Konjunktur: Handel, Auto, Pharma: So wappnen sich Unternehmen gegen Lieferprobleme und andere Konjunkturbremsen
Die Stimmung in den Branchen ist unterschiedlich: Die einen erwarten volle Auftragsbücher, andere sehen sich in einer tiefen Krise.
Foto: dpa, ddp, PRDüsseldorf. Das Wachstum wird in Deutschland 2022 nach Ansicht des Handelsblatt Research Institute (HRI) geringer ausfallen als bislang prognostiziert.
Doch hinter dieser Gesamtprognose verbergen sich höchst unterschiedliche Entwicklungen in den einzelnen Branchen, wie sich in der Übersicht über die wichtigsten Wirtschaftszweige zeigt.
Einzelhandel
Der deutsche Einzelhandel steht für rund ein Viertel des privaten Konsums und damit für rund 17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Deutschland – geht es den Verbrauchern gut, floriert auch der Handel und damit die gesamte deutsche Wirtschaft, könnte man annehmen.
Doch ganz so einfach ist es nicht. Im zweiten Pandemiejahr dürfte der private Konsum zwar wieder spürbar gestiegen sein, und auch der Einzelhandel wird wahrscheinlich das nächste Rekordjahr eingefahren haben – trotz teils immenser Lieferprobleme im Weihnachtsgeschäft.
Gleichzeitig grassiert die Angst vor Ladenschließungen und sterbenden Innenstädten. Der Grund: Immer mehr wird online geshoppt. Nach jüngsten Zahlen für die ersten zehn Monate des Jahres legte der Internethandel um 16,1 Prozent zu, während der Umsatz im stationären Einzelhandel real um 1,9 Prozent schrumpfte.
Erschwerend hinzu kamen die enormen Lieferprobleme: 81,6 Prozent der Einzelhändler klagten im Dezember, dass nicht alle bestellten Waren geliefert werden können. „Der Einzelhandel wird gerade doppelt belastet“, sagte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe. „Händler können nicht alle Produkte anbieten. Und Kunden sind angesichts der hohen Inzidenzen zurückhaltend beim Einkaufen.“
Nach Einschätzung des Handelsverbands HDE war das Weihnachtsgeschäft für den Einzelhandel „eine Katastrophe“. Die Umsätze im stationären Nicht-Lebensmittel-Handel unter 2G-Bedingungen seien in der Woche vor Weihnachten durchschnittlich 35 Prozent hinter dem Vorkrisenniveau zurückgeblieben. Besonders betroffen war der Bekleidungshandel.
Das HDE-Konsumbarometer verheißt einen verhaltenen Auftakt des neuen Jahres. Der Index sank leicht auf 95,04 Zähler. Seit seinem Zwischenhoch im Juli sinkt das Barometer nahezu stetig. Das Barometer wird monatlich vom Handelsblatt Research Institute für den HDE berechnet. Es basiert auf einer repräsentativen Verbraucherbefragung.
Autoindustrie
Die Branche steckt mitten in der größten Transformation ihrer Geschichte. Zumindest in Europa ist das Aus des Verbrennungsmotors politisch faktisch beschlossen. Gleichwohl wünscht sich heute die große Mehrzahl der Neukunden noch immer ein Auto mit einem modernen Benzin- oder Dieselmotor. Neben diesem strukturellen Wandel kämpft die Autoindustrie mit den seit Monaten stark schwankenden Rohstoffpreisen – und vor allem dem akuten Halbleitermangel.
Schätzungen zufolge dürften 2021 rund vier Millionen Fahrzeuge weniger gebaut worden sein als geplant. Der Verband der Internationalen Kraftfahrzeughersteller (VDIK) geht davon aus, dass in Deutschland im abgelaufenen Jahr nur 2,6 Millionen Pkws neu zugelassen wurden – so wenig wie zuletzt in den 1980er-Jahren. Im Vorkrisenjahr 2019 hatte es noch 3,6 Millionen Neuzulassungen gegeben. Die Folge: Im November war jeder achte Beschäftigte der Autoindustrie in Kurzarbeit.
Schätzungen zufolge dürften 2021 rund vier Millionen Fahrzeuge weniger gebaut worden sein als geplant.
Foto: Reuters„Die Kunden wollten mehr Autos kaufen, als die Industrie produzieren konnte“, sagt VDIK-Präsident Reinhard Zirpel. Im neuen Jahr erwartet der Verband eine Markterholung auf etwa drei Millionen neue Pkws – ein Plus von 15 Prozent. Voraussetzung sei aber, dass sich die Lieferengpässe normalisieren und die sehr hohen Auftragsbestände bei den Herstellern abgearbeitet werden können.
