Hauptversammlung: VW-Chef unterstreicht Elektro-Strategie: „Leisten wichtigen Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels“
VW-Chef Herbert Diess auf der Hauptversammlung in Berlin: Er glaubt daran, dass sich der Klimawandel mit Elektroautos aufhalten lässt.
Foto: Stefan Boness/IponDüsseldorf. Volkswagen sieht sich durch die Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands in seiner Elektrostrategie bestätigt. „Die Bekämpfung des Klimawandels ist eine Jahrhundertaufgabe. Nur mit Elektromobilität können wir die CO2-Emissionen in den nächsten zehn Jahren signifikant senken“, sagte Konzernchef Herbert Diess am Donnerstag auf der Hauptversammlung in Berlin.
Für den VW-Vorstandschef gibt es wenig Zweifel daran, dass der Klimawandel Mitverantwortung trägt an den katastrophalen Ereignissen der vergangenen Woche. Der Klimawandel verschärfe die Wetterextreme. „Pro Grad Erwärmung kann die Luft sieben Prozent mehr Wasserdampf aufnehmen. Starkregen, der sich über Nacht in Flutwellen verwandelt und ganze Straßenzüge wegreißt, kann eine der Folgen sein“, betonte Diess mit Blick auf die gewaltigen Schäden in Rheinland-Pfalz und in Nordrhein-Westfalen.
Aus Sicht des VW-Chefs steht die gesamte Automobilindustrie vor einem entscheidenden Wandel: weg vom Verbrennungsmotor und hin zur Elektromobilität. „Damit leistet unsere Branche einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels“, lobte Diess die Anstrengungen. Es sei an der Zeit, „dass wir uns neu erfinden“.
Als einer der größten Autohersteller der Welt trage der Konzern eine besondere Verantwortung für das Klima. „Unser Ziel ist, den durchschnittlichen CO2-Fußabdruck pro Auto über den gesamten Lebenszyklus bis 2030 um 30 Prozent auf 34 Tonnen CO2 zu reduzieren“, sagte Diess.
Durch die Elektromobilität würden sogar große und schwere SUV umweltfreundlich. Günstiger Strom sorge dafür, dass individuelle Mobilität mit dem Auto in vielen Regionen der Erde „erstmals erschwinglich“ werde. Das gelte für Regionen mit viel Wind, Wasser und Sonne, wo sich Strom zu niedrigeren Kosten produzieren lasse als Benzin.
Volkswagen stellt sich darauf ein, dass die Verkaufszahlen bei Elektroautos in den nächsten zehn Jahren kontinuierlich steigen und das Geschäft mit Diesel- und Benzin-betriebenen Fahrzeugen Schritt für Schritt kleiner wird. Der Wolfsburger Autohersteller kalkuliert damit, dass der Verbrennermarkt bis zum Jahr 2030 um mehr als 20 Prozent schrumpft.
Margen im E-Auto- und Verbrennergeschäft nähern sich an
Dazu gehört auch, dass Volkswagen das Modellportfolio mit Verbrennungsmotoren zusammenstreichen und vereinfachen wird. Besonders bei Kleinwagen sorgen verschärfte Abgasbestimmungen dafür, dass Dieselmodelle kaum noch wirtschaftlich produziert werden können. Beim Kleinwagen Polo hat VW deshalb bereits den Diesel aus dem Programm genommen. Beim T-Roc steht der Diesel ebenfalls auf der Streichliste.
„Wir gehen davon aus, dass unsere Margen in der E-Mobilität und im Verbrennergeschäft bereits in zwei bis drei Jahren auf demselben Niveau liegen werden“, betonte Vorstandschef Diess. Im Jahr 2030 würden voraussichtlich etwa gleich viele Verbrenner und Elektroautos verkauft.
Mit den Elektroautos könne der Wolfsburger Konzern seine Profitabilität sogar steigern. Dazu trage die tiefere eigene Wertschöpfung bei – Volkswagen führt mit der Elektromobilität die neuen Geschäftsfelder Batterieproduktion und Ladetechnik ein, so Diess weiter. Vor wenigen Tagen hatte Volkswagen sein Mittelfrist-Renditeziel bis 2025 bereits angehoben. Maximal seien jetzt neun Prozent erreichbar, zuvor waren es acht Prozent. Wenn die komplette neue Strategie greift, könnte die Rendite nach dem Jahr 2030 auch zweistellig werden.
