Amazon und Shell: Pakete von der Tanke
Düsseldorf.
Postvorstand Jürgen Gerdes, verantwortlich für das Paketgeschäft, zeigt sich demonstrativ gelassen, wenn es um Amazon geht. „Es gibt in der Logistik nichts, was Amazon ausprobiert und wir nicht schon machen“, erklärt er regelmäßig Skeptikern, die ihn auf die immer neuen Vorstöße des weltgrößten Onlinehändlers ansprechen, Lieferungen selbst zuzustellen – um damit unabhängiger von Paketdiensten wie dem deutschen Marktführer DHL zu werden. Dass sich der bisherige Großkunde aus den USA, dessen Ware in jedem siebten deutschen Paket steckt, von DHL lossagen könnte, hielt Gerdes demnach lange für undenkbar.
Doch Amazons jüngste Attacke könnte seinen Optimismus dämpfen. In Deutschland verbündet sich das Internetkaufhaus nun mit der Tankstellenkette Shell, um mit eigenen Abholstationen die Zustellkosten zu senken. „Shell und Amazon testen seit Juli sogenannte Amazon Locker an zehn Shell-Stationen in München“, sagte der für das weltweite Tankstellengeschäft verantwortliche Shell-Manager István Kapitány dem Handelsblatt.
Damit sammele man Erfahrungen für einen Ausbau der Zusammenarbeit. Angedacht sei eine dreistellige Zahl von Shell-Stationen, die sich an der Kooperation beteiligen, hieß es in Branchenkreisen. Amazon und Shell wollten sich zu Detailzahlen nicht äußern.
In Großbritannien und den USA sind etliche Amazon-Abholstationen bereits in Betrieb. Dabei handelt es sich um Paketautomaten mit Schließfächern, zu denen Amazon-Kunden ihre Bestellungen umleiten können, falls sie nicht zu Hause sind.
Die sinkende Nachfrage nach Kraftstoffen in Deutschland und Supermärkte mit langen Öffnungszeiten lassen Shell nach neuen Frequenzbringern suchen. „Die Amazon-Packstationen passen sehr gut zu unserer globalen Strategie“, sagte Kapitány. Shell betreibt in Deutschland fast 2000 Tankstellen.
Die großen Buchstaben auf dem orange leuchtenden Automaten sind von der Zapfsäule aus nicht zu übersehen. „Bei Amazon bestellen, hier abholen“, werben sie auf dem zwei Meter hohen Metallschrank mit seinen 55 Schließklappen.
Was seit einem Stellengesuch im Februar für Gerüchte sorgt, als der Onlinehändler um Experten für Paketautomaten warb, ist nun an Münchens Nymphenburger Straße zu besichtigen: „Elma“ heißt dort die Abholstation von Amazon. Eine andere, nur wenige Kilometer weiter, heißt „Elisa“. Es gibt acht weitere in der bayerischen Hauptstadt, alle stehen auf dem Grund einer Shell-Tankstelle. Sollte der Testlauf Erfolg haben, könnte es bald viele weitere „Amazon Locker“ geben.
Amazon treibt seinen im vorigen Oktober gestarteten Versuch voran, mit der Paketzustellung Geschäfte zu machen. Bei Wettbewerbern wie Deutscher Post/DHL, Hermes und UPS löst das Unruhe aus. Die bisherigen Auftragnehmer des Großkunden Amazon fürchten um ihre Marktanteile.
Ob die Automaten bald flächendeckend anzutreffen sind, dazu will sich der US-Konzern nicht äußern. Auch die Frage, ob es künftig weitere Partnerschaften geben wird, bleibt unbeantwortet. Die „Amazon Lockers“ seien eine Option für Kunden, die tagsüber zu Hause nicht anzutreffen sind, sagt ein Sprecher bloß. „Falls sie ihre Bestellung beim Tankstopp mitnehmen möchten, sind diese Automaten eine bequeme Lösung.“ In Großbritannien und den USA hat Amazon Packstationen bereits im Einsatz.
Die Kooperation mit dem britisch-niederländischen Ölmulti, der in Deutschland knapp 2000 Stationen unterhält, könnte Amazon erhebliche Vorteile in weiteren Paketzustellgebieten verschaffen. Bislang treten die Amerikaner nur in München und Berlin gegen die Deutsche Post/DHL an. Mit den Paketautomaten ließe sich nun auch in anderen Städten ein Verteilnetz aufbauen.
Packstationen an Tankstellen bergen auch Gefahren
Wo Amazon in die Zustellung einsteigt, leiden die Wettbewerber. In München seien vielerorts die eingelieferten Paketmengen um bis zu 30 Prozent zurückgegangen, berichten gewerbliche Poststellenbetreiber. Viele Pakete bringe nun der „Amazon-Lieferdienst“, wundert sich etwa Ekkehard Hahn, Chef des Dienstleisters Mail Professionals.
Beim Vormarsch der Amerikaner erscheinen die Tankstellen von Shell als exzellenter Partner. Sie sind leicht erreichbar, bieten ausreichend Parkraum und haben häufig rund um die Uhr geöffnet. Die Schäden durch Vandalismus an den teuren Automaten dürften sich damit in Grenzen halten.
Der Marktführer Deutsche Post betreibt solche Packstationen, die von der österreichischen Firma Keba geliefert werden, seit 2001. Bereits 2700 Mehrfachcontainer hat der Bonner Konzern aufstellen lassen, doch der Ausbau stockt. „Oft ist es schwer, geeignete Stellflächen zu finden“, berichtet Michael Lierow, Logistikexperte der Beratung Oliver Wyman. Weil Autofahrer neben den Automaten parken können müssen, brauche man – meist in zentraler Lage – stets ein relativ großes Gelände. Dieses sei zudem stets sauber zu halten, was Kosten verursache.
Doch auch der Standort an Tankstellen birgt Gefahren, die laut Brancheninformationen schon der Deutschen Post Kopfzerbrechen bereiteten. Ihr eigene Planung, Packstationen in der Nähe von Zapfsäulen aufzustellen, soll an Sicherheitsbedenken gescheitert sein. Der Paketdienst fürchtete zum Beispiel, dass Terroristen Pakete mit explosivem Inhalt füllen könnten. Und eine Detonation neben Treibstofftanks hätte verheerende Folgen.
„Für DHL und andere Paketdienste ist das sicher eher ein Problem als für Amazon, da dem Internetkaufhaus der Paketinhalt üblicherweise bekannt ist“, meint Berater Lierow. Nur: Auch hier sei kriminelle Energie nie völlig auszuschließen.
Im Vergleich zur Deutschen Post setzt Amazon bei den Packstationen auf eine Light-Version. Eine Registrierung samt Postident-Verfahren ist für die Automaten nicht nötig, eine Sicherheitskarte – ohne die sich bei DHL kein Schließfach öffnet – spart sich Amazon. Stattdessen erhalten Kunden als Benachrichtigung eine E-Mail mit Abholcode, sobald die Ware eingetroffen ist, ergänzt um die Adresse der Abholstation.
Damit die Fächer nicht überquellen, drängt Amazon die Kunden zur Eile. Wer eine Sendung nach drei Werktagen nicht abgeholt hat, muss sie erneut bei Amazon bestellen.