Maschinen- und Anlagenbau
Der Maschinen- und Anlagenbau geht „mit einer guten Portion Optimismus ins kommende Jahr“, sagt Branchenverbandspräsident Karl Haeusgen. Das Vor-Corona-Niveau dürfte 2022 wieder erreicht werden, schätzt der Maschinen- und Anlagenbauverband. 2021 dürfte die Produktion um rund sieben Prozent auf 219 Milliarden Euro zugelegt haben. Das ist zwar alles andere als ein schlechter Wert, allerdings hatte der Verband im September noch ein Plus von zehn Prozent erwartet. „Wir hätten mehr produzieren können, wären die verschiedenen Lieferengpässe nicht so hartnäckig gewesen“, betonte Haeusgen.
Bei einer Umfrage des Verbands Anfang Dezember gaben 84 Prozent der Unternehmen an, merkliche oder sogar gravierende Beeinträchtigungen der Lieferketten zu spüren. Es mangelte vor allem an Elektronikkomponenten und Metallen. Eine weitgehende Entschärfung der Lage sei frühestens im zweiten Quartal 2022 zu erwarten, bei Elektronikkomponenten rechnen die Unternehmen damit nicht vor dem dritten Quartal.
Angesichts gut gefüllter Auftragsbücher hob der Verband dennoch seine Prognose für 2022 an. Nunmehr geht er von einem realen Zuwachs von sieben Prozent aus, im Herbst hatte er noch fünf Prozent Plus erwartet. Im ersten von der Coronakrise geprägten Jahr 2020 war die Produktion um knapp zwölf Prozent eingebrochen.
Als „ganz große Herausforderung“ sieht die Branche den Fachkräftemangel. In diesem Jahr planen 67 Prozent der Unternehmen einen Aufbau der Stammbelegschaft – so sie denn geeignetes Personal finden. Schon heute leiden 70 Prozent der Unternehmen unter merklichem oder gravierendem Fachkräftemangel. Mit etwas mehr als einer Million Beschäftigten ist der Maschinen- und Anlagenbau der größte industrielle Arbeitgeber in Deutschland.
Elektroindustrie
Auch die deutsche Elektro- und Digitalindustrie sieht sich weiterhin mit Materialknappheit und Lieferengpässen konfrontiert. „Für drei Viertel der befragten Unternehmen hat sich die Lage in den vergangenen drei Monaten noch verschärft – für ein Drittel sogar deutlich“, sagte Branchenverbandsgeschäftsführer Wolfgang Weber. Rund die Hälfte der Unternehmen erwartet, dass die aktuelle Situation noch bis Mitte 2022 anhalten wird. Weber: „Es klemmt an fast jeder Ecke.“
Die Unternehmen schätzen, dass der Umsatz im abgelaufenen Jahr ohne die Knappheiten und Logistikprobleme um bis zu zehn Prozent höher hätte ausfallen können. Gleichwohl erwartet der Verband, dass die Produktion 2021 um acht Prozent zugelegt hat. Damit wäre der pandemiebedingte Produktionsrückgang von sechs Prozent im Jahr 2020 mehr als wettgemacht.
Das Geschäftsklima in der deutschen Elektro- und Digitalindustrie gab im November den vierten Monat in Folge nach. Die aktuelle Lage wurde zwar wieder als etwas besser beurteilt als im Vormonat.
Allerdings schwächten sich die Geschäftserwartungen weiter ab. Für die kommenden sechs Monate gingen 21 Prozent der Elektro‧unternehmen von expandierenden, 61 Prozent von gleichbleibenden und 18 Prozent von nachlassenden Aktivitäten aus.
Pharma- und Chemieindustrie
Die chemisch-pharmazeutische Industrie hat 2021 ihre Produktion um voraussichtlich 4,5 Prozent gesteigert, der Umsatz legte sogar um 15,5 Prozent zu. Die Zahl der Beschäftigten stieg leicht um 0,5 Prozent auf 466.500 an. „Unsere Branche hat vielfachem Gegenwind standgehalten und ein beachtliches Ergebnis erzielt“, sagte VCI-Präsident Christian Kullmann.
Der Branchenverband geht davon aus, dass sich die positive Entwicklung der Branche im neuen Jahr fortsetzt. Die Branche hält einen Anstieg der Produktion um zwei Prozent und eine Zunahme des Umsatzes um fünf Prozent für realistisch.
Gleichwohl zeigt eine Mitgliederumfrage, dass sich die Geschäftslage in den letzten Monaten eingetrübt hat: 30 Prozent der Unternehmen melden bereits leichte, fünf Prozent sogar deutliche Einschnitte.
Der rasante Preisanstieg bei Gas und Strom in den letzten Monaten bereitet der Branche Probleme.
Foto: dpaEs fehle zwar nicht an Aufträgen, aber die Engpässe bei Vorprodukten und Logistik hätten sich weiter verschärft. Aufgrund der Lieferkettenprobleme mussten 35 Prozent der Unternehmen ihre Produktion drosseln, zehn Prozent haben Anlagen vorübergehend stillgelegt. Über 70 Prozent der Unternehmen können Aufträge nur verzögert abwickeln, 39 Prozent können sie gar nicht erfüllen. Mit einer Entspannung rechnen die Unternehmen erst im Sommer 2022.
