Dax aktuell: Dax-Talfahrt vorerst beendet – Sorglosigkeit der Anleger könnte für neue Turbulenzen sorgen
Die Frankfurter Benchmark hat in diesem Jahr bereits mehrfach eine neue Bestmarke erreicht.
Foto: dpaDüsseldorf. Nach drei verlustreichen Handelstagen ist der Dax wieder auf Erholungskurs gegangen. Zu Handelsschluss lag der Dax 0,3 Prozent im Plus bei 11.598 Punkten. Sein Tagestief mit 11.458 Zählern erreichte der Index während des Eingangsstatements von EZB-Präsidentin Christine Lagarde auf der Pressekonferenz der Europäischen Zentralbank.
Am gestrigen Mittwoch hatte der deutsche Leitindex 4,2 Prozent verloren und war bei 11.560 Punkten aus dem Handel gegangen. In den vergangenen neun Tagen hat das Börsenbarometer mehr als zehn Prozent verloren.
Noch drei Handelstage, dann steht hoffentlich fest, wer neuer US-Präsident wird. Denn neben den neuen Corona-Beschlüssen ist der ungewisse Ausgang der US-Wahl der Hauptgrund, warum die Kurse so deutlich abrutschen.
Vom Ausgang der Wahl hängt beispielsweise ab, ob es zu einem US-Konjunkturpaket kommt und wie hoch es ausfällt. Erwartet wird eine Größenordnung von zwei Billionen Dollar.
Derzeit antizipieren Anleger einen ungewissen Wahlausgang und verkaufen lieber. Der schwache Euro in den vergangenen Tagen ist auch ein Indiz dafür, dass sich verstärkt ausländische Investoren vom deutschen Aktienmarkt verabschiedet haben.
Die Erfahrung hinter den massiven Verkäufen: Im Jahr 2000 dauerte es nach der Wahl fünf Wochen, bis der neue US-Präsident feststand. Die Aktienmärkte gaben in dieser Zeit zwölf Prozent nach.
Was aber auch bedeutet: Sollte es am 3. November einen eindeutigen Sieger geben, dürfte die Zeit der deutlichen Kursverluste vorbei sein.
Aber genau dieser Rückschluss aus dem Kursverlauf der Vergangenheit dürfte verhindern, dass sich der deutsche Aktienmarkt in den kommenden Handelstagen erholt. Das zeigt die Auswertung der aktuellen Sentimentumfrage der Börse Frankfurt.
Im Gegenzug zu vielen Ausländern, die sich vom deutschen Markt verabschiedet haben, sind die heimischen Investoren im Zuge des Kursverfalls eingestiegen. Sie haben gelernt: In den vergangenen Monaten wurde jede noch so große Dax-Korrektur schnell aufgefangen, seit März gab es keine so starken Kurseinbrüche mehr.
„Man könnte auch von einer gelernten Sorglosigkeit sprechen“, meint Verhaltensökonom Joachim Goldberg. Die Gruppe der Optimisten, die steigende Kurse erwarten, hat allein in den vergangenen beiden Wochen um rund ein Drittel zugenommen.
Seine Prognose: Die neuen Käufer dürften dem Dax nicht allzu lange treu bleiben, wenn dieser nicht alsbald Kursgewinne liefert. Bereits ab 12.000 Punkten dürften diese Optimisten Gewinne mitnehmen.
Das größere Problem liegt auf der Unterseite: Sollte der Dax weiter fallen, würden viele der neuen Käufer die Notbremse ziehen und verkaufen. Das dürfte den Abwärtstrend verschärfen.
Termine heute
Am heutigen Donnerstag ist der Höhepunkt der Berichtssaison. Die US-Tech-Giganten Apple, Amazon, Facebook und Alphabet legen nach US-Börsenschluss neue Quartalszahlen vor.
