Humanoide Roboter: Bosch und Neura Robotics vereinbaren Kooperation
München. Weltweit entwickeln derzeit zahlreiche Unternehmen humanoide Roboter. Auch wenn etwa die menschliche Hand schwer nachzuahmen ist, ist die Maschine selbst dabei gar nicht das größte Problem. „Die Hardware bekommt jeder irgendwann in den Griff. Entscheidend ist das Gehirn dahinter“, sagte Neura-Robotics-CEO David Reger dem Handelsblatt.
Noch fehlen den Entwicklern vor allem echte Daten aus den Fabriken, um die Roboter zu trainieren. Neura Robotics, neben Agile Robots einer der ambitioniertesten Spieler in Deutschland auf diesem Gebiet, geht nun gemeinsam mit Bosch einen ungewöhnlichen Weg: Die beiden Unternehmen wollen mithilfe von Sensoranzügen, die Mitarbeiter tragen, in Bosch-Werken reale Arbeits-, Bewegungs- und Umgebungsdaten sammeln.
Neura kann die so gewonnenen Erkenntnisse zum Beispiel mit Daten aus seinen Neura Gyms kombinieren, in denen die Roboter trainiert werden. „Das kann uns weltweit in eine Poleposition bringen“, sagt Reger. Neura habe schon jetzt einen Vorsprung vor vielen Konkurrenten.
Im Rahmen der neuen Partnerschaft wollen Neura Robotics und Bosch mithilfe der gewonnenen Daten auch gemeinsam auf Künstlicher Intelligenz (KI) basierte Software für humanoide Roboter entwickeln. „Bosch ist mit seinen 300 Fabriken weltweit sehr breit aufgestellt“, sagt Reger.
Bosch hat eigens eine Robert Bosch Robotics GmbH gegründet, um die Möglichkeiten der humanoiden Robotik stärker zu nutzen. Ziel der Zusammenarbeit mit Neura sei es, „die industrielle Skalierung von humanoider Robotik voranzutreiben und das Zukunftsfeld weiterzuentwickeln“.
Der globale Robotikmarkt wachse stark und berge „großes Potenzial für die Industrie und damit auch für Bosch“. Außer der gemeinsamen Entwicklung von Software sowie der Sammlung von Daten zu Bewegungsmustern im Produktionsablauf umfasse die Zusammenarbeit auch die potenzielle Zulieferung von Robotik-Komponenten durch Bosch und eine mögliche Endmontage und Motorenfertigung.
Simulationen allein helfen nicht weiter
Teilweise lassen sich humanoide Roboter inzwischen auch mit Simulationen, sogenanntem synthetischen Training, anlernen. Doch das hat seine Grenzen. „Man kann Schwimmen nicht nur mithilfe eines Videos trainieren“, sagt Reger. Das Muskelgedächtnis müsse in der Praxis geschult werden. Auch Roboter könnten entsprechend nicht nur synthetisch trainiert werden.
Neura hat nach eigenen Angaben bereits einen Auftragsbestand von einer Milliarde Euro. Allein der Autozulieferer Schaeffler will bis 2035 eine mittlere vierstellige Zahl der Neura-Roboter in sein Produktionsnetzwerk integrieren. Auch bei Schaeffler sollen Daten gesammelt werden, damit die Maschinen ständig dazulernen.
Das Unternehmen setzt auf durchgängige Vernetzung und hat dafür die Plattform Neuraverse entwickelt. Die humanoiden Roboter sollen nicht isoliert lernen, sondern Teil eines Netzwerks sein, in dem im Sinne einer Schwarmintelligenz Fähigkeiten und Daten geteilt werden. „Wir wollen das Betriebssystem aller Roboter auf der Welt bauen.“
Durch Software-Updates und KI soll sich die gesamte Flotte permanent verbessern. „Wir sind die Einzigen, die eine Plattform haben, auf der alle Roboter mit sämtlichen intelligenten Geräten über das gleiche Gehirn verbunden sind“, sagt Reger. Mithilfe des Fertigungs-Know-hows von Bosch soll die Entwicklung noch einmal beschleunigt werden. „Niemand kann alle Anwendungsfälle allein abdecken – aber wer das Ökosystem für kognitive Robotik aufbaut, gewinnt den Markt“, sagte Investor Fabian Gruner von HV Capital.
Investoren wollen echte Anwendungen sehen
Der Robotik-Weltverband IFR hat gerade erst die humanoiden Roboter auch für 2026 zu einem der großen Trends erklärt. „Vorreiter ist die Automobilindustrie, doch auch Anwendungen in der Lagerhaltung und Fertigung rücken weltweit in den Fokus.“ Die Maschinen müssten nun aber ihre Praxistauglichkeit unter Beweis stellen. „Im Wettbewerb mit der traditionellen Automatisierung müssen humanoide Roboter den hohen industriellen Anforderungen in Bezug auf Zykluszeiten, Energieverbrauch und Wartungskosten gerecht werden.“
Auch Analysten und Investoren wollen endlich konkrete Anwendungen sehen. In den vergangenen beiden Jahren habe es immer wieder gut inszenierte Demonstrationsfilme gegeben, sagt zum Beispiel Oliver Hsu, Investment-Partner bei Andreessen Horowitz. Doch wisse man oft nicht, wie viele Versuche dafür notwendig waren.
Es gebe zwar große Fortschritte, doch seien die meisten Roboter in Produktionsumgebungen noch immer eng vorprogrammiert und führten feste Routinen aus. Gerade in der Fertigung müssten die Produktionssysteme eine Zuverlässigkeit von mehr als 99,9 Prozent haben. „Das Versprechen von Robotern, die neue Aufgaben durch Demonstration oder Anweisung lernen, ist immer noch weitgehend auf Pilotprogramme beschränkt.“
Die Hersteller sind zuversichtlich, dass der Durchbruch näher rückt. Neura Robotics hat dabei mehrere Konkurrenten. So führt etwa Elon Musk gerne seine „Optimus“-Roboter vor und schwärmt von gigantischen Einsatzmöglichkeiten.
In Deutschland ist vor allem Agile Robots aktiv: Der „Agile One“ geht in diesem Jahr in die Serienfertigung. Die Maschine wird mit der Agile-Hand ausgerüstet, die als eine der am weitesten entwickelten Roboterhände in der Industrie gilt.
Agile will die ersten Roboter in den eigenen Fabriken einsetzen. Ein Grund auch hier: Auf diesem Weg können am einfachsten Daten für das weitere Training gewonnen werden. Agile betreibt zudem sogenannte Datenfarmen, in denen die Roboter angelernt werden. Es sei nur die Frage, wann sich humanoide Roboter durchsetzen – und nicht, ob sie sich durchsetzen, sagte Agile-Vizepräsident Rory Sexton dem Handelsblatt.
Neura-CEO Reger sagt, er habe bislang nur wenig Überzeugendes bei der Konkurrenz gesehen – auch nicht auf der wichtigsten Tech-Messe der USA. „Auf der CES waren wir und Boston Dynamics die Einzigen, die sinnvolle Anwendungen gezeigt haben.“
Für 2026 rechnet Neura erneut mit Umsätzen im dreistelligen Millionenbereich. Dabei steht in diesem Jahr noch das Training im Mittelpunkt. In den Neura Gyms sollen Kunden in aller Welt sehen, was möglich ist. In den nächsten Jahren ist dann die Skalierung im großen Stil geplant.