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BundeswehrDavid gegen Goliath im Kampf um den Auftrag für Bergepanzer

Die Firma FFG vermisst fairen Wettbewerb bei der geplanten Beschaffung von Bergepanzern und wittert eine Bevorzugung von Rheinmetall. Deshalb schreiben die Chefs jetzt einen Brandbrief.Lars-Marten Nagel, Frank Specht, Roman Tyborski 24.06.2025 - 09:45 Uhr Artikel anhören
Bergepanzer der Bundeswehr: Mit den tonnenschweren Fahrzeugen können andere Panzer auf dem Gefechtsfeld geborgen werden. Foto: picture alliance / SvenSimon-ThePresidentialOfficeU

Berlin, Düsseldorf. Gibt es bei Rüstungsprojekten für die Bundeswehr eine Kungelei zwischen dem Koblenzer Beschaffungsamt (BAAINBw) und dem Konzern Rheinmetall? Diesen Verdacht hegt die Flensburger Fahrzeugbau Gesellschaft (FFG).

Und deren Geschäftsführung ist darüber so verärgert, dass sie jetzt einen Brandbrief an die Abgeordneten des Haushalts- und des Verteidigungsausschusses des Bundestags geschrieben hat, der dem Handelsblatt vorliegt.

Statt die „hohe Innovationsfähigkeit, Wirtschaftlichkeit und Flexibilität des Mittelstandes zum beidseitigen Vorteil zu nutzen“, begäben sich das Verteidigungsministerium und das Beschaffungsamt „in die selbstgewählte Abhängigkeit eines Quasi-Monopolisten“ ohne überzeugendes Angebot, heißt es in dem Schreiben, in dem Rheinmetall allerdings nicht namentlich erwähnt wird.

In dem konkreten Fall geht es um den Ersatz von zwei modernen Bergepanzern „BPz 3 Büffel“ von Rheinmetall und 21 Exemplaren der Vorgängerversion „BPz 2“. Die Fahrzeuge wurden aus Bundeswehrbeständen an die Ukraine abgegeben – die Büffel bereits im März 2023. Ersatz soll „so schnell wie möglich“ beschafft werden, wie das Verteidigungsministerium auf Anfrage mitteilte. Aus „vergaberechtlichen Gründen“ wollte sich das von Boris Pistorius (SPD) geführte Haus aber nicht zum Beschaffungsprozedere äußern.

Boris Pistorius: Für den Verteidigungsminister ist das alles entscheidende Kriterium bei der Beschaffung der Faktor Zeit. Foto: IMAGO/Future Image

Bei FFG fürchtet man nun, dass der Auftrag über die 23 Bergepanzer „freihändig und ohne Wettbewerb“ an Rheinmetall vergeben werden soll. Die Möglichkeiten für solche Vergaben hatte Pistorius’ Vorgängerin Christine Lambrecht (SPD) 2022 mit dem Beschaffungsbeschleunigungsgesetz erweitert, das ihr Nachfolger nun verlängern und noch ausbauen will.

Rheinmetall teilte dem Handelsblatt auf Anfrage mit, dass das Unternehmen sich nicht zu der Kritik oder zu Wettbewerbern äußert.

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Der Vorgang ist deshalb pikant, weil FFG für sich in Anspruch nimmt, mit dem Bergepanzer Wisent 2 über ein schneller lieferbares, kostengünstigeres und hochwertigeres Konkurrenzmodell zum BPz 3 Büffel von Rheinmetall zu verfügen.

FFG arbeitet eng mit KNDS zusammen

Im vergangenen Sommer wurde der Wisent 2 an der Wehrtechnischen Dienststelle 41 in Trier erprobt und auch von Experten des Beschaffungsamts in Augenschein genommen. Außerdem sei das Fahrzeug bereits in sechs Nationen im Einsatz und habe sich dort „nachhaltig bewährt“, heißt es in dem Brief an die Parlamentarier.

FFG hatte aus eigener Initiative bereits im Februar dieses Jahres ein Angebot ans Koblenzer Beschaffungsamt geschickt, auf das aber bis heute keine Antwort folgte. Vereinbarte Termine mit dem Abteilungsleiter Rüstung im Verteidigungsministerium, Vizeadmiral Carsten Stawitzki, oder Beschaffungsamtschefin Annette Lehnigk-Emden wurden abgesagt oder auf den Spätsommer verschoben.

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Soll die FFG mit ihren gut 900 Beschäftigten, die gerade 75 Millionen Euro in ein neues Werk investiert, keine Chance gegen den „Goliath“ Rheinmetall mit seinen 31.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erhalten?

Dabei ist das auf die Umrüstung und Wartung von Ketten- und Radfahrzeugen spezialisierte Flensburger Unternehmen kein Unbekannter bei der Bundeswehr. Es unterstützt die Truppe nicht nur bei der Instandhaltung, sondern hat auch ausgemusterte Panzer und andere Fahrzeuge für den Ukraine-Einsatz aufbereitet und modernisiert. Außerdem arbeitet es eng mit dem Kampfpanzer-Systemhaus KNDS zusammen.

FFG und Rheinmetall konkurrieren auch bei anderen Bundeswehr-Projekten

Auch in einem anderen zentralen Beschaffungsprojekt stehen FFG und Rheinmetall in direkter Konkurrenz. So plant die Bundeswehr für die Nachfolge des Transportpanzers Fuchs 1 voraussichtlich mit dem Modell „6x6“ des finnischen Rüstungskonzerns Patria statt mit dem Fuchs 2 von Rheinmetall.

Das Unternehmen aus Helsinki hat hierfür eigens ein Konsortium in Deutschland für die lokale Produktion gegründet, zu dem auch FFG gehört. Gut 90 Prozent der Produktion soll hierzulande erfolgen. Die lokale Fertigung war eine Bedingung von Deutschland für den Erwerb des 6x6 für die Bundeswehr.

Transportpanzer Patria 6x6: Die finnische Firma will die Fahrzeuge auch von einem Konsortium in Deutschland bauen lassen, zu dem unter anderem die FFG gehört. Foto: imago images/Scanpix

Für die FFG geht es bei der aktuellen Vergabe um deutlich mehr als die 23 Bergepanzer. Weil die Bundeswehr 105 zusätzliche Kampfpanzer Leopard 2 A8 bestellt hat, steigt auch der Bedarf an Bergepanzern, um die Kolosse im Ernstfall vom Gefechtsfeld holen zu können, wenn sie steckengeblieben sind oder beschädigt wurden.

Spätestens ab den 2030er-Jahren müssen dann auch die veralteten Bergepanzer auf Basis des Leopard 1 bei der Bundeswehr ersetzt werden, sodass sich perspektivisch ein Bedarf von mehr als 100 Fahrzeugen ergeben könnte.

Für Rheinmetall spricht, dass die Bundeswehr bis 1997 insgesamt schon 75 Büffel-Panzer angeschafft hat, die danach modernisiert wurden oder noch werden – wenn auch nicht alle auf den neuesten Stand. Die jüngste Variante BPz 3 A2 hatte das Unternehmen Anfang 2024 vorgestellt.

Sollte der Wisent bei mindestens gleicher Leistungsfähigkeit aber wirklich deutlich billiger und schneller lieferbar sein als der Büffel, wäre die Causa gleich in zweifacher Hinsicht problematisch. Zum einen hat Verteidigungsminister Pistorius bei der Ausrüstung der Bundeswehr den Faktor Zeit zum alles entscheidenden Kriterium erklärt. Zum anderen hat der Bundesrechnungshof gerade erst gemahnt, dass der von der Bundesregierung versprochene Geldsegen für die Truppe jetzt nicht zum verschwenderischen Umgang mit den Mitteln verleiten dürfe.

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Vielleicht wird nun auch der eine oder andere Verteidigungspolitiker oder Haushälter hellhörig. Im Brandbrief werden sie jedenfalls aufgefordert, „Maßnahmen zu ergreifen, um den Wettbewerb hier im Interesse aller Beteiligten zu sichern“.

Erstpublikation: 22.06.2025, 17:28 Uhr.

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