Gastkommentar: Ein Fünf-Punkte-Plan gegen Pandemien
Wolfgang Ischinger ist Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC). Stefan Oschmann ist Vorsitzender der Geschäftsleitung des Technologieunternehmens Merck.
Foto: HandelsblattDie Corona-Fallzahlen auf der Webseite der Johns-Hopkins-Universität schnellen weiter in die Höhe. Der Internationale Währungsfonds bereitet die Welt auf eine gewaltige Rezession vor. Regierungen in aller Welt haben unglaubliche Summen mobilisiert, um die Gesundheitssysteme kurzfristig zu stärken und die wirtschaftlichen Folgen der Krise langfristig abzufedern.
Kein Zweifel: Gesundheitskrisen können eine ernsthafte Bedrohung für die ganze Menschheit sein, die den Gefahren durch Atomwaffen, Terrorismus oder die Folgen des Klimawandels in keiner Weise nachsteht.
Dass Gesundheit, Sicherheit und Stabilität untrennbar miteinander verknüpft sind, ist keine neue Erkenntnis. Die verheerenden Folgen von Pandemien – von der Pest bis zur Spanischen Grippe – sind fester Teil der Menschheitsgeschichte.
Noch immer aber werden sie massiv unterschätzt – und das, obwohl unsere globalisierte, urbanisierte und gleichzeitig politisch fragmentierte Welt noch nie so anfällig für Infektionsketten war wie heute.
Im Augenblick stehen zu Recht Fragen des akuten Krisenmanagements im Mittelpunkt. Wie managt man einen Lockdown? Wann und wie kann eine Rückkehr zum Normalzustand verantwortet werden? Und wie genau wird wohl der neue Normalzustand aussehen? Darüber wird in diesen Tagen viel diskutiert, und das ist auch richtig so.
Wir wollen mit diesem Beitrag darauf hinweisen, dass wir aber auch darüber hinaus planen müssen. Über die folgenden fünf Punkte sollten wir dringend nachdenken:
Erstens: Prävention ist die Grundbedingung für den Erfolg
Insgesamt ist es der Weltgemeinschaft bislang nicht gelungen, den Zyklus aus Panik und Vergessen zu durchbrechen, der ihren Umgang mit Pandemien kennzeichnet. Keine Frage, nach Sars 2002/03 ist im Bereich der Pandemieprävention, in Forschung und Entwicklung sowie in puncto Impfstoffentwicklung einiges geschehen. Länder wie China haben ihre Gesundheitssysteme deutlich gestärkt. Aber all das war leider nicht genug.
Auf der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) 2017 sprach Bill Gates von der traurigen Ironie, dass die globalen Kosten einer Pandemie die für eine weltweit erfolgreiche Prävention benötigten Ausgaben massiv in den Schatten stellen. 3,4 Milliarden US-Dollar für Pandemieprävention jährlich stünden laut Gates 570 Milliarden US-Dollar an geschätzten Wirtschaftseinbußen pro Jahr gegenüber.
Die Summen, die dieser Tage für das weltweite Krisenmanagement aufgerufen werden, zeigen, dass dies damals noch eine recht konservative Abschätzung möglicher Folgekosten war. Eines wird deutlich: Pandemieprävention ist ein absolutes Muss und rechnet sich, nicht nur finanziell. Kein Preis dafür kann so hoch sein wie der, den wir als Weltgemeinschaft in diesen Tagen zahlen.
Zweitens: Interdisziplinäre Vernetzung
Wenn wir uns ernsthaft auf Pandemien vorbereiten wollen, brauchen wir einen engeren Schulterschluss zwischen Behörden und Gesundheitsunternehmen, der Wissenschaft und NGOs. Insbesondere der öffentliche und der private Sektor müssen noch viel intensiver kooperieren.
Die MSC, mit enger Unterstützung von Unternehmen wie Merck und Stiftungen wie der Gates Foundation, versammelt seit 2016 die sicherheitspolitische Community, Regierungen, internationale Organisationen und NGOs sowie Forschung und Privatwirtschaft, um Themen der „Health Security“ und Pandemieprävention zu diskutieren und an gemeinsamen Strategien zu arbeiten.
Pandemieprävention verlangt eine inklusive und nachhaltige Debatte, die sicherstellt, dass die großen Risiken, die von Gesundheitskrisen ausgehen, nicht nach jeder aktuellen Krise wieder kollektiv verdrängt werden.
Drittens: Massive Investition in medizinische Technologie
Nationen und Bündnisse führen zu Recht detaillierte Planungen für militärische Verteidigung durch. Ähnliche Mechanismen sind auch im Pandemiebereich notwendig, inklusive einer angemessenen Ressourcenausstattung. Um es klar zu sagen: Niemand würde es akzeptieren, dass Soldaten ohne Munition losgeschickt werden.
