Milliarden-Investment: Wie Volkswagen endlich den Durchbruch in Indien schaffen will
Zweimal hatte der Wolfsburger Autohersteller schon einen größeren Einstieg in Indien geplant, zweimal war VW damit gescheitert.
Foto: dpaDüsseldorf. Der dritte Anlauf soll sitzen: Der Volkswagen-Konzern startet einen groß angelegten Einstieg auf dem indischen Markt. VW schickt seine tschechische Tochter Skoda vor, die stellvertretend für den gesamten Konzern den indischen Subkontinent erobern soll.
Skoda bekommt dafür eine Milliarde Euro in die Hand, die von 2019 an in den folgenden Jahren investiert wird. Der VW-Konzern spielt heute noch eine ziemlich unbedeutende Rolle in Indien – mit dem Milliardeninvestment will der Wolfsburger Autohersteller dort endlich den Durchbruch schaffen.
„Für Skoda ist ,India 2.0‘ eines der strategischen Kernthemen der kommenden Jahre. Wir übernehmen zum ersten Mal die konzernweite Verantwortung für eine Plattform und gleichzeitig auch für eine gesamte Region“, sagte Skoda-Vorstandschef Bernhard Maier am Montag auf einer Pressekonferenz in Neu-Delhi.
Speziell für den indischen Markt entwickelte Fahrzeuge würden auch dort produziert. Nach dem Start in Indien könnten später noch andere Länder in Asien von dort aus beliefert werden. „Zukünftig sind auch Exporte denkbar“, hatte Skoda-Chef Maier bereits im Vorfeld gesagt. Infrage komme ein Export nach Südostasien, zudem in den Nahen Osten, nach Südafrika und Afrika.
Zweimal hatte der Wolfsburger Autohersteller schon einen größeren Einstieg in Indien geplant, zweimal war VW damit gescheitert. Beide Male hatte sich Volkswagen dafür einen Partner gesucht. Vor bald zehn Jahren war der VW-Konzern ein Kooperationsvorhaben mit dem japanischen Unternehmen Suzuki eingegangen, noch im vergangenen Jahr sollte Tata Motors aus Indien der neue Partner auf dem Subkontinent werden.
Beide Vorhaben scheiterten, bevor überhaupt neue Autos für den indischen Markt entwickelt und produziert worden waren. Volkswagen ist dadurch in Indien gegenüber wichtigen Konkurrenten deutlich ins Hintertreffen geraten. Der Volkswagen-Konzern startet seine neue Indien-Offensive jetzt allein.
VW setzt auf steigenden Wohlstand in Indien
Indien liegt gegenüber anderen Ländern in Asien bei Wohlstand und wirtschaftlicher Stärke deutlich im Hintertreffen. Doch das wird sich absehbar in den nächsten Jahren ändern – auch durch steigende Zulassungszahlen auf dem Automarkt. In Indien steht noch der Verkauf von „Budget Cars“, also preisgünstiger Wagen für etwa 5.000 US-Dollar, im Vordergrund. Doch mit steigendem Wohlstand lassen sich auch anspruchsvollere Fahrzeuge dort verkaufen. An diesem Punkt setzt jetzt auch Volkswagen mit Skoda an.
Skoda ist zwar für das gesamte Projekt verantwortlich. Doch die tschechische Tochter soll das Feld dafür bereiten, dass dem Wolfsburger Konzern der Durchbruch in Indien gleich mit zwei Marken gelingt – mit Skoda und mit der Volkswagen-Kernmarke.
Indien passt sich bei den technischen Standards immer stärker Europa und den USA an. Deshalb lohnt es sich für einen europäischen Hersteller wie Volkswagen künftig, europäische Technik nach Indien zu bringen – wenn auch in abgespeckter Form.
Skoda und Volkswagen werden in den kommenden Jahren voraussichtlich jeweils drei neue Modelle auf dem indischen Markt verkaufen. Sie dürften preislich höher als das klassische „Budget Car“ liegen und bis zu 10.000 Dollar kosten. Den Anfang will der VW-Konzern im Jahr 2020 mit neuen SUVs (Geländewagen) machen, die sich auch in Indien wachsender Beliebtheit unter den Kunden erfreuen.
In den Folgejahren werden weitere Modellvarianten folgen. Skoda will dafür eine europäische Plattform nutzen. Dieser Fahrzeug-Baukasten muss in Indien nicht alle gewohnten Eigenschaften besitzen. Ein Allradantrieb ist auf dem Subkontinent beispielsweise verzichtbar.
Eine abgespeckte Plattform senkt die Kosten und erhöht die Erfolgschancen des Indien-Projektes für den Volkswagen-Konzern. Zudem steht jetzt schon fest, dass die speziell für Indien konzipierten Fahrzeuge wegen des niedrigeren Lohnniveaus dort auch entwickelt und später produziert werden. „Unser Ziel ist ambitioniert, aber erreichbar: Gemeinsam mit der Marke Volkswagen streben wir langfristig einen Marktanteil von bis zu fünf Prozent an“, betonte Skoda-Chef Maier. Etwa bis 2025 könnte die Verdoppelung des Marktanteils erreicht sein.
