CCS: Milliarden für CO₂-Speicher – So plant Deutschlands Industrie
Düsseldorf. Die deutsche Industrie stellt sich auf ein neues Geschäftsfeld ein. Bis zum 1. Dezember konnten Unternehmen ihr Interesse an der staatlichen Förderung für die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid anmelden. Damit wird das sogenannte Carbon Capture and Storage (CCS) erstmals in der Industriepolitik verankert.
Erstmals wird CCS damit systematisch als industriepolitisches Instrument etabliert. Beim CCS-Verfahren wird das Klimagas CO₂ noch vor der Abgabe in die Umwelt aus der Produktion abgeschieden und anderorts gespeichert. Das im Dezember abgeschlossene Vorverfahren ist Voraussetzung für die Teilnahme am Gebotsverfahren im Jahr 2026. Und es markiert einen Wendepunkt in der deutschen Klimapolitik, die bisher stark auf die Vermeidung von Emissionen fokussiert war.
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Weltweit wächst der Markt für CCS rasant. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) verfügte die Welt Anfang 2025 über Abscheidekapazitäten von rund 50 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr. Bis 2030 sollen es 430 Millionen Tonnen bei der Abscheidung und 670 Millionen Tonnen bei der Speicherung sein, ein Vielfaches der heutigen Kapazitäten.
Für Deutschland bedeutet das tiefgreifende Infrastrukturentscheidungen. Abscheidungsanlagen in der Industrie, neue Pipelinenetze, Verdichterstationen und Offshore-Speicher müssen geplant und gebaut werden. Branchenvertreter rechnen mit Investitionen von mehreren Dutzend Milliarden Euro. Allein für die CO₂-Abscheidung könnten bis 2035 zwischen 20 und 30 Milliarden Euro anfallen, für Transportinfrastruktur weitere 15 bis 20 Milliarden Euro. Dort setzt das deutsche Förderverfahren an.
Und die Industrie ist bereit: Sie hat Industrieprojekte zur Abscheidung, zum Transport und zur Speicherung von CO₂ in Arbeit. Ohnehin gilt CCS in Teilen der Grundstoffindustrie als zentrale Option zur Emissionsminderung. Prozessemissionen etwa in der Zement-, Kalk- oder Abfallwirtschaft lassen sich technisch nicht vollständig vermeiden, auch nicht durch Effizienzmaßnahmen oder den Einsatz erneuerbarer Energien.
Heidelberg Materials mit dem Erfahrungsvorsprung
Ein erstes CCS-Großprojekt ist bereits skizziert. Über den sogenannten „Delta Rhine Corridor“ soll CO₂ künftig vom Hafen Rotterdam über Köln und Gelsenkirchen bis nach Ludwigshafen transportiert werden. Das grenzüberschreitende Pipeline-Netz soll rund 700 Kilometer lang sein. Mit einer Inbetriebnahme wird frühestens ab 2033 gerechnet.
Ein Unternehmen, das schon konkrete Erfahrungen in dem Gebiet hat, ist Heidelberg Materials. Der Zementhersteller hat bereits 2025 im norwegischen Brevik die weltweit erste CO₂-Abscheideanlage im industriellen Maßstab im Zementsektor in Betrieb genommen.
Die Anlage solle jährlich 400.000 Tonnen CO₂ abscheiden und zur dauerhaften Speicherung unter der Nordsee transportieren, sagte ein Unternehmenssprecher. Auf dieser Basis bietet Heidelberg Materials nach eigenen Angaben den weltweit ersten Near-Zero-Zement an, also nahezu emissionsfreien Zement.
Der Konzern treibt rund ein Dutzend weiterer CCS-Projekte weltweit voran, im britischen Padeswood etwa. Zudem gab es Förderzusagen des EU-Innovationsfonds für vier weitere europäische Projekte.
In Deutschland geht Anfang dieses Jahres im Zementwerk Lengfurt derweil die erste großindustrielle CCU-Anlage der Branche in Betrieb. CCU steht für Carbon Capture and Usage, das abgeschiedene CO₂ wird dabei nicht eingelagert, sondern etwa für Industriegase verwertet. Die Anlage entstand im Joint Venture „Cap2U“ mit dem Linde-Konzern.
