Modehandel: Secondhand-Plattform Vestiaire Collective übernimmt US-Rivalen Tradesy
Die Unternehmerin hat Vestiaire Collective 2009 gegründet.
Foto: Vestiaire CollectivesDüsseldorf. Im stark wachsenden Markt für Secondhand-Luxusmode schließen sich zwei große Anbieter zusammen. Die französische Plattform Vestiaire Collective, 2009 von Fanny Moizant gestartet, übernimmt nun das US-Start-up Tradesy, wie das Handelsblatt vorab erfuhr.
Das kombinierte Unternehmen soll mehr als 23 Millionen registrierte Kunden und rund fünf Millionen Artikel im Angebot haben. Dabei betrage der Wert der Waren, die über die jeweiligen Plattformen verkauft werden, rund eine Milliarde US-Dollar, teilten beide Unternehmen am Dienstag mit.
Noch beträgt der Anteil von Secondhand am gesamten Modemarkt gerade einmal zwei Prozent, hat die Boston Consulting Group (BCG) errechnet. Bei Luxusmode, um die es bei Vestiaire und Tradesy geht, sind es bereits zehn Prozent. Der Anteil soll laut BCG bis 2025 auf 15 bis 20 Prozent steigen. Immer mehr Verbraucher – knapp 70 Prozent – gaben dabei an, künftig auch Secondhand-Produkte kaufen zu wollen.
Plattformen für gebrauchte Mode profitieren davon. Das litauische Vinted, das früher unter Kleiderkreisel firmierte, oder Momox, das auch andere Secondhand-Waren wie Bücher auf seiner Plattform führt, verzeichnen deutliche Zuwächse. Der deutsche Vestiaire-Konkurrent Rebelle ging vor zwei Wochen erst an die Börse in Schweden und wurde dort als erster Green-IPO an den Nasdaq-Börsen gelistet.
Seit einiger Zeit sind auch Europas größte Modeplattform Zalando und das zur Otto-Gruppe gehörende About You mit bereits getragenen Modeartikeln am Markt und wollen diesen Geschäftsbereich ausweiten, um die Kreislaufwirtschaft anzutreiben. Der Handlungsbedarf ist groß. Laut einer Studie von McKinsey verursachte die globale Bekleidungs- und Schuhindustrie im Jahr 2018 bereits 2,1 Milliarden Tonnen CO2. Das sei in etwa so viel wie Frankreich, Deutschland und Großbritannien zusammen.
Das zeigt das Potenzial dieses Geschäfts, das gleich mehrere Megatrends vereint: mehr Onlinehandel, mehr Luxusmode und mehr Nachhaltigkeit. So konnte Vestiaire Collective bereits prominente Geldgeber für sich gewinnen.
Zuletzt stiegen der japanische Softbank-Konzern und Generation Investment Management, ein auf Nachhaltigkeit konzentrierter Investor mit dem früheren US-Vizepräsidenten Al Gore als Vorsitzendem, ein. Im Frühjahr 2021 hatte sich bereits unter anderem der Luxusgüterhersteller Kering mit fünf Prozent an dem Unternehmen, das schon in 60 Ländern aktiv ist, beteiligt.
Die Tradesy-Gründerin wird künftig das US-Geschäft verantworten.
Foto: Vestiaire CollectivesMax Bittner, der 2018 bei Vestiaire mit eigenem Geld eingestiegen war, wird weiterhin als CEO fungieren, Gründerin Fanny Moizant bleibt Präsidentin und Tradesy-Gründerin Tracy DiNunzio wird für das US-Geschäft verantwortlich sein. Tradesy habe keinen Wachstumsmotor benötigt, sagte DiNunzio dem Handelsblatt. Vielmehr wolle das Start-up „Teil eines Weltmarktführers sein und unsere gemeinsame Vision, den Handel nachhaltiger zu gestalten, beschleunigen“.
Die Unternehmerin hatte Tradesy 2009 als Plattform für Brautmoden gestartet. Der Gesamtumsatz seit Gründung liege bei rund zwei Milliarden Dollar. Details zur Transaktion oder zu der Frage, ob DiNunzio noch beteiligt ist, wollten beide Seiten nicht beantworten. Vestiaire veröffentlicht keine Geschäftszahlen. Firmenchef Bittner sagte lediglich: „Vestiaire Collective hat 16 Millionen Mitglieder, aber viel wichtiger ist die Zahl derer, die davon aktive Kunden sind, und die Umsätze, die wir insgesamt generieren.“
Vestiaire Collective will global agierendes Unternehmen werden
Noch ist außerdem unklar, unter welchem Namen das Unternehmen künftig in den USA auftreten wird. „Die nächsten drei bis sechs Monate werden wir genau analysieren, ob wir in den USA einen eigenen Ansatz brauchen oder nicht“, sagte Bittner. Man sei bereits seit 2019 in Gesprächen gewesen, aber durch die Pandemie und die Reisebeschränkungen komme die Übernahme erst jetzt.
Der Manager will Vestiaire Collective zu einem global aufgestellten Unternehmen machen.
Foto: Vestiaire CollectivesVestiaire werde nun von einem europäisch dominierten zu einem globalen Unternehmen. „Wir starten bald auch in Korea und Japan“, erklärte Bittner, der nach Stationen bei McKinsey für Rocket Internet die Handelsplattform Lazada in Asien aufbaute, die schließlich für mehrere Milliarden an Alibaba verkauft wurde.
Der Manager hält auch das Geschäftsmodell seines Unternehmens für stärker. 30 Prozent der Kunden lassen die Kleidungsstücke vor dem Verkauf von Vestiaire authentifizieren, bei Tradesy handeln alle Nutzer direkt untereinander.
Vestiaire Collective verfügt darüber hinaus über eine sogenannte B-Corp-Zertifizierung. Die US-Non-Profit-Organisation B Lab vergibt das Zertifikat an Unternehmen, die sich regelmäßig auf ihre positive Wirkung auf Gesellschaft und Umwelt überprüfen lassen. Tradesy hatte diese Zertifizierung bislang noch nicht erhalten.
Allerdings kann Bittner noch keine konkreten Zahlen zum CO2-Fußabdruck liefern. „Aber der Wandel des Konsumverhaltens wird als wichtigste Aufgabe des Jahrhunderts bleiben“, sagt er,
Mehr: Gebrauchte Luxusmode boomt – nun verhelfen Softbank und Al Gore Vestiaire zu Milliardenbewertung