfolg haben wird. „Sowohl bei Waffenstillständen als auch bei Friedensabkommen gilt: Die Situation muss reif sein, damit sie funktionieren“, erklärt die Expertin – und mahnt: „Ein Waffenstillstandsabkommen, wenn die Parteien nicht bereit dafür sind, könnte sogar noch mehr Probleme verursachen.“

Lesen Sie hier das ganze Interview mit Siri Rustad:

Frau Rustad, es gibt Spekulationen, dass die USA militärisch in den aktuellen Konflikt zwischen Israel und dem Iran eingreifen könnten. Was würde das für die Region bedeuten?
Ein Eingreifen würde die USA daran hindern, in vielen anderen Konflikten als Vermittler zu agieren. Auf seiner Nahostreise besuchte US-Präsident Donald Trump Syrien und sprach mit dem neuen Regime, um es gewissermaßen anzuerkennen und ihm Legitimität zu verleihen. Sollten sie jedoch eingreifen und Israel mit dem US-Militär gegenüber dem Iran unterstützen, würden die USA ihre Vermittlerrolle weitgehend verlieren.

Friedensforscherin Siri Aas Rustad vom Peace Research Institute Oslo (PRIO): „Heute kämpfen viel mehr Staaten um die Macht.“ Foto: PRIO

Trump sagte, er wolle Kriege beenden, nicht beginnen. Gelingt ihm das?
Bisher hat er offensichtlich keine Konflikte beendet. Trump bringt die Dinge sicherlich in Bewegung. Doch sowohl bei Waffenstillständen als auch bei Friedensabkommen gilt: Die Situation muss reif sein, damit sie funktionieren. Ein Waffenstillstandsabkommen, wenn die Parteien nicht bereit dafür sind, könnte sogar noch mehr Probleme verursachen.

Inwiefern?
Wenn ein Waffenstillstandsabkommen gebrochen wird, entsteht noch mehr Misstrauen, und es ist viel schwieriger, einen dauerhaften Frieden zu erreichen.

Siri Aas Rustad
Siri Rustad durchsucht beim Peace Research Institute Oslo Daten (PRIO) zu weltweiten Konflikten nach Trends. Sie forscht außerdem dazu, wie Waffenstillstände zustande kommen und welche humanitären Folgen Kriege haben. Studiert hat sie Politikwissenschaft und Geschichte an der Norwegian University of Science and Technology und der Karls Universität in Prag.
Das 1959 gegründete Peace Research Institute Oslo (PRIO) forscht dazu, wie Konflikte entstehen und wie sie beendet werden. Laut Angaben des Instituts arbeiten derzeit 75 Mitarbeiter dort.

In der Ukraine herrscht Krieg, in Afrika gibt es mehrere regionale Konflikte, und jetzt bekämpfen sich Israel und der Iran. Es scheint, als gäbe es weltweit mehr staatliche Konflikte als je zuvor.
Ja, absolut. 2024 hatten wir die höchste Zahl staatlicher Konflikte seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1946. Die Zahl steigt also definitiv.

Ihrem jüngsten Bericht zufolge gab es in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren einen Rückgang staatlicher Konflikte. Im vergangenen Jahrzehnt nahmen sie wieder zu. Warum?
Ich würde die Frage umdrehen: Was lief in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren besser, als wir eine relativ friedliche Zeit hatten? Die Antwort lautet: Wir hatten uns zu der Zeit von einer bipolaren Welt zu einer unipolaren Welt entwickelt, mit den USA als mächtigstem Land. Sie waren die Weltpolizei, aber in nett. Die globale Zusammenarbeit und die Weltgemeinschaft waren damals viel besser aufgestellt als heute.

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Was bedeutet das konkret? 
Die Organisation der Vereinten Nationen (Uno) funktionierte (Anm. der Redaktion: zur Wahrung des Weltfriedens, der internationalen Sicherheit und zum Schutz der Menschenrechte): Wir hatten mehr Friedensmissionen und mehr Friedensabkommen. Nach dem Ende des Kalten Krieges und der Beilegung der Konflikte, die durch den Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden waren, war die Welt viel friedlicher als heute.

Warum hat sich die Situation verändert?
Die USA waren einst die einzige Großmacht der Welt. Sie waren unangefochten. Das hat sich grundlegend geändert. Heute kämpfen viel mehr Staaten um Macht und Einfluss. China und Russland wollen ihre Stellung in der Welt ausbauen, ebenso die arabischen Staaten.

Der Rückgang des US-Einflusses ist also nicht auf Entscheidungen früherer US-Regierungen zurückzuführen, sondern auf das Umfeld?
Ja, zumindest bis jetzt.

Der US-Präsident übersieht, dass man mit Hilfe nicht nur arme Menschen unterstützt. Man schafft  auch einen Kontrollraum, man schafft Abhängigkeiten.
Siri Rustad
Peace Research Institute Oslo

Was meinen Sie damit?
Nehmen Sie die Entscheidung von Trump, die US-Hilfe für Länder weltweit einzustellen: Der US-Präsident übersieht dabei, dass man mit dieser Hilfe nicht nur arme Menschen unterstützt. Man ist nicht nur nett. Man schafft vielmehr auch einen Kontrollraum, man schafft Abhängigkeiten. Deshalb haben die USA nach dem Zweiten Weltkrieg den Marshallplan ins Leben gerufen, um Europa zu helfen.

Was werden die Folgen dieses Entzugs von Hilfe sein?
Kleinere Konflikte werden größer. In Afrika gibt es viele Konflikte kleiner oder mittlerer Größe – bei denen werden jährlich bis zu 5000 Menschen getötet. Doch mit dem Wegfall der Hilfe wird auch ein Großteil der Infrastruktur zerstört, die zur Bewältigung der Konfliktfolgen beiträgt. Und dann kann sich ein kleiner Konflikt plötzlich zu einer großen humanitären Krise entwickeln.

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Die Welt scheint heute mit Blick auf Krisen so gefährlich wie nie. Sehen Sie anhand Ihrer Daten der vergangenen Jahre auch irgendeine positive Entwicklung?
Vielleicht ist es die Beobachtung, dass alle Konflikte irgendwann enden. Sie dauern nicht ewig. Zum Beispiel zeigen die Entwicklungen in Syrien, dass Regime schnell stürzen können.

Schauen wir in die Zukunft: Werden wir einen Rückgang der Kriege erleben oder werden sie noch weiter zunehmen?
Die Zahlen für 2025 sehen bereits jetzt nicht gut aus. Und ich glaube nicht, dass es 2026 besser wird. Wir befinden uns mitten in einer Ära des Wandels der Weltordnung. Es braucht Zeit, sich anzupassen. Aber vielleicht werden wir irgendwann in der Lage sein, mit dieser neuen Welt zurechtzukommen.

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Was macht Ihnen Hoffnung?
Die meisten Länder, die meisten Menschen und die meisten Staats- und Regierungschefs wollen Frieden.

Frau Rustad, vielen Dank für das Interview.

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