Außer der Elektromobilität spielt die Digitalisierung eine entscheidende Rolle bei der Transformation des Volkswagen-Konzerns. Zur Mitte des Jahrzehnts soll der Anteil der von den Wolfsburgern selbst entwickelten, fahrzeugbezogenen Software bei 60 Prozent liegen. Derzeit sind es noch zehn Prozent. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die vor einem Jahr gegründete Konzerntochter Cariad, die bis 2025 ein komplett eigenes Betriebssystem für alle Autos aus dem Konzern entwickeln soll. Ein solches Betriebssystem wäre mit dem iOS von Apple und dem Android-System von Google vergleichbar.
Volkswagen investiert jährlich etwa 2,5 Milliarden Euro in Cariad. Die Zahl der Mitarbeiter soll von aktuell rund 4000 bis zur Mitte des Jahrzehnts auf 10.000 aufgestockt werden. Cariad wird damit zu einem der größten IT-Unternehmen in Deutschland. „Mit der Cariad wollen wir bis 2030 die führende Software-Alternative zu Tesla und Google entwickeln“, sagte Herbert Diess. Etwa 40 Millionen vom Konzern produzierte Fahrzeuge sollen das neue Betriebssystem nutzen. Volkswagen will sich damit auch vom reinen Fahrzeughersteller zum digitalen Mobilitätsanbieter wandeln.
Aktionäre winken Winterkorn-Vergleich durch
Auf der Hauptversammlung auf dem Berliner Messegelände ging es allerdings nicht nur um die zukünftige Strategie des Konzerns. Auch die jüngste Vergangenheit – die Dieselaffäre – stand auf dem Programm. Vor wenigen Wochen hatte der Konzern einen Vergleich mit dem früheren Konzernchef Martin Winterkorn, Ex-Audi-Chef Rupert Stadler und anderen ehemaligen Vorständen getroffen.
Sie leisten Schadensersatz für den Dieselskandal in Höhe von fast 290 Millionen Euro. Den Großteil davon, rund 270 Millionen Euro, übernehmen allerdings Manager-Haftpflichtversicherungen („D&O“). Die Hauptversammlung nahm diesen Vergleich am Donnerstagabend mit großer Mehrheit an. Kritiker aus den Reihen der Aktionäre wollten den Vergleich zu Fall bringen – sind mit diesem Vorhaben jedoch gescheitert.
Jörg Hofmann, Vorsitzender der IG Metall und zugleich stellvertretender Aufsichtsratschef von Volkswagen, verteidigte den Vergleich. „Damit bekommen wir die Chance, einen zivilrechtlichen Schlussstrich zu ziehen“, sagte Hofmann. Die Schadensersatzzahlungen der beteiligten früheren Vorstände seien „angemessen“. Dem Vergleich sei die umfassendste Untersuchung eines Unternehmens in der deutschen Wirtschaftsgeschichte vorausgegangen.
Wegen der Corona-Pandemie hatte sich Volkswagen ein zweites Mal für eine digital ausgetragene Hauptversammlung mit wenigen Teilnehmern entschieden. Aus dem Aufsichtsrat waren nur zwei Mitglieder in Berlin vertreten.
Im Konzernvorstand fehlte Audi-Chef Markus Duesmann, der eine längere Covid-Erkrankung auskuriert. Duesmann absolviert ein mehrwöchiges Reha-Programm. „Diese kurze Pause wird es ihm ermöglichen, sich danach wieder mit voller Kraft der Transformation von Audi zu widmen“, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch. Offensichtlich wollte der Konzern damit Spekulationen entgegentreten, dass der Audi-Chef noch länger ausfallen könnte.
Thema war darüber hinaus der aktuelle Engpass bei Halbleitern: Der Chipmangel betreffe in unterschiedlichem Maße nahezu den gesamten Konzern, insbesondere China und fast alle Pkw-Marken, sagte Einkaufschef Murat Aksel am Donnerstag bei der Online-Hauptversammlung. Das Management arbeite intensiv daran, die Versorgungslage zu verbessern und die Auswirkungen des Chipmangels zu mindern. „Dennoch konnten wir im ersten Halbjahr eine hohe sechsstellige Anzahl Fahrzeuge nicht wie geplant produzieren.“ Wo dies möglich sei, würden zusätzliche Schichten gefahren, um den hohen Auftragsbestand abzuarbeiten.
Trotz der ausgefallen Produktion hält Volkswagen an seinen Absatzzielen fest. Demnach sollen die Auslieferungen des Konzerns 2021 – vorbehaltlich einer erfolgreichen Eindämmung der Pandemie – deutlich über dem Vorjahr liegen.