Genauso dürfen wir nicht akzeptieren, dass medizinisches Personal keine angemessene Schutzausstattung hat, wenn es darauf ankommt. Und die Pandemieprävention und -bekämpfung muss sich auf modernste Systeme der Integration komplexer Daten möglichst in Echtzeit stützen können.
Was an Hightech bei Kriminalitäts- oder Terrorbekämpfung längst Standard ist, muss auch bei der Gesundheitsvorsorge eingesetzt werden können – zum Schutze aller!
Viertens: Ohne globale Kooperation geht nichts
Dass die Corona-Pandemie die Weltgemeinschaft derzeit so hart trifft, hängt mit den politischen und geopolitischen Veränderungen der vergangenen Jahre zusammen. Nichts brauchen wir derzeit dringlicher als einen koordinierten und kooperativen Ansatz der internationalen Gemeinschaft.
Gerade das ist in Zeiten nationalistischer Alleingänge, von Populismus und gesunkenem Vertrauen – auch in die derzeit dringend benötigte wissenschaftliche Expertise – aber besonders schwierig.
Der Rückzug der Vereinigten Staaten von der globalen Weltbühne ist auch in dieser Krise schmerzlich spürbar. Und wachsende Spannungen und Schuldzuweisungen zwischen großen Ländern, wie wir sie dieser Tage leider erleben, bringen keinen am Ende weiter.
Obwohl sie in den vergangenen Jahren dezidiert geschwächt wurden, liegt auf multilateralen Organisationen in diesen Zeiten eine besonders große Hoffnung – allen voran auf der Weltgesundheitsorganisation WHO. Sie leistet auf globaler Ebene derzeit hervorragende Arbeit, genauso wie übrigens das Robert Koch-Institut in Deutschland. Ihr Know-how sollten wir ausbauen und weiter fördern.
Konkret: Zur „Responsibility to Protect“ sollte die „Responsibility to Report“ hinzutreten, eine global geltende Epidemie-Berichtsverpflichtung aller relevanten Institutionen, in allen Vereinte-Nationen-Mitgliedstaaten, an die WHO, wie dieser Tage vom früheren schwedischen Premier Carl Bildt gefordert. Vertuschung darf es nicht mehr geben!
Fünftens: Europa muss endlich zur Besinnung kommen
Die Krise – und unsere Antwort darauf – wird langfristig schwerwiegende geopolitische und ökonomische Folgen haben. Die Welt wird eine andere sein, gerade aus europäischem Blickwinkel. Statt sich eng und fortlaufend abzustimmen, haben EU-Mitgliedstaaten unkoordinierte Maßnahmen ergriffen, die einer Gesamtstrategie völlig entbehrten.
So wurden zum Beispiel innereuropäische Grenzen geschlossen, während Flugzeuge aus besonders vom Virus betroffenen Ländern wie China und dem Iran weiter unkontrolliert landen durften. Und die mangelnde innereuropäische Hilfsbereitschaft, die wir bis vor einigen Tagen sahen, war nicht nur bedrückend, sie wird der europäischen Idee schaden.
Denn wenn die EU und ihre Mitglieder dringend erbetene internationale Krisenhilfe hauptsächlich China und Russland überlassen, wird eine einheitliche EU-Außenpolitik gegenüber China und Russland nach Corona sicher nicht leichter – nicht die besten Bedingungen für eine geopolitisch ambitionierte Europäische Union!
Schlimmer noch: Eine EU, die nicht als Krisenmanager wahrgenommen wird, ist ein gefundenes Fressen für EU-Skeptiker. Wenn die EU ihrem Anspruch gerecht werden will, die eigenen Bürger zu schützen – ein „Europe that protects“ zu sein, wie die EU-Kommission es anstrebt –, muss sie Teil der Krisenlösung sein.
Die in den letzten Tagen ergriffenen und diskutierten Maßnahmen, insbesondere zum Schutz der europäischen Wirtschaft, zeigen in die richtige Richtung. Deutlich wird aber auch: Wenn die EU eine kohärente und glaubwürdige Außen- und Sicherheitspolitik betreiben will, dann dürfen Kernelemente unserer Sicherheit nicht nationale Prärogative bleiben.
Gesundheitspolitik, das sollte jetzt jedem klar sein, ist ein solches Kernelement. Kompetenzen in den Bereichen Prävention und Notfallmaßnahmen sollten auf europäischer Ebene gebündelt werden.
Wie jede Krise bietet der aktuelle Ausbruch gleichzeitig auch Chancen: Werden wir die Gelegenheit entschlossen nutzen, den Zyklus aus Panik und Vergessen zu durchbrechen? Wir müssen eine stabile, globale Architektur für Pandemieprävention schaffen, und Europa sollte einer der Baumeister sein. Der Grundstein hierfür muss jetzt, noch in der Krise, gelegt werden.