Was in den nächsten Tagen mit den Aktien der Tech-Giganten passiert, ist für das gesamte Geschehen an den Börsen ausschlaggebend. Gemessen an der Marktkapitalisierung macht die Branche inzwischen annähernd 40 Prozent des S&P 500 aus.
Die Kursverluste der Microsoft-Aktie haben bereits zu einer Skepsis geführt. Das Unternehmen hatte die Erwartungen übertroffen, die Aktie verlor dennoch. Ein Anzeichen dafür, dass sich die Investoren allmählich Sorgen über die hohen Bewertungen der Firmen machen.
Blick auf die Einzelwerte
Volkswagen: Die Aktien von Volkswagen notierten etwa ein Prozent fester. Dem Autobauer ist nach dem Corona-bedingten Geschäftseinbruch die Rückkehr in die Erfolgsspur gelungen.
Delivery Hero: Mit einem Aufschlag von drei Prozent wurden die Aktien von Delivery Hero gehandelt. Die Experten der HSBC und der Credit Suisse hoben ihre Kursziele auf 111 beziehungsweise 124 Euro an. Der Essenslieferdienst hatte zuvor angekündigt, die Coronakrise für weiteres Wachstum zu nutzen.
Fresenius: Der Konzern bekräftigte seine im Juli wegen der Coronakrise gesenkte Prognose. Demnach rechnet der Konzern mit einem währungsbereinigten Umsatzanstieg von drei bis sechs Prozent, das Ergebnis könne sich in einer Bandbreite von minus vier bis plus ein Prozent entwickeln. Die Aktie verlor aber letztendlich 2,5 Prozent.
Grenke: Die Aktien schlossen 8,8 Prozent im Plus. Der Leasingkonzern zieht nach dem Angriff eines britischen Investors Konsequenzen für seine Strategie. Der Vorstand wird um einen Risikochef erweitert, und das seit der Leerverkaufsattacke im Fokus stehende Franchisegeschäft wird in den Konzern integriert.
Fashionette: Anleger machen beim Börsendebüt einen Bogen um die Aktien des Online-Taschenhändlers Fashionette. Die Papiere gaben am Donnerstag an ihrem ersten Handelstag zwischenzeitlich mehr als zehn Prozent nach und notierten mit 27 Euro unter dem Ausgabepreis von 31 Euro. Ein Händler sagte, allgemein sei die Vorsicht derzeit groß, zumal auch andere Börsengänge in der jüngsten Zeit schlecht gelaufen seien. Zudem sei für ihn fraglich, ob Luxusgüter im Onlinehandel nachhaltig mit Gewinn verkauft werden könnten.
Aixtron: Mit einem Minus von mehr als zwölf Prozent war die Aktie Schlusslicht im MDax. Der LED- und Chipindustrieausrüster blickt nach dem dritten Quartal etwas vorsichtiger auf den Umsatz im Gesamtjahr.
Blick auf andere Assetklassen
Der Lira-Verfall geht munter weiter, die neuen Rekordmarken liegen bei 9,7724 Lira gegenüber dem Euro und 8,3275 Lira gegenüber dem Dollar. Mehr als 45 Prozent hat die türkische Währung seit Jahresanfang gegenüber der Gemeinschaftswährung verloren.
Über diesen weiteren Verfall dürfen sich Anleger nicht wundern. Denn am Montag hatte sich Notenbankchef Murat Uysal geäußert. Er hob die Inflationsprognosen für 2020 und 2021 um jeweils 3,2 Prozentpunkte an. Er glaubt aber, dass die Teuerung innerhalb ihres Prognosehorizonts auf magische Weise zurück auf ihr Ziel von fünf Prozent fallen wird. Und die türkische Lira sei „extrem unterbewertet“. Spötter sagen, diese Sichtweise sei wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht.
