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KommentarEs ist eine Illusion, dass die Energiewende das Russland-Problem lösen kann

Die Ukrainekrise legt alle Schwächen, die Europas Energiepolitik hat, schonungslos offen. Für die Zukunft brauchen wir alternative Energiequellen.Klaus Stratmann 01.03.2022 - 11:14 Uhr Artikel anhören

16 Prozent des deutschen Primärenergieverbrauchs stammten im vergangenen Jahr aus erneuerbaren Quellen.

Foto: dpa

Die Energieversorgungskrise führt Deutschland und großen Teilen Europas erbarmungslos vor Augen, wie groß die Abhängigkeit von Lieferungen aus dem Ausland ist. Und das betrifft keineswegs nur Erdgas. Auch bei Erdöl und Steinkohle gilt: Ohne ausländische Lieferanten geht so gut wie nichts. Einer der wichtigsten war bislang Russland. Das muss sich nun schlagartig ändern.

Die Debatte darüber, wie die entstehenden Lücken zu stopfen sind, ist in vollem Gange. Befriedigende Lösungen gibt es nicht.

Hier rächt sich, dass sich Deutschland lange der Illusion hingegeben hat, die erneuerbaren Energien seien bereits auf dem besten Wege, Garanten einer preiswerten, verlässlichen und klimafreundlichen Vollversorgung zu werden.

Es genügen zwei Zahlen, um das als Irrtum zu entlarven: 16 Prozent des deutschen Primärenergieverbrauchs stammten im vergangenen Jahr aus erneuerbaren Quellen. 84 Prozent müssen also noch ersetzt werden.

Damit stößt Deutschland, das nicht mit optimalen Bedingungen für den Ausbau der Erneuerbaren gesegnet ist, an seine Grenzen. Die bisherigen Bemühungen, die schon dreistellige Milliardenbeträge verschlungen haben, reichen bei Weitem nicht aus.

Hinzu kommt: Selbst dann, wenn nun der Ausbau der Erneuerbaren über jedes bislang vorstellbare Maß hinaus beschleunigt wird und sie rechnerisch 100 Prozent der benötigten Energie produzieren sollten, werden sie sich nicht am jeweils aktuellen Bedarf orientieren, Sonnen- und Windstrom werden mal im Überfluss vorhanden sein, immer wieder aber auch keine nennenswerten Beiträge zur Stromerzeugung leisten können. Das gilt auch dann, wenn die installierte Leistung sich vervielfacht. Windstille und die Dunkelheit der Nacht lassen sich nicht überlisten.

Wasserstoff ist wichtig, aber allein keine Rettung

Die Möglichkeiten der Speicherung von Strom sind begrenzt. Die Produktion von Wasserstoff mittels Elektrolyse stellt zwar eine Lösung dar. Die meisten Experten sind aber der Überzeugung, dass die inländische Produktion von grünem Wasserstoff nicht ausreichen wird, um dauerhaft und verlässlich den Bedarf des Energiesektors und der Industrie zu sichern.

Die nächste Importabhängigkeit ist damit vorgezeichnet. Die Initiativen, über Wasserstoffpartnerschaften Importstrukturen aufzubauen, sind wichtig und gut. Bislang gibt es aber nur Projektskizzen.
Die Energiewende hat uns zunächst angreifbar gemacht. Es wird noch viele Jahre dauern und enorme Summen verschlingen, ehe sich das grundlegend verändert hat. Deutschland muss in großem Stil neue Importstrukturen für fossile Energieträger, allen voran verflüssigtes Erdgas, organisieren. Das wird anstrengend und teuer.

Jetzt rächt sich, dass sich Politikerinnen und Politiker in den vergangenen Jahren gegenseitig darin übertroffen haben, alle Brücken abzubrechen, die den Weg zur Vollversorgung aus erneuerbaren Quellen weniger beschwerlich gemacht hätten. Der Kohleausstieg, den die Ampelkoalition möglichst von 2038 auf 2030 vorziehen will, ist das beste Beispiel dafür.

Seit dem Swift-Ausschluss Russlands, wird diskutiert, das Abschalten der Atomkraftwerke in Deutschland weiter zu verzögern.

Foto: dpa

Hier wurde schon vor der aktuellen Krise leichtfertig mit der Verlässlichkeit der Stromversorgung gespielt. Sehr fragwürdig erscheint auch die Festlegung der Ampelkoalition, die Erdgasexploration im Inland möglichst schnell auslaufen zu lassen. Noch vor 20 Jahren hat die Eigenproduktion rund 20 Prozent des Bedarfs in Deutschland gedeckt; heute sind es noch fünf Prozent. Der Grund für den Rückgang ist nicht allein in der Endlichkeit der Erdgasvorkommen zu sehen.

Vielmehr wurden hier bewusst hohe genehmigungsrechtliche Hürden aufgebaut. Es ist daher zynisch, wenn Deutschland heute in den Niederlanden anklopft, um dort höhere Gaslieferungen anzufordern, während man sich gleichzeitig offenbar davor ekelt, die eigenen Vorkommen auszubeuten. Auch hier wird Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck über seinen Schatten springen müssen.

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Bleibt der Atomausstieg. Ihn jetzt zurückdrehen zu wollen dürfte keine gute Strategie zu sein. Man würde damit einen mühselig errungenen Kompromiss aufkündigen, den große Teile der Gesellschaft für richtig halten. Hinzu kommt, dass die drei verbliebenen Betreiber schon längst dabei sind, die Zelte abzubrechen. Eine Verlängerung der Laufzeit für die letzten drei verbliebenen Kraftwerke würde die Betreiber vor große logistische, sicherheitstechnische, personelle und finanzielle Herausforderungen stellen. Der Zug scheint längst abgefahren zu sein.

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