Probleme bereitet der Branche auch der rasante Preisanstieg bei Gas und Strom in den letzten Monaten: 61 Prozent der befragten Unternehmen meldeten, dass die Energiepreise ihre Betriebsabläufe derzeit erheblich behindern. 67 Prozent gaben an, die Kosten zumindest teilweise an ihre Kunden weiterreichen zu können.
Dienstleistungen
In der Summe sind die Dienstleister der mit Abstand wichtigste Wirtschaftszweig. Ihr Anteil an der Bruttowertschöpfung ist mit etwa 70 Prozent rund dreimal so groß wie der der Industrie. Der Dienstleistungssektor ist jedoch extrem heterogen und zudem durch sehr viele kleine Unternehmen geprägt, was allgemeingültige Prognosen schwierig macht.
Für die meisten Dienstleister war 2021 kein schlechtes Jahr. Nachdem der Umsatz im zweiten Quartal 2021 erstmals seit dem Beginn der Coronapandemie wieder das Vorkrisenniveau von Ende 2019 erreicht hatte, lag er im dritten Quartal 2021 um 5,2 Prozent über dem Vorkrisenniveau.
Den stärksten Umsatzzuwachs gegenüber dem Vorkrisenquartal gab es im dritten Quartal 2021 im Bereich Verkehr und Lagerei. Hier stiegen die Umsätze gegenüber dem vierten Quartal 2019 um 13,6 Prozent. Die Post-, Kurier- und Expressdienste erwirtschafteten sogar 19,3 Prozent mehr Umsatz als vor der Coronakrise.
Schlecht lief es hingegen für die „sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen“. Dazu zählen etwa Arbeitskräftevermittlung und Zeitarbeit, Reisebüros und -veranstalter, private Wach- und Sicherheitsdienste, Gebäudereiniger, Callcenter sowie Messe- und Kongressveranstalter. Im dritten Quartal 2021 war ihr Umsatz noch immer um 9,5 Prozent niedriger als im vierten Quartal 2019.
Der Bereich Information und Kommunikation, zu dem etwa Verlagswesen, Herstellung, Verleih und Vertrieb von Filmen sowie Musik, Kinos, Rundfunkveranstalter und Telekommunikationsanbieter zählen, liegt mittlerweile 4,7 Prozent über Vorkrisenniveau.
Nach dem sehr starken dritten Quartal rutschte die Dienstleistungskonjunktur zum Jahresende jedoch wieder ab. Der Markit-Service-Einkaufsmanagerindex sank im Dezember auf ein Zehnmonatstief – und lag nach ersten Berechnungen mit 48,4 Punkten unterhalb der Wachstumsschwelle von 50 Zählern.
Bau
Die deutsche Bauwirtschaft blickt auf ein durchwachsenes Jahr 2021 zurück. Die Branchenverbände gehen von einem nominalen Umsatzplus von 0,5 Prozent aus. Da jedoch die Preise um 6,5 Prozent anzogen, verwandelt sich das leichte nominale Plus in ein reales Minus von sechs Prozent.
Zwar habe die Nachfrage nach Bauleistungen im Jahresverlauf angezogen, doch hätten Probleme bei der Materialbeschaffung das Wachstum gebremst. Insgesamt legte der Wohnungsbau mit einem Plus von zwei Prozent recht kräftig zu. Der Umsatz im Wirtschaftsbau wuchs um ein Prozent, der im öffentlichen Bau sank um drei Prozent.
Der Wohnungsbau legte insgesamt recht kräftig zu.
Foto: imago images/Rupert OberhäuserAuf das neue Jahr blickt die Branche mit mehr Zuversicht. Nominal dürfte der Umsatz um 5,5 Prozent wachsen. Angesichts erwarteter Preissteigerungen von vier Prozent verbleiben real immerhin 1,5 Prozent Zuwachs. Dabei dürften laut Verbandsschätzung die stärksten Impulse erneut vom Wohnungsbau ausgehen.
Die jüngste Umfrage des Londoner Datenanbieters Markit bestätigt die Verbandseinschätzung. Demnach kämpfte Deutschlands Bausektor im November mit sinkender Bautätigkeit und rückläufigen Neuaufträgen. Der saisonbereinigte IHS Markit Bau-Index – der die monatlichen Veränderungen der Aktivität im gesamten deutschen Baugewerbe in einem Wert zusammenfasst – notierte im November mit 47,9 Punkten nahezu unverändert gegenüber dem Oktober und damit immer noch unter der Wachstumsschwelle von 50.
Gleichwohl war dies der beste Wert seit August 2020. Zahlreiche Umfrageteilnehmer gaben an, dass die Pandemie zu Störungen und Unterbrechungen geführt habe. So kam es aufgrund von Krankheitsfällen, Coronatests und Impfungen vielerorts zu Personalengpässen.