Privatschulen: Darum schicken immer mehr Eltern ihre Kinder auf kirchliche Schulen
Kiel. Wer später einmal im Ausland studieren oder international Karriere machen will, kann an der International School Braunschweig-Wolfsburg die internationale Hochschulreife IB Diploma erwerben. Am Förderzentrum Berchtesgaden lernen chronisch kranke Kinder zusammen mit jungen Hochleistungssportlern für den mittleren Schulabschluss.
Und an der Flex-Fernschule in Baden-Württemberg finden Schulabbrecher zurück in die Spur. Drei vollkommen unterschiedliche Schulkonzepte, doch sie haben eine Gemeinsamkeit: Sie gehören zur evangelischen Kirche.
Das Christliche Jugenddorfwerk Deutschland (CJD) ist eines der größten Bildungs- und Sozialunternehmen in Deutschland und Träger der bundesweit 44 CJD-Christophorusschulen. Rund 12.000 junge Menschen lernen dort, darunter viele mit besonderen Bedürfnissen. Die evangelischen Privatschulen fördern Kinder mit Lernschwierigkeiten oder Handicaps ebenso wie angehende Olympioniken oder Hochbegabte.
Obwohl nur noch rund 45 Prozent der deutschen Bevölkerung Mitglied einer Kirche sind, gehören die christliche Glaubensgemeinschaften zur den größten privaten Bildungsanbietern des Landes: Rund jede dritte der knapp 5900 Privatschulen in Deutschland befindet sich in kirchlicher Trägerschaft.
Zahlenmäßig halten sich die beiden großen Konfessionen in etwa die Waage: Die katholische Kirche betreibt rund 900, die evangelische etwas mehr als 1000 Schulen. Gut 570.000 junge Menschen besuchen eine kirchliche Privatschule, das entspricht mehr als fünf Prozent aller deutschen Schüler. Zum Vergleich: Freie Waldorfschulen kommen mit knapp 90.000 Schülern auf weniger als ein Prozent.
Und während Jahr für Jahr Hunderttausende aus der Kirche austreten, wächst die Zahl der Zöglinge an christlichen Schulen stetig. Allein im Erzbistum Köln gibt es 50 Privatschulen in kirchlicher Trägerschaft, einer Statistik der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) zufolge wurden 40 Prozent aller evangelischen Schulen erst nach dem Jahr 2000 gegründet. Entstanden sind vor allem neue Grundschulen und Schularten mit mehreren Bildungsgängen.
Überraschend ist das nur auf den ersten Blick. Studien zufolge ist es vor allem die werteorientierte Erziehung, die Eltern an konfessionellen Bildungseinrichtungen schätzen. Die Vermittlung von Respekt, Verantwortungsbewusstsein und Gerechtigkeitsempfinden ist häufig fest im Schulkonzept verankert.
Weitere Argumente sind zusätzliche Förder- und Profilangebote, eine engagierte Schulgemeinschaft oder eine überdurchschnittliche Ausstattung, die Eltern und Schüler überzeugen. Auch stehen christliche Schulen im Ruf, ein besseres Lernumfeld und homogenere Klassen als viele öffentliche Schulen zu bieten. In manchen ländlichen Regionen stellt angesichts sinkender Schülerzahlen und Schulschließungen die kirchliche Alternative sogar die einzig verbliebene wohnortnahe Option dar.
Die christlichen Werte respektieren
Kinder und Jugendliche müssen nicht zwingend Kirchenmitglieder sein, um auf eine kirchliche Schule zu gehen. Die meisten nehmen ausdrücklich auch Schüler auf, die einer anderen Konfession oder gar keiner Kirche angehören. Übersteigt die Nachfrage jedoch das Angebot an verfügbaren Plätzen, haben Bewerber mit dem passenden Taufschein in der Regel Vorrang.
Von allen Schülern und deren Familien wird jedoch erwartet, dass sie die christlichen Grundsätze und Werte respektieren. Ob die Teilnahme am konfessionsgebundenen Religionsunterricht oder an Gottesdiensten verpflichtend ist, regelt der Schulvertrag. Insbesondere an katholischen Schulen ist das oft der Fall.
