Anlagestrategie: Was Privatanleger jetzt über Ölaktien wissen sollten
Die Schieferölproduzenten in Nordamerika leiden besonders unter den Folgen der Corona-Pandemie.
Foto: dpaDüsseldorf, Frankfurt. Millionen von Autos stehen still, der Flugverkehr ist nahezu zum Erliegen gekommen, und der Konsum in vielen Ländern ist massiv eingeschränkt. Für die Ölindustrie bedeutet das ein nie da gewesenes Problem: Die globale Nachfrage nach der wichtigsten Energiequelle der Welt bricht drastisch ein.
Der Ölpreis ist seit Ende Februar auf Talfahrt, und der Preis für ein Barrel der US-Ölsorte WTI rutschte vor Kurzem zum ersten Mal in der Geschichte sogar ins Minus. Für die Erdölbranche eine Katastrophe.
Schon jetzt rechnet die Internationale Energieagentur (IEA) mit einem Rekordrückgang in der Nachfrage, in einer Branche, für die es seit Jahrzehnten in diesem Bereich immer nur eine Richtung gab: nach oben. Dementsprechend schlecht sieht es für die Rohstoffkonzerne nach dem ersten Quartal aus.
Schon in den ersten drei Monaten des Jahres bricht der Umsatz der fünf Branchenriesen Exxon Mobil, Shell, Chevron, BP und Total im Vergleich zum Vorjahr um satte 50 Milliarden US-Dollar ein. Damit schmelzen auch die Gewinne. Zusammen verdient Big Oil im ersten Quartal nur knapp mehr als eine Milliarde Dollar.
Trotzdem gehen die Aktienkurse der sogenannten Supermajors seit Ende März wieder nach oben. „Das liegt daran, dass die meisten im Vergleich zu den Erwartungen sogar besser performt haben als befürchtet“, erklärt Analyst Achim Wittmann von der Baden-Württembergischen Landesbank (LBBW). Allerdings habe man in den ersten drei Monaten des Jahres auch deutliche Effekte der Krisensituation gesehen.
Unheilvolles Zeichen
Anleger sollten sich daher von der schnellen Beruhigung nicht blenden lassen. „Es ist ein unheilvolles Zeichen“, warnt Victor Shum vom britischen Marktforschungsinstitut IHS Markit. Es zeige, welch „brutale Kräfte derzeit am Markt wirken“.
So entschied sich der britisch-niederländische Shell-Konzern zum ersten Mal seit Ende des Zweiten Weltkrieges dafür, seine Gewinnausschüttung zu kürzen – was einen Schock in der Branche auslöste. Shell war jahrzehntelang eine feste Größe für dividendenhungrige Anleger. Der Konzern hatte über alle Krisen hinweg regelmäßig ausgeschüttet.
Die Investoren sollen nun aber nur eine Quartalsdividende von 0,16 Dollar erhalten – zwei Drittel weniger als zuletzt. Auch die norwegische Equinor kürzt ihre Dividende. Anders als BP, Exxon Mobil, Chevron und Total.
„Ölkonzerne galten von jeher als zuverlässige Dividendenzahler. Jetzt sehen wir unterschiedliche Strategien“, sagt Experte Wittmann. Obwohl Total das kleinste Unternehmen des internationalen Quintetts darstellt, glaubt der Analyst, dass die Franzosen aktuell das stabilste Fundament unter den Ölmultis haben.
Das Unternehmen verfügt über eine sehr solide Bilanz, eine teilweise bessere Kostenstruktur als die Konkurrenz und investiert schon länger kräftig in wichtige Zukunftsmärkte wie Solar, Wind, E-Mobilität oder Wasserstoff. Mit einem Nettogewinn von 34 Millionen US-Dollar im ersten Quartal verdient das Pariser Energieunternehmen trotzdem satte 99 Prozent weniger als im Vorjahr. Dennoch schafft es der französische Konzern damit im Gegensatz zu BP, Shell und Exxon Mobil, in den schwarzen Zahlen zu bleiben.