Im Moment liegt der Marktanteil des Wolfsburger Konzerns in Indien noch bei gut zwei Prozent. Größter Anbieter auf dem indischen Automarkt ist die Suzuki-Tochter Maruti mit einem Anteil von etwa 50 Prozent. Vergleichsweise stark mit einem Marktanteil von knapp fünf Prozent ist dort auch VW-Dauerrivale Toyota vertreten.
Überhöhte Ansprüche der VW-Ingenieure
„Das ist ein guter Plan, der vom Konzernvorstand und vom Aufsichtsrat bewilligt worden ist“, heißt es in einem gemeinsamen Schreiben von VW-Konzernchef Herbert Diess und Skoda-Boss Bernhard Maier an die indische VW-Niederlassung. Die neue Indien-Strategie schaffe die richtigen Voraussetzungen dafür, dass die beiden Marken VW und Skoda entscheidend vorankämen. „Der VW-Konzern bekennt sich zu Indien“, schreiben die beiden Vorstandsvorsitzenden.
Für die neue Indien-Strategie mussten die Ingenieure aus dem Volkswagen-Konzern über ihren eigenen Schatten springen. Dass die vorangegangenen Billigautoprojekte gescheitert waren, lag auch an den eigenen überhöhten technischen Ansprüchen. Deutsche Ingenieure aus Wolfsburg wollten auf hohe Standards nicht verzichten. Damit wurden die Autos aber gleich so teuer, dass sie in Indien überhaupt nicht mehr verkauft werden konnten. Mit Suzuki und Tata Motors war keine Einigung über die neue Modellpalette für Indien erreicht worden.
Die tschechische Konzerntochter soll für Volkswagen den Durchbruch in Indien schaffen.
Foto: ReutersMit dem am Montag in Neu-Delhi angekündigten Investment von einer Milliarde Euro muss Skoda die neuen Indien-Modelle und die Produktion aufbauen. Der VW-Konzern besitzt zwar schon eigene kleine Werke in Indien. Sie müssen so ausgebaut werden, dass in Indien jährlich 200.000 bis 300.000 Fahrzeuge produziert werden können. Im vergangenen Jahr hat der VW-Konzern auf dem indischen Subkontinent knapp 74.000 Autos mit seinen verschiedenen Marken verkaufen können.
Weltweit haben die Wolfsburger fast elf Millionen Fahrzeuge abgesetzt – Indien spielt also bislang eine extrem untergeordnete Rolle. Gelingt Skoda und VW der große Einstieg in Indien, könnten die Produktionszahlen dort bei zusätzlichen Exporten auf 400.000 bis 500.000 Autos pro Jahr steigen.
2017 wurden in Indien rund 3,2 Millionen Autos verkauft, ungefähr so viel wie in Deutschland. Doch in den nächsten Jahren dürfte es kräftig nach oben gehen: Die Autobranche erwartet, dass Indien nach China und den USA zum drittgrößten Automarkt der Welt aufsteigt. „Mit seinem geringen Motorisierungsgrad und der hohen Bevölkerungszahl bietet Indien auf längere Sicht sehr gute Chancen“, unterstreicht Automobilanalyst Arndt Ellinghorst von der Beratungsfirma Evercore ISI.
Der VW-Konzern hatte schon im Juni die regionale Verantwortung für einzelne Länder und Weltregionen neu geordnet. Einzelne Konzernmarken werden künftig für bestimmte Weltregionen zuständig sein. „Wir verteilen die Verantwortung auf mehrere Schultern“, begründete Konzernchef Herbert Diess den Schritt. Damit könnten Entscheidungen künftig dezentraler getroffen werden, und der Konzernvorstand könne sich auf die übergeordneten strategischen Themen konzentrieren.
Ziel sei es auch, die Modelle besser an die jeweiligen Marktanforderungen einzelner Länder und Regionen anzupassen. Jede Leitmarke soll die Umsetzung der Konzernstrategie mit den anderen Marken koordinieren und Möglichkeiten zu gemeinsamen Kostenvorteilen finden.
Die Region China wird separat auf Konzernebene geführt, dabei bleibt es auch. Für Nord- und Südamerika sowie für Subsahara-Afrika ist künftig die größte Marke VW zuständig. Die spanische Marke Seat nimmt Nordafrika unter die Fittiche. Audi wird für den Mittleren Osten und Asien-Pazifik zuständig sein. Die tschechische Tochter Skoda soll den Hut aufhaben für Russland – und eben auch für Indien.
Skoda kommt damit zwar vergleichsweise spät. Aber vielleicht heißt es für den VW-Konzern damit tatsächlich: „Aller guten Dinge sind drei.“