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Jungkünstler Andreas SchmittenStoff für einen Bildhauer

Andreas Schmitten ist ein junger Künstler mit beeindruckender Bildsprache. Seine Karriere nimmt gerade Fahrt auf. Was treibt ihn an? Was inspiriert ihn? Eine Annäherung – in der Galerie, im Atelier und zu Hause.Susanne Schreiber 30.04.2017 - 16:47 Uhr Artikel anhören

Die abstrahierte Figur lehnt an einer Art Verteilerkasten. Das Rosarot hält die unikate Skulptur auf Distanz.

Foto: Andreas Fechner für Handelsblatt

Düsseldorf, Köln. Wer sie einmal gesehen hat, vergisst sie nicht mehr. Wandreliefs wie Schaufenster, ausgekleidet mit Stoffwellen, Leere und vielen Fragen. Oder freistehende minimalistische Skulpturen, die in schrillem Himbeerrosa oder Minzgrün leuchten.

Die Werke des Künstlers Andreas Schmitten wirken vertraut und fremd zugleich. Sie sind nicht unmittelbar aufzuschlüsseln. Viele Bedeutungsschichten aus Alltag und Kunstgeschichte überlagern sich. Mit zwei sehr präzisen Auftritten auf der Art Cologne (bis 29.4.) bei der Galerie Schönewald und der Galerie König ist Schmitten die wichtigste Entdeckung dieser Messe. Der 36-Jährige ist gerade dabei durchzustarten. Auszeichnungen, Preise und Ausstellungseinladungen häufen sich.

Andreas Schmitten hat 2012 seinen Abschluss an der Kunstakademie in Düsseldorf als Meisterschüler bei Georg Herold gemacht. 2013 hinterließ vor allem er in der von Tony Cragg kuratierten großen Skulpturenschau in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen bleibenden Eindruck. Spürnasen wie der Sammler Gil Bronner, der Rektor, Künstler und Sammler Tony Cragg und der Museumskustos Kay Heymer vom Museum Kunstpalast in Düsseldorf haben seine Skulpturen sofort angekauft.

In den 1990er-Jahren, als es in Düsseldorf noch sieben Programmkinos auf der Graf-Adolf-Straße gab, hat der Teenager aus Mönchengladbach seine anhaltende Liebe zum Film entwickelt. Selten scheint ein Filmtitel so direkt durch wie bei der weißen Skulptur „Basic Distinct“ (2016). Ihre Form erinnert an ein Urinal und damit an ein frühes Readymade der Kunstgeschichte, das ihren Urheber Marcel Duchamp vor einhundert Jahren unsterblich machte. Doch bei Schmitten ist das Becken unten offen. Während der Erotikthriller „Basic Instinct“ von Paul Verhoeven die Geschlechter durch Eros und Mord verbindet, spielt Schmitten mit „Basic Distinct“ auf den kleinen Unterschied an zwischen Mann und Frau.

Installation 2016 in St. Agnes.

Foto: KÖNIG GALERIE, Berlin/Roman März

Wie würde denn ein Selbstbildnis des Künstlers aus Filmen aussehen? „Vielleicht irgendwo zwischen ‚Broadway Danny Rose’ und dem in die Zukunft katapultierten Woody Allen in ‚Der Schläfer’“, erzählt der nachdenkliche, die Worte abwägende Zweimetermann. Was ihn an Woody Allen fasziniert, lässt er sich erst durch zähes Nachfragen entlocken: „Allen zeigt, wie in einem anscheinend ruhigen Leben triviale Themen plötzlich ganz wichtig werden. Und gleichzeitig gefallen mir die klassische Erzählsprache und Struktur, die plötzlich gebrochen wird. Wie er das zum Beispiel in ‚Zelig’ schafft.“

Seit einem Jahr leben Andreas Schmitten und seine Gefährtin, die Grafikdesignerin Pia Niewöhner, im ehemaligen Atelier- und Wohnhaus von Gerhard Hoehme, idyllisch gelegen am Rand von Gut Selikum bei Neuss.

