Interview: Politikwissenschaftler Vorländer: „Der FDP ist eine clevere Inszenierung gelungen“
„Ich sehe nicht, dass es in der FDP Rückbezüge auf die sozialliberale Tradition geben würde.“
Foto: imago/Jürgen HeinrichHans Vorländer ist als Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte ein ausgewiesener Liberalismusexperte. Er mahnt im Handelsblatt-Interview die FDP dazu, sich vor dem Hintergrund einer Ampelkoalition stärker mit der sozialliberalen Zeit von vor 50 Jahren auseinanderzusetzen. Die Partei solle stärker auf historische Standpunkte wie die Freiburger Thesen von 1971 zurückgreifen „um ihre Legitimation in einer Koalition mit SPD und Grünen zu verdeutlichen“, so Vorländer.
Doch Vorländer erkennt auch an, dass die Liberalen einen erfolgreichen Wahlkampf geführt hätten, um die junge Generation anzusprechen. Gleichzeitig sieht er aber nicht, dass die FDP der Union langfristig ihre Rolle als bürgerliche Kraft der Mitte abnehmen werde. Dafür sei das Wahlverhalten zu volatil geworden. Es würde sich keine „langfristige Bindekraft der Wähler an die Parteien entwickeln“, so Vorländer.
Lesen Sie hier das komplette Interview:
Herr Vorländer, wie erklären Sie die derzeitige Stärke der FDP?
Die Partei hat einen geschickten Wahlkampf geführt, der sich sehr stark auf die Person Christian Lindner als Galionsfigur fokussiert hat. Ihr ist eine clevere Inszenierung gelungen, sich als Vertreterin der jungen Lebensgefühle darzustellen. Dabei spricht sie vor allem eine urbane, kulturell versierte Schicht an, die im Bereich der neuen Technologien zu Hause ist. Und dann ist auch die Schwäche der Union die Stärke der FDP.
Ein Erfolgsfaktor bei den jungen Wählern war wohl auch ein eigenes Aufstiegsversprechen. Ist das ein neuer Aspekt des Liberalismus?
Die FDP war ja in den späten 1960er- und 70er-Jahren die Partei, die Bildung als Bürgerrecht und damit als wesentliche Voraussetzung zu sozialem Aufstieg definiert hat. Wir sehen also eher eine Rückkehr zu alten Programmtraditionen.
Eine Kampfansage an die SPD?
Das sehe ich eher nicht. So, wie das liberale Aufstiegsversprechen momentan akzentuiert ist, spricht es nur eine bestimmte Gruppe an: kreative junge Leute, die sich in der digitalen Welt zu Hause fühlen. Sie spricht damit aber nicht unbedingt benachteiligte Schichten in sozialen Brennpunkten an, obwohl es hier großes Potenzial gäbe.
Ist die Offenheit für eine Ampel ein Zeichen für die Rückkehr zum Sozialliberalismus?
Ich sehe nicht, dass es in der FDP Rückbezüge auf die sozialliberale Tradition geben würde. Das 50-jährige Bestehen der Freiburger Thesen wäre aber Anlass, das Grundsatzprogramm für einen reformbereiten „Sozialen Liberalismus“ auf die gegenwärtigen Problemlagen zu beziehen. Die FDP zeigt sich traditionsvergessen.
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Inwiefern?
Die Freiburger Thesen waren nicht nur ein großes sozialliberales Reformprogramm, das die Vermögensbildung und die Eigentumsverhältnisse thematisiert hat, die FDP war auch die erste Partei überhaupt, die die Umweltpolitik entdeckt hat. Sie könnte also mit Fug und Recht auf dieses Programm zurückgreifen, um ihre Legitimation in einer Koalition mit SPD und Grünen zu verdeutlichen.
Kann die FDP der CDU ihren Platz in der bürgerlichen Mitte langfristig streitig machen? Etwa weil sie die nachwachsende Wählerschaft anspricht?
Das Wahlverhalten ist sehr viel volatiler geworden, davon hat die FDP in den letzten Jahren auch profitiert. Andererseits führt das auch dazu, dass sich keine langfristige Bindekraft der Wähler an die Parteien entwickelt. Ich bin deswegen eher skeptisch.