Kolumne „Globale Trends“: Geheimakte 2040: US-Spione fürchten um den sozialen Frieden
Handelsblatt-International-Correspondent Torsten Riecke analysiert jede Woche in seiner Kolumne interessante Daten und Trends aus aller Welt. Sie erreichen ihn unter riecke@handelsblatt.com.
Foto: Klawe RzeczyAls US-Präsident Joe Biden vergangene Woche die Welt zum verstärkten Kampf gegen den Klimawandel drängte, überließ er den Lagebericht über die drohende Umweltkatastrophe Avril Haines, seiner Direktorin für die US-Geheimdienste. Die Schlapphüte von CIA, NSA und Co. tragen alle vier Jahre ihre Geheimnisse zusammen und machen daraus unter dem Titel „Global Trends“ eine Prognose, wie die Welt in 20 Jahren aussehen könnte.
2008 warnten die Spione vor der Gefahr einer sich von Asien ausbreitenden Pandemie. Der neueste Bericht blickt voraus bis 2040 und trägt den Titel „Eine stärker umkämpfte Welt“.
Das gilt nicht nur für die zunehmenden geopolitischen Konflikte rund um den Globus, sondern gerade auch für die Weltwirtschaft. Die wachsende Macht global agierender Konzerne und Plattformen, sich verschärfende Handelskonflikte, enorme Verwerfungen auf den Arbeitsmärkten durch neue Technologien – all das macht die Weltwirtschaft mehr und mehr zu einer Arena, in der Unternehmen und Staaten miteinander um Dominanz ringen.
Vieles, was die Spürnasen der USA auf 144 Seiten zusammengetragen haben, sehen die Risikomanager der Unternehmen längst auf ihren Radarschirmen. Neben dem Klimawandel finden sich dort die üblichen Verdächtigen Überalterung, Finanzkrisen, technologische Verwerfungen und die Rivalität mit China.
Der Erkenntnisgewinn der „Global Trends 2040“ liegt jedoch in den Schlussfolgerungen, die die US-Spione aus ihrer eher düsteren Prognose ziehen: Die größte Gefahr sehen die Geheimdienste in einer sozialen Spaltung.
Paradoxerweise, so schreiben die Autoren, habe die zunehmende Vernetzung der Welt durch Kommunikationstechnologien, Handel und Mobilität die Menschen und Nationen nicht einander nähergebracht, sondern mehr gespalten. Die sozialen Fliehkräfte sind stärker geworden, der soziale Kit der Gesellschaften bröckelt unter dem Druck wirtschaftlicher, technologischer und kultureller Zerreißproben. In den nächsten zwei Jahrzehnten werde das Tempo und die Reichweite technologischer Entwicklungen immer mehr zunehmen, während gleichzeitig neue Spannungen und Störungen innerhalb und zwischen Gesellschaften, Industrien und Staaten entstehen.
Spaltung der Gesellschaft liegt nicht im Interesse der Unternehmen
Enorme Sprengkraft liegt demnach in der immer größer werdenden Kluft zwischen den Erwartungen der Bürger, der Staat möge sie vor den zunehmenden Gefahren der Welt schützen, und dem Handlungsvermögen der Regierungen, deren Spielräume durch wachsende Schuldenberge immer mehr eingeschränkt werden. Die damit programmierte Enttäuschung führe, so befürchten die US-Geheimdienste, zu einem Rückzug vieler Bürger in soziale Echokammern, zu kultureller Ausgrenzung in Form von „identity politics“ und wachsendem Zuspruch für autoritäre Regierungsformen.
Das geht nicht nur die Politik an. Einige der größten Fliehkräfte in den nächsten 20 Jahren sind wirtschaftlicher Natur und betreffen direkt den Alltag und die Zukunft der Unternehmen. „Viele Wirtschaftsführer glauben, dass es auch in ihrem Interesse ist, soziale Harmonie zu haben. Eine Spaltung der Gesellschaft liegt nicht im Interesse der Unternehmen, weder kurz- noch langfristig“, sagt Jeffrey Sonnenfeld, Management-Professor an der Eliteuniversität Yale und Mitorganisator des Aufstands von mehr als 100 CEOs gegen diskriminierende Wahlrechtsreformen in den USA, die vor allem Schwarze treffen.
Überheblichkeit der Leistungseliten
Der US-Philosoph Michael Sandel geht noch einen Schritt weiter und warnt vor einer „meritokratischen Überheblichkeit“ der Wirtschaftseliten, die die Spaltung der Gesellschaft weiter vertiefe. Viele „Gewinner“ unseres Wirtschaftssystems glaubten, dass sie ihren Erfolg nicht nur im finanziellen, sondern auch im moralischen Sinne verdient hätten und blickten deshalb auf vermeintliche „Verlierer“ herab. Die Folge sei in vielen Ländern ein Aufstand gegen die Eliten. Spätestens die Pandemie sollte jedoch allen gezeigt haben, dass sich der Wert der Arbeit nicht allein vom Gehaltszettel ablesen lässt.
„Es ist schwer zu sagen, an welchem Punkt Ungleichheiten die Solidarität in einer Gesellschaft zerstören. Sicher aber ist, dass keine Gesellschaft es sich ungestraft leisten kann, eine beträchtliche Zahl von Menschen auszuschließen“, schrieb der liberale Vordenker Ralf Dahrendorf bereits Ende der Neunzigerjahre und wies darauf hin, „dass eine solche Gesellschaft nicht mehr überzeugend verlangen kann, dass ihre Mitglieder sich an die Regeln von Recht und Ordnung halten“.
Damit es nicht zu diesem Schreckensszenario kommt, müssen es die Demokratien des Westens nach Meinung der US-Geheimdienste schaffen, durch Wirtschaftswachstum und technologische Errungenschaften eine Spaltung der Gesellschaft zu verhindern. Geheimdienste neigen nicht zu philosophischen Verklärungen der Weltlage. Ihr Job ist es, Informationen zu sammeln und mit kühlem Kopf zu analysieren. Insofern sind sie ein wichtiges Frühwarnsystem, das wir nicht ignorieren sollten.