Bei unserem Besuch sorgen in drei nach Materialien (Holz, Guss, Stoff) getrennten Atelierräumen ratternde Nähmaschinen für Werkstattsound. Der Druckluft-Tacker zischt und pufft rhythmisch dazwischen, kein Radio lenkt ab. Assistenten wuseln hin und her, viele Arbeiten müssen pünktlich zur Art Cologne fertig werden – unter anderem zwei fein gefaltete Figuren aus Halskrausen, die im 17. Jahrhundert die modische Form von Mühlrädern hatten und den Stand anzeigten. Die Halskrausen werden in der neuen Spieltisch-Installation „Bürgerwehr“ für gegeneinander arbeitende Kräfte in Geschichte und Gegenwart stehen. Den mit fleischfarbenem Stoff überzogenen Tisch bietet Johann König auf der Messe für 48.000 Euro (plus Mehrwertsteuer) an.

Stoff war einst die Königsdisziplin der Bildhauer. Vom 12. bis 19. Jahrhundert drückten die Alten Meister Emotionen über die Art des Faltenwurfs aus. „Stoff umgibt uns ein Leben lang“, so begründet Schmitten seine Vorliebe für Textilien. Deshalb kleidet er Vitrinen damit aus. Mal erinnern sie an Kinovorhänge, mal an altmodische Warenauslagen.

„Lächeln wäre Anbiederung.“

Foto: Andreas Fechner für Handelsblatt

Auf der himbeerroten Skulptur „Sitzende“ – für die die Galerie Schönewald 60.000 Euro plus Mehrwertsteuer erwartet – bildet ein Stapel weißer Handtücher des Bildhauers einen lapidaren Kommentar zur stofflichen Königsdisziplin. Die „Sitzende“ aus opakem Kunststoff ist eine abstrahierte Gestalt, die sich auf Skulpturen von Arp und Brancusi bezieht. Sie sitzt auf einem bürgersteigähnlichen Sockel vor einer Art Elektro-Verteilerkasten – aber eindeutig ist das nicht. „Vieles kommt aus der vom Menschen gestalteten Welt“, meint der Künstler, der sich selbst in der Jahrtausende währenden Tradition klassischer Bildhauerei verortet. Deren traditionelle Fragen nach Figur und Raum erweitert er: „An welchen Orten hält sich der Mensch auf? Wo und womit verbringt er Zeit? Was zieht ihn an? Was sind die wichtigen Ereignisse im Leben?“

Wenn Kolorit bei Schmitten aus der Farbfamilie Hautfarben-Rosa kommt, verweist es auf den Menschen und seine Hülle. Und das schrille Pink? Auch, eben sehr übersteuert. Schmitten: „Nur wenn Farben fremd sind, überraschen sie mich beim Arbeiten und halten die Arbeit fremd und autonom.“ Für den Künstler ist „Farbe auch immer ein Kommentar der Zeit“.

Modellbauer aus Leidenschaft

In Schmittens Jugend an der Seite einer arbeitenden, alleinerziehenden Mutter war neben dem Kino der Modellbau prägend. Während des Studiums der Philosophie und Kunstgeschichte, jobbte er eine Zeit lang als Entwickler von Brettspielen. Das brachte zwar gutes Geld, ausgefüllt aber hat es ihn nicht. Durch einen Ratschlag fand er zum Kunststudium. „Mit den Händen zu arbeiten und zugleich mit dem Kopf dabei zu sein, das hat mich ja schon seit der Kindheit begleitet.“ Nun hat er das Privileg, intensiv nachzudenken und zu formen, was in ihm brennt. So intensiv, „dass ich morgens aufstehe und mir nicht wie sonst die Zähne putze, weil ich als Erstes sehen will, was ich gestern gemacht habe“. Ziel ist die Verschmelzung von Dingen in einem neuen Kontext, so dass sie einen frischen Blick evozieren. Bei Andreas Schmitten schließen sich philosophische Fragen und praktisches Handeln nicht aus: Weder in der Kunst noch im Leben.