Korrekte Daten zeigen ein anderes Bild. So hat die türkische Zentralbank im großen Stil Gold aus ihrer Währungsreserve verkauft und innerhalb eines Monats fast acht Prozent ihrer in Gold gehaltenen Währungsreserve auf den Markt geworfen. Der Goldverkauf ist ein weiteres Indiz dafür, wie stark die türkische Währung unter Druck steht – und wie schwer es der Zentralbank fällt, sich gegen den Absturz der Lira zu stemmen.
Mit dem Verfall der Währung geht auch ein Anstieg der Risikoprämie einher. Die Höhe der Kreditausfallversicherungen bei türkischen Staatsanleihen (Fachjargon: Credit Default Swaps, CDS), um sich gegen eine Insolvenz des Staates abzusichern, steigt deutlich.
Mittlerweile müssen Investoren für eine fünfjährige Staatsanleihe jährlich 5,57 Prozent zahlen, um sich abzusichern. Dies ist der höchste Wert der vergangenen zwölf Monate und damit auf dem gleichen Niveau wie während der vergangenen Währungskrise im Oktober/September 2018. Lediglich im April 2020, auf dem Höhepunkt der Coronakrise, erreichte der CDS-Wert mit 6,35 Prozent ein höheres Level.
Zum Vergleich: Der CDS-Wert für bundesdeutsche Staatsanleihen mit einer Laufzeit von fünf Jahren liegt bei 0,11 Prozent.
Der Preis für eine Feinunze Gold (31,1 Gramm) ist wieder unter die Marke von 1900 Dollar gerutscht und fiel zwischenzeitlich auf ein Vierwochentief von 1866 Dollar.
Manch ein Anleger stellt sich die Frage: Kommt es an den Märkten zu einem simultanen Crash an Aktien- und Goldmärkten wie im Februar und März dieses Jahres?
Denn bei einem Crash an den Aktienmärkten ist zunächst Cash gefragt und nicht die angebliche „Krisenwährung“ Gold. Denn bei einem Marktcrash müssen Investoren Nachschussforderungen nachkommen, sogenannten „Margin Calls“, weil die Sicherheitsleistung der offenen Positionen bei ihren Brokern nicht ausreicht.
Erst danach steigt der Goldpreis wieder. Der Monat März zeigt: Zuerst sank der Preis für eine Feinunze von rund 1700 Dollar auf 1451 Dollar, um anschließend bis August auf ein neues Rekordhoch von 2075 Dollar zu steigen.
Sollte sich dieses Szenario wiederholen, würden sich neue Einstiegschancen ergeben. Denn die Zeiten der Geldflutung sind noch lange nicht vorbei.
Was die Charttechnik sagt
Es bleibt dabei: Bei 11.000 Punkten liegt das nächste Kursziel. Hinter dieser Berechnung steckt Folgendes: Der Dax hat sich längere Zeit in einer Seitwärtsspanne von 1200 Punkten bewegt und diese mit dem Rutsch unter die Marke von 12.200 Zählern aufgelöst. 12.200 minus 1200 ergibt dann 11.000 Punkte, so funktioniert technische Analyse. Die kann man belächeln, sie bietet aber oftmals wichtige Anhaltspunkte.
Beeindruckend ist das Rekordtempo, das der Dax vorlegt. Er hat bereits mehr als die Hälfte dieser Abwärtsbewegung schon erreicht. Am dritten Handelstag in dieser Woche gab es schon die zweite Abwärtskurslücke. Solche Abwärtskurslücken entstehen, wenn der tiefste Punkt eines Handelstags über der höchsten Notierung des Folgetags liegt.
Die Kurslücke am Mittwoch mit 12.035 Punkten (tiefster Kurs am Dienstag) und 11.852 Zählern (höchste Notierung am Mittwoch) unterstreicht die schwache Verfassung des Marktes. Auf dem Weg Richtung 11.000 Punkte gilt es, noch eine alte Kurslücke von Ende Mai bei 11.430/11.391 Punkten zu schließen.
Eine Besserung der Lage würde sich erst ergeben, wenn der Dax wieder den Bereich um 12.200 Zähler überwinden würde.
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