Aber auch Total muss wie alle anderen Ölkonzerne ein ordentliches Sparprogramm auflegen. So sollen die Betriebskosten um eine Milliarde Euro gesenkt werden, genauso wie die Energiekosten. Zusätzlich kürzen die Franzosen ihre für 2020 geplanten Investitionen um knapp ein Viertel auf 14 Milliarden Dollar. Das Unternehmen hatte sich angesichts der Krise im April mit der Ausgabe von Anleihen im Wert von drei Milliarden Dollar Luft verschafft und Kreditlinien im Umfang von sechs Milliarden Dollar in Anspruch genommen.
Die Schweizer Bank Credit Suisse sieht das Unternehmen vor diesem Hintergrund weiter positiv und stuft die Aktie als Outperformer ein. Auch die US-Bank J.P. Morgan stuft das Papier in diese Kategorie mit einem Kursziel von 40 Euro ein. Die Franzosen seien gegen den kurzfristigen Gegenwind sehr gut gerüstet, schreibt Analyst Christyan Malek in einer Studie und hebt die außerordentliche Dividendenstabilität hervor.
Denn die Krise hinterlässt in der Branche ihre Spuren. US-Riese Exxon Mobil will die Investitionsausgaben sogar um 30 Prozent kappen. Obwohl die Ölkonzerne schon wegen der verheerenden Preiskrise 2014 bis 2016 ein enormes Kostensenkungsprogramm aufgelegt haben, sieht Analyst Wittmann bei möglichen Kürzungen noch Luft nach oben. „Vor allem bei den Investitionen, aber auch auf Kostenseite ist noch Potenzial.“
Für die Aktie von Exxon sind dennoch viele Analysten skeptisch. Das Analysehaus RBC stuft die Papiere des US-Konzerns auf „Underperform“ ein. JP Morgan ist etwas gnädiger und sieht das Wertpapier als neutral an. Der bereinigte Gewinn je Aktie ex Wertberichtigungen habe jedoch unter seinen Schätzungen gelegen, schreibt Analyst Phil Gresh in einer Studie.
Kosten müssen runter
Der Sparkurs der Branche macht dabei vor keinem der großen halt. So plant BP, seine Kosten von aktuell 56 Dollar pro Barrel auf 35 Dollar zu drücken. Und das ist mit Blick auf die Rohstoffpreise auch bitter nötig. Denn schon vor Corona standen die Ölkonzerne unter Druck. Die Preise für Öl und Gas waren extrem niedrig, was maßgeblich daran liegt, dass die Unternehmen schon vor der Krise mehr Öl und Gas produzierten, als die Welt verbraucht hat.
Das drückt den Preis. Der ist pro Barrel der Sorte Brent schon im vergangenen Jahr um mehr als 20 Prozent gefallen. Auf dem Gasmarkt sieht es auch nicht besser aus. Hier fielen die Preise 2019 sogar um mehr als 30 Prozent.
Der Schlagabtausch zwischen den beiden Ölfördergiganten Saudi-Arabien und Nordamerika verschärfte die Situation zunehmend. Die Preise für Rohöl fielen weiter. Als dann aufgrund von Corona erst die Nachfrage in China einbrach und dann im Rest der Welt, traf das auch die Ölpreise massiv. Seit Anfang Mai hat sich der Markt leicht erholt. Von der Hoffnung der Anleger auf eine baldige Besserung der Lage profitierten unter anderem auch die Aktien von BP und Shell.
„Das liegt daran, dass die Förderkürzungen der Opec plus sich langsam bemerkbar machen“, sagt die unabhängige Ölmarktexpertin Cornelia Meyer. Sie ist überzeugt, dass Ölkonzerne weiterhin ein attraktives Ziel für Privatanleger sein können. „Die großen Ölkonzerne sind immer noch gut kapitalisierte Firmen und können die Krise somit besser überstehen.“ Wer überlegt, sein Geld in Ölaktien zu stecken, der solle aber trotzdem noch etwas warten.
„Jetzt ist noch nicht die Zeit zum Investieren“, mahnt Meyer. Der Grund: Die Ergebnisse im zweiten Quartal dürften noch deutlich schlechter ausfallen als bislang. Es könnte also noch mal runtergehen mit den Ölwerten. Trotzdem sollte man sich das Ölunternehmen, in das man investieren will, genau anschauen. „Meiden sollte man vor allem kleinere Produzenten im Upstream-Bereich, vor allem bei einer hohen Kostenstruktur und einer hohen Verschuldung. Da jetzt zu investieren wäre quasi Selbstmord“, warnt Meyer.
Im nächsten Jahr rechnen Experten mit einer Erholung des Ölmarktes auf der Nachfrageseite. Auch wenn interessierte Anleger im Hinterkopf behalten sollten, dass sich das Konsumverhalten nach der Coronakrise verändern könnte. „Viele Leute haben festgestellt, dass sie sehr gut von zu Hause arbeiten können. Das heißt, die Menschen werden weniger Auto fahren, und auch der Flugverkehr wird noch eine Weile brauchen, bis er wieder in den Normalbetrieb zurückgekehrt ist“, glaubt Meyer.
Fallende Kurse als Kaufanreiz
Dass bis zu 60 Prozent jener US-Unternehmen, die Öl zu hohen Kosten via Fracking gewinnen, von Pleite bedroht sein könnten, sollte im kommenden Jahr aber wieder einiges auffangen. Einen Kaufanreiz sehen die Analysten in vielen Ölaktien auch, weil die Kurse bereits massiv gefallen sind.
Bei vielen Anlegern sind die Ölproduzenten seit geraumer Zeit jedoch vor allem als verlässliche Dividendentitel gefragt. Durch den niedrigen Ölpreis und die gekürzte Ausschüttung beim Schwergewicht Shell hat dieser Nimbus ein wenig eingebüßt. Die Credit Suisse erwartet, dass im Jahr 2020 bei einem Brent-Ölpreis von durchschnittlich 30 Dollar pro Barrel keiner der großen Konzerne einen positiven freien Cashflow generieren werde. Dennoch seien die Firmen sehr unterschiedlich in der Lage, damit umzugehen.
So könnte es für BP schwierig werden, an der angekündigten Dividendenerhöhung festzuhalten, wenn der Ölpreis auf einem niedrigen Niveau verharrt. Der US-Multi Chevron scheine dagegen gut positioniert, um seine Dividenden zu verteidigen. Auch bei Exxon und Total sei die Wahrscheinlichkeit gering, dass die Konzerne ihre Ausschüttungen kürzen würden. Vor allem die Franzosen seien in einer starken Position, um die Dividendenzahlungen in einem schwächeren Umfeld zu verteidigen.
Langfristig gesehen bleiben Ölkonzerne erst einmal eine verlässliche Anlage. Zumal die meisten großen Ölproduzenten die Zeichen der Zeit erkannt und ihr Geschäft mit nachhaltigen und erneuerbaren Energien ausgebaut haben. Viele der europäischen Rohstoffriesen, wie BP, Shell, Total oder Equinor erweitern ihr Portfolio im Bereich der alternativen Energien schon jetzt, um so auch in Zukunft eine führende Rolle auf dem Energiemarkt abzusichern.
Dennoch liegen die Titel nicht im Trend zum nachhaltigen Anlegen, selbst wenn Unternehmen wie BP bestrebt sind, sich einen grünen Anstrich zu geben. So hat CEO Bernard Looney sich als Ziel gesetzt, bis spätestens 2050 eine klimaneutrale CO2-Bilanz aufzuweisen. Tatsächlich verdienen einige Konzerne inzwischen auch Milliarden Dollar mit Solar-, Biokraft- oder anderen erneuerbaren Produkten.
Dennoch sind viele Großinvestoren vorsichtiger geworden. Norwegens Staatsfonds, der gemessen am verwalteten Vermögen der weltweit größte seiner Art ist, trennt sich schon länger schrittweise von Beteiligungen an Öl-, Gas- und Kohlekonzernen und soll stattdessen bis zu zwei Prozent des Anlagevermögens in erneuerbare Energien investieren.
Das Klima für Ölaktien wird also nicht unbedingt milder – unabhängig davon, wo der Ölpreis steht.
Hier geht es zur Seite mit dem Brent-Preis, hier zum WTI-Kurs.