Während er vom Studium erzählt, lenkt er den Wagen souverän durch den Verkehr. Autofahren aber hat er erst kürzlich gelernt, als das Paar nach Selikum umgezogen war. Lässig formvollendet ist er auch als Gastgeber. Bei allem ist Schmitten ein konsequenter Mensch: Jedem Buchautor, der ein lachendes Cover-Porträt zulässt, verweigert er den Ankauf. Weil er das Lachen als anbiedernd empfindet.

In der Galerie Schönewald vor der Vitrine „Verzückung“. Was wie ein Urinal aussieht, hat keinen Boden.

Foto: Andreas Fechner für Handelsblatt

Eigenwillig sind auch Schmittens Zeichnungen, die auf Redewendungen basieren. So nüchtern wie grausam schrauben Strichzeichnungen den Alttag hoch, persiflieren und illustrieren ihn. Auch hier ist der Mensch Ausgangs- und Bezugspunkt für künstlerisches Denken.

Analog gebaut im digitalen Look

Schmitten kennt sich gut aus mit computerbasierten Techniken für Animationsfilme, das hat er in Kalifornien gelernt. Seine Skulpturen und Installationen sehen oft nach Computerarbeit aus, sind aber keine. Museumskustos Kay Heymer schätzt an Schmitten genau das: „Die eigenwillige Formensprache, die vordergründig an die Düsseldorfer ‚Modellbauer’ der 1980er-Jahre anknüpft (Thomas Schütte, Ludger Gerdes, Harald Klingelhöller), erweitert diese jedoch durch eine surreale Motivwelt, die gleichzeitig an digitale, virtuelle Welten erinnert und sich analog vollständig auf Handarbeit gründet.“

Aus der ersten Einzelausstellung des Künstlers in der Galerie Linn Lühn hat Kay Heymer 2014 die Installation „Graf-Adolf-Straße, Düsseldorf“ für die Sammlung Stadtsparkasse Düsseldorf im Museum Kunstpalast erworben. Die Arbeit überzeugte den Kunsthistoriker und den Mäzen sofort „durch ihre komplexe Konzeption, in der das Formenvokabular des Künstlers wie in einem Lexikon gebündelt ist. Das macht sie zu einem Schlüsselwerk von Andreas Schmitten.“

Was treibt den erfolgreichen, gefragten Künstler an? „Eine Skulptur soll 2050 nicht nach 2017 ausschauen, auch wenn sie 2017 gemacht wurde. Dennoch sollte sie unsere Zeit fassen. Das ist eine Herausforderung, die mich antreibt. So wie wir heute Pop Art anschauen und sagen ‚Immer noch super!’ Wenn man aber denkt: ‚Oh mein Gott, die 1960er!’, dann trägt das Kunstwerk nicht.“

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Ins Kino, den großen Ort der Inszenierung, kommen Andreas Schmitten und Pia Niewöhner zurzeit gar nicht mehr. Denn im Januar kam die gemeinsame Tochter auf die Welt. Und schließlich wollen die Projekte der Grafikdesignerin ebenso vorangetrieben werden wie Schmittens kommende Ausstellungen in Berlin und Kleve. Und für Gil Bronner, den Sammler, der bereits vier Werke von Schmitten besitzt, soll der Bildhauer noch eine Arbeit für die Skulpturenterrasse realisieren. Vorerst muss das gespeicherte Kopfkino als Anregung für neue Kunst reichen.

Die Ausstellung: „we plus you. guided tours“ mit Marcus Herse und Andreas Schmitten ab 31. Mai im Weltkunstzimmer in der Düsseldorfer Hans Peter Zimmer Stiftung.

Falkenrot Preis 2017: Zum 11. Mal verliehen durch das Künstlerhaus Bethanien in Berlin. Begründung: Ein Werk, das neue Maßstäbe setzt in der aktuellen Kunst. Werkschau vom 7.7. - 17.9. mit Katalog.

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