Dax aktuell: Dax schließt im Plus – Wirecard verliert weitere 35 Prozent
Die Frankfurter Benchmark hat in diesem Jahr bereits mehrfach eine neue Bestmarke erreicht.
Foto: dpaDüsseldorf. Der deutsche Leitindex schließt 0,4 Prozent fester bei 12.330 Punkten und lässt damit die Woche versöhnlich ausklingen. Sein Tageshoch von 1,4 Prozent konnte der Börsenindex zwar nicht verteidigen, auf Wochensicht bleibt allerdings ein Plus von mehr als drei Prozent. Hoffnungen auf weitere Konjunkturhilfen und die Rückendeckung der Notenbanken für die Finanzmärkte gelten als Hauptgründe für den erfolgreichen Wochenverlauf.
Einmal mehr stand dabei die Wirecard-Aktie im Fokus. Nach den dramatischen Kursverlusten des Vortages ging es auch am Freitag weiter abwärts: In der Spitze fiel das Papier um weitere rund 50 Prozent auf ein Tagestief von 19,26 Euro. Zuvor hatte etwa die NordLB ihr Kursziel von 80 auf 20 Euro gesenkt.
Erst der Rücktritt von Vorstandschef Markus Braun ließ den Kurs wieder steigen. Zum Börsenschluss lag das Papier 35,3 Prozent im Minus – bei rund 26 Euro.
Bereits gestern hatte das Papier für einen historischen Handelstag gesorgt: Das Handelsvolumen der Wirecard-Aktie, deren Kurs um mehr als 70 Prozent nachgab, lag bei 40 Millionen Papieren. Zum Vergleich: Bei allen 30 Dax-Werten zusammengenommen wurden am Mittwoch insgesamt 102 Millionen Papiere gehandelt.
Am Freitag verdichteten sich die Indizien für einen Betrugsfall von großem Ausmaß um den Dax-Konzern, was den weiteren Kursverfall befeuerte: Die philippinische Bank BDO Unibank, bei der angeblich eines von zwei suspekten Treuhandkonten für Wirecard geführt wurde, erklärte, dass das deutsche Unternehmen kein Kunde sei.
„Das Dokument, in dem die Existenz eines Wirecard-Kontos bei BDO behauptet wird, ist ein manipuliertes Dokument, das gefälschte Unterschriften von Bankangestellten trägt“, hieß es in der Stellungnahme des in der Stadt Makati ansässigen südostasiatischen Geldhauses. „Der Fall ist an die Zentralbank der Philippinen berichtet worden.“
Im Mittelpunkt des Bilanzskandals stehen zwei asiatische Banken und ein Treuhänder, der seit Ende vergangenen Jahres für Wirecard die Konten verwaltet. Auf den Konten waren angeblich 1,9 Milliarden Euro verbucht. Die für Wirecard tätigen Bilanzprüfer bezweifeln jedoch mittlerweile, dass diese 1,9 Milliarden Euro tatsächlich existieren.
Am Freitagabend kündigte die Fondsgesellschaft DWS an, Wirecard und den ehemaligen Vorstandschef Markus Braun zu verklagen: „DWS wird Wirecard und Markus Braun persönlich verklagen“, sagte ein DWS-Sprecher dem Handelsblatt. Was für eine Klage genau DWS einreichen will, wollte der Sprecher nicht konkretisieren. Es dürfte aber vor allem um Schadenersatz gehen.
Mittlerweile wurden im Bundesanzeiger die ersten Zahlen veröffentlicht, wie sich die Hedgefonds bei dem Kursrutsch in Höhe von über 70 Prozent am gestrigen Donnerstag verhalten haben. Die überraschende Antwort: Ihnen reicht der massive Kursverlust offenbar nicht.
Denn sie haben ihre Leerverkaufsquote am gestrigen Handelstag drastisch erhöht. Sie haben nicht, wie man hätte erwarten können, den Wert verringert, indem sie Aktien wieder zurückgekauft haben.
Denn eine solche Short-Spekulation läuft nach folgendem Muster ab: Zunächst leihen sich Leerverkäufer beispielsweise von Investmentfonds Aktien eines Unternehmens und verkaufen diese Papiere. Um diese Aktien nach Ablauf der Frist wieder zurückzugeben, müssen sie sie vorher wieder kaufen – selbstverständlich möglichst zu einem niedrigeren Kurs. Der Kurssturz der Aktie sorgte für viele Verlierer, aber auch für einige Gewinner.
Diese Quote beträgt nun mittlerweile fast 17 Prozent, wie am Freitag aus Daten des Bundesanzeigers hervorging. Am Mittwoch waren es noch 9,96 Prozent aller frei handelbaren Aktien. Die Fonds haben nach gestrigem Stand den - noch nicht vollständigen - Zahlen zufolge umgerechnet weitere fünf Millionen Aktien verkauft. Insgesamt müssen sie laut dem Stand vom Donnerstag 17,3 Millionen Aktien zurückkaufen.
Der Kursverlauf am gestrigen Tag war sehr volatil. Nach der Mitteilung um 10.44 Uhr rutschte die Wirecard-Aktien innerhalb von 15 Minuten (Handelsunterbrechung bereits abgezogen) von 95 Euro auf 35 Euro (11.08 Uhr) ab. Auf die Zwischenerholung bis auf 64 Euro um 11.56 Uhr folgte der endgültige Absturz, der mit einem Schlusskurs von 39,90 Euro endete.
Das extrem hohe Handelsvolumen von 2,78 Millionen Stück innerhalb von nur 15 Minuten nach der Mitteilung lässt darauf schließen, dass Hedgefonds ihre Leerverkaufsquote erhöht haben.
Doch die Frage lautet: Wer hat denn dafür gesorgt, dass die Kurse nach dem ersten Ausverkauf von 35 Euro wieder auf 64 Euro stiegen? Das Handelsvolumen war auf jeden Fall nicht mehr so hoch wie beim anschließenden zweiten Ausverkauf. Was darauf schließen lässt, das keine große Adressen auf steigende Wirecard-Kurs gesetzt haben.
Auf dem Anleihemarkt preisen die Investoren zunehmend eine Pleite von Wirecard ein. Der Kurs einer bis 2024 laufenden Anleihe stürzte bereits am gestrigen Donnerstag in der Spitze um mehr als 40 Prozent ab und fällt heute weiter.
Die Anleihe wurde am heutigen Freitag zwischenzeitlich nur noch mit 23 Cent pro Euro gehandelt. Im Gegenzug zum fallenden Kurs kletterte die Rendite der Anleihe auf mehr als 40 Prozent.
Zum Vergleich: Im Schnitt liegt die Rendite für Anleihen von europäischen Unternehmen, die wie Wirecard ein Dreifach-B-Rating haben, bei 1,1 Prozent. Auch im Vergleich zu Unternehmen, die als „spekulativ“ eingestuft werden, ist die Rendite der Wirecard-Anleihe extrem hoch. Europäische Hochzinsanleihen werfen im Schnitt derzeit eine Rendite von rund 4,4 Prozent ab.
Doch auch bei der Anleihe beruhigte sich die Lage nach dem Rücktritt von Braun. Mittlerweile liegt der Kurs bei 39 Cent, die Rendite bei 26 Prozent.
Die zweite Dax-Aktie, die im Fokus der Leerverkäufer steht, ist Lufthansa. Dabei ist die Ausgangslage aber eine andere. Denn in diesem Fall haben es die Hedgefonds mit einem Großaktionär zu tun, der möglicherweise Aktien in großem Stil kaufen will.
Der Unternehmer Heinz Hermann Thiele, aktuell mit gut 15 Prozent der größte Einzelaktionär bei Lufthansa, hatte Anfang der Woche das geplante Rettungspaket für die Kranich-Airline mit einem Volumen von neun Milliarden Euro kritisiert. Vor allem stört Thiele, dass der Staat mit 20 Prozent beim Unternehmen einsteigt, und das zu einem Aktienpreis, der mit 2,56 Euro nur ein Viertel des aktuellen Lufthansa-Kurses beträgt.
Am Donnerstag reagierte er und verkaufte acht Millionen Aktien von Knorr Bremse. Der Erlös sei für andere private Investments von Thiele gedacht, hieß es in einer Handelsmitteilung.
Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg soll der Preis für die verkauften Papiere bei 91 Euro je Anteilschein gelegen haben. Der Erlös für Thiele würde damit mehr als 700 Millionen Euro betragen. Der Schlusskurs der Knorr-Bremse-Aktie im Xetra-Hauptgeschäft lag am Donnerstag bei 95,31 Euro. Mit dem Geld könnte Thiele gut weitere 15 Prozent an Lufthansa erwerben.
Das macht die Sache spannend, weil auch Hedgefonds unter Druck stehen, Aktien zurückzukaufen. Ihre Leerverkaufsquote beträgt derzeit 9,96 Prozent aller frei handelbaren Aktien. Sie müssen umgerechnet 47,6 Millionen Aktien zurückkaufen, das durchschnittliche Handelsvolumen beläuft sich auf rund zehn Millionen Papiere täglich.
Diese Nachrichten beflügelten die Lufthansa-Aktie, die mehr als drei Prozent stärker aus dem Handel geht und somit zum Wochenausklang Gewinner im Dax ist.
Großer Verfallstag
Wenig Auswirkungen auf den Handel hatte der große Verfallstag am heutigen Freitag, auch Hexensabbat genannt. Dann verfallen Futures und Optionen auf Indizes sowie Optionen auf einzelne Aktien. Es gab keinerlei große Kursauschläge beim Dax.
Der Settlement-Kurs für Dax-Optionen ist am Freitag mit 12.423 Punkten festgesetzt worden. Für MDax und TecDax lagen die Settlements bei 26.347 beziehungsweise 3002 Stellen. Die Optionen auf den Euro Stoxx 50 verfielen bei einem Kurs von 328 Punkten und diejenigen auf den Stoxx 50 bei 3061 Zählern.
Was die Charttechnik sagt
Die Ausgangslage hat sich nach dem gestrigen Handelstag nicht verändert: Die Aufwärtskurslücke vom Anfang dieser Woche (11.968 zu 12.133 Punkten) bleibt der erste wichtige Unterstützungsbereich. Aufwärtskurslücke bedeutet konkret: Das Tagestief vom Dienstag lag über dem Tageshoch vom Montag. Das wird als Zeichen für weiter steigende Kurse interpretiert und ist laut Charttechnik ein wichtiger Unterstützungsbereich.
In diesem Bereich notiert auch die 200-Tage-Durchschnittslinie, die aktuell bei 12.149 Zählern liegt. Diese Linie ist ein Indikator für den langfristigen Trend.
Auf der Oberseite fällt auf: Der Dax schafft es nicht, nachhaltig über die Marke von 12.400 Punkten zu steigen. Auch am Donnerstag rutschte der Dax nach seinem Anstieg auf 12.483 Zähler schnell wieder ab. Für weitere Kurssteigerungen muss dieser Bereich nachhaltig überwunden werden.
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