Heidelberg Materials verweist darauf, dass neben dem regulatorischen Rahmen insbesondere Transport- und Speicherinfrastruktur, gesellschaftliche Akzeptanz und gezielte Anschubfinanzierungen entscheidend für die Wirtschaftlichkeit seien. Mit welchem Projekt der Konzern sich am Förderverfahren des Bundes beworben hat, dazu äußert sich das Unternehmen aus Wettbewerbsgründen nicht.
Es gibt weder Pipelines noch Lager
Der Zementhersteller Schwenk jedenfalls hat zwei seiner Projekte für das Verfahren angemeldet. „Das Programm zur industriellen Dekarbonisierung begrüßen wir dabei ausdrücklich: Solche Instrumente leisten einen wichtigen Beitrag dazu, Investitionsrisiken zu reduzieren und die notwendige Planungssicherheit für Transformationsvorhaben zu schaffen“, sagte eine Unternehmenssprecherin.
Branchenvertreter aus der Energiewirtschaft sind weniger euphorisch hinsichtlich des Hochlaufs von CCS: Der finanzielle Aufwand ist immens. Und gegenwärtig sind weder die Pipeline-Infrastruktur für den CO₂-Transport noch geeignete Lagerstätten vorhanden. Technologie und Regulatorik zur CO₂-Abscheidung sind derweil noch nicht so ausgereift, dass konkrete Planung möglich wäre.
Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung weitet den Anwendungsbereich der Technologie aber deutlich aus: CCS soll insbesondere für schwer vermeidbare Emissionen des Industriesektors sowie für Gaskraftwerke ermöglicht werden, ausdrücklich genannt wird auch die Stahlindustrie. Praktisch steht die Technologie damit allen Industriebranchen offen, die sie einsetzen wollen und können.
Infrastrukturunternehmen und Dienstleister positionieren sich frühzeitig. Europipe etwa liefert Rohre für CO₂-Pipelines und unterstützt Netzbetreiber bei der Planung. Bilfinger wiederum bietet Engineering- und Beratungsleistungen für Abscheideanlagen, Transport- und Speicherinfrastruktur an. Beide Unternehmen sehen sich als Partner für die Umsetzung künftiger Projekte, auch wenn viele Vorhaben in Deutschland noch in den Anfängen stecken.
Europipe hat entsprechend auch keine eigenen CCS-Projekte für das Förderprogramm angemeldet. Gemeinsam mit den Forschungsbereichen seiner Gesellschafter Dillinger und Salzgitter entwickelt das Unternehmen spezielle Stahlrohre für CCS-Projekte in Europa und Nordamerika. Bereits geliefert wurden Rohre für ein CCS-Projekt in Großbritannien sowie für Real-Berstversuche auf Sardinien im Rahmen eines geplanten EU-Offshore-Projekts, über dessen Umsetzung 2026 entschieden werden soll.
Bis zur Umsetzung dürfte es noch dauern
Während CCS-Projekte in Deutschland noch zögerlich vorankämen, würden sie in den Benelux-Staaten und in Norwegen bereits mit Hochdruck umgesetzt, heißt es aus dem Unternehmen.
Auch der Industriedienstleister Bilfinger sieht sich als Profiteur eines wachsenden CCS-Marktes. Das Unternehmen deckt nach eigenen Angaben die gesamte Wertschöpfungskette ab: von der Planung und Realisierung von Abscheideanlagen bis zur Transport- und Speicherinfrastruktur. Ein Referenzprojekt ist eine Anlage zur Abspaltung und Verflüssigung von CO₂ für AVR in den Niederlanden, für die Bilfinger bereits 2019 Engineering und Projektmanagement übernommen hat.
In Europa lag der Schwerpunkt zuletzt auf Consulting- und Engineering-Leistungen in frühen Projektphasen, etwa in Dänemark.
Bis zur breiten Umsetzung von CCS-Vorhaben dürfte es jedoch noch dauern, sagt Bilfinger. Hohe Investitionen, rechtliche Unsicherheiten und der noch im Aufbau befindliche Infrastrukturbereich bremsten derzeit viele Projekte.
Das Förderprogramm der Bundesregierung sei ein erster Schritt, der die Entwicklung positiv beeinflussen könne.