Teilweise werden aber auch neutrale Alternativen angeboten, etwa Ethikunterricht oder bekenntnisfreier Religionsunterricht. In der Regel unterschreiben Eltern und Schüler zudem eine Hausordnung und verpflichten sich vertraglich zum höflichen und respektvollen Umgang mit Lehrern und Mitschülern.
Quelle: Arbeitsstelle Privatschulforschung
Eine katholische Spezialität sind reine Mädchenschulen. Rund 120 dieser Einrichtungen gibt es in Deutschland – fast alle haben katholische Träger. Während Kritiker darin ein antiquiertes Auslaufmodell sehen, betonen die kirchlichen Bildungsanbieter die Vorteile des „monoedukativen“ Konzepts für pubertierende Jugendliche: Mädchen seien gleichaltrigen Jungen oft in der Entwicklung voraus.
In reinen Mädchenklassen herrsche mehr Lernruhe, sie seien homogener, die Schülerinnen kämen schneller voran und könnten ihr individuelles Potenzial besser entfalten, heißt es beispielsweise auf der Website der Gisela-Schulen in Passau.
Untergebracht in einem historischen Kloster bietet das Mädchengymnasium ein breites Angebot an Wahlfächern – neben Reiten, Tanz, Theater oder Schulchor stehen auch Programmieren für Einsteiger oder „MINT macht Spaß“ zur Auswahl. Gerade in mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern könnten Mädchen sich ohne
„männliche Konkurrenz“ besser entfalten, argumentiert die Schule.
Finanzielle Vorteile
In Großbritannien sind Privatschulen nur für Jungen oder Mädchen weit verbreitet und genießen einen guten Ruf – allen voran das berühmte Eton-College, das bis heute nur Jungen aufnimmt. Im Gegensatz zu den britischen Eliteschulen erhebt das Gisela-Gymnasium allerdings kein Schulgeld.
Bei der Finanzierung sind kirchliche Schulen gegenüber anderen Schulen in freier Trägerschaft oft im Vorteil. Zwar übernimmt der Staat wie für alle anderen Privatschulen nur einen Teil der Kosten, je nach Bundesland müssen sie rund 15 bis 20 Prozent ihres Budgets aus eigener Tasche aufbringen – entweder über das Erheben von Schulgeld oder aus anderen Quellen.
Häufig tragen wohlhabende Stiftungen, Spenden oder Vermächtnisse zur Finanzierung von Konfessionsschulen bei, zudem verfügen die Kirchen oft über eigene Schulgebäude. So können sie das Schulgeld niedrig halten oder sogar ganz darauf verzichten.
Das deckt sich mit den christlichen Grundsätzen: Katholische Schulen sollten materiell benachteiligten Familien Bildungschancen gewähren, etwa in Form von Stipendien, fordert Papst Leo XIV. in einem Apostolischen Schreiben, das der Vatikan Ende Oktober veröffentlicht hat.
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Wenn kirchliche Schulen die Armen verlören, würden sie ihren Auftrag verfehlen, schreibt das katholische Kirchenoberhaupt – und lässt eine kritische Haltung zu Künstlicher Intelligenz durchscheinen: „Kein Algorithmus kann das ersetzen, was menschliche Bildung ausmacht: Poesie, Ironie, Zuwendung, Kunst, Fantasie, die Freude am Entdecken und auch die Erziehung zu Fehlern als Chance zur Entwicklung.“
In beiden Kirchen finden sich viele Beispiele für hochmoderne Schulen, darunter der im Juli eröffnete Bildungscampus Köln-Kalk des Erzbistums Köln. Die katholische Grund- und Gesamtschule steht ausdrücklich Kindern aller sozialen Schichten und Glaubensrichtungen offen und kooperiert eng mit der Jugendhilfe. Die Evangelische Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck wurde für ihr Konzept vor wenigen Wochen mit dem zweiten Platz beim Deutschen Schulpreis ausgezeichnet.
Viele der Ideen gehen auf den evangelischen Pfarrer und CJD-Gründer Arnold Dannenmann zurück, der bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg das Berufsvorbereitungsjahr für noch nicht berufsreife Jugendliche entwickelte, Sprachlehrgänge für „Aussiedlerkinder“ einrichtete und den ersten Schulzweig für Hochbegabte in Deutschland eröffnete. Konzepte, die im 21. Jahrhundert gefragter sind denn je.
Erstpublikation: 08.11.2025, 14:42 Uhr.