Ukraine-Krieg: Odessa, Putins nächstes Ziel? „Ich habe Angst, dass das hier zum zweiten Mariupol wird“
Eine Gruppe von Menschen geht auf einer Straße, während am Horizont, nach Beschuss des russischen Militärs schwarzer Rauch aufsteigt.
Foto: dpaEs ist Sonntagmorgen, sechs Uhr Ortszeit, als Wang Jixians Wohnung durchgeschüttelt wird. „Es war wie bei einem Erdbeben“, sagt der chinesische Software-Entwickler, der in der ukrainischen Großstadt Odessa lebt.
Seit Beginn der russischen Invasion bloggt Wang auf seinem Youtube-Kanal über den Krieg, versucht, die Wahrheit auch seinem von staatlicher Berichterstattung dominierten Heimatland zugänglich zu machen. Und das bedeutete auch in Odessa immer wieder: Detonationen, wenn russische Raketen abgefangen werden, zerborstene Scheiben, immer wieder Luftalarm.
„Doch dieses mal war es heftiger, das habe ich sofort gemerkt“, sagt Wang am Montag in einem Telefongespräch. „Es wirkte ganz nah, wie direkt vor meinem Haus.“
Was genau in der Nacht von Samstag auf Sonntag passierte, ist unklar. Laut übereinstimmenden Medienberichten sollen russische Einheiten aus der Luft und von dem Schwarzen Meer aus mehrere Ziele angegriffen haben – darunter ein Öldepot und mindestens drei nicht näher genannte infrastrukturelle Objekte. Dichter schwarzer Rauch stand am Sonntag über der Stadt.
Laut einer Mitteilung des russischen Verteidigungsministeriums soll es sich bei den Zielen um Treibstofflager gehandelt haben. Berichte über Opfer gab es zunächst keine.
Nach dem Beschuss mit russischen Raketen steigt am Sonntag dunkler Rauch über der Hafenstadt Odessa auf.
Foto: dpa„Wir hoffen, dass es keine Toten gab“, sagte Sergej Bratschuk, der Sprecher der Stadtverwaltung Odessas, am Sonntag in einem Statement. Auch am frühen Montagmorgen soll es weiteren Beschuss gegeben haben, wie mehrere Augenzeugen dem Tagesspiegel berichten.
In seiner Wohnung springt Wang Jixian am Sonntagmorgen sofort aus dem Bett. Er greift sich erst seine Kamera, wie er sagt, zieht sich dann an und geht auf seinen Balkon.
In einem Video, das er am selben Tag veröffentlicht, sind Lichtblitze und das Grollen von entfernten Einschlägen zu vernehmen. „Es war intensiver als es darauf aussieht“, sagt er am Telefon. „Die Einschläge haben die ganze Nachbarschaft erleuchtet.“
Das bestätigt auch Olena Kontsevych, eine in Odessa lebende Journalistin. Am Montagmorgen sagt sie, das Feuer sei zwischenzeitlich gelöscht, über den neuerlichen Beschuss in der Nacht zum Montag sei derweil auch vor Ort noch wenig bekannt.
Rauch sei jedoch keiner mehr über der Stadt zu sehen. „Ich gehe davon aus, dass es sich bei den Angriffen um eine Einschüchterungstaktik handelt, die Zivilisten in Panik versetzen und zur Flucht aus der Stadt bewegen soll“, sagt sie.
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Derweil spricht vieles dafür, dass es sich bei der Hafenstadt um Wladimir Putins nächstes Ziel handeln könnte. Nachdem sich russische Truppen in den vergangenen Tagen aus einigen bislang besetzten Gebieten nördlich und östlich der Hauptstadt Kiew zurückgezogen haben, gehen westliche Geheimdienste davon aus, dass sich Russlands Kriegshandlungen nun neben dem Donbass im Osten der Ukraine vor allem auf das Gebiet am Schwarzen Meer im Süden konzentrieren werden. Und damit auf Odessa.
Eine strategisch wichtiger Knotenpunkt
Denn die Stadt, die bislang von allzu heftigen Angriffen verschont geblieben ist, spielt eine strategische Schlüsselrolle. Sie beherbergt unter anderem den Hauptstützpunkt der ukrainischen Marine und den wichtigsten und größten zivilen Hafen des Landes. Über ihn schlägt die Ukraine einen Großteil ihrer Importe und Exporte um, unter anderem von Mineralien und Getreide.
Passanten beobachten am Sonntag einen Großbrand, nachdem das russische Militär augenscheinlich ein Treibstofflager in Odessa beschossen hat.
Foto: dpa„Würde Odessa in russische Hand fallen, wäre das ein herber strategischer Rückschlag“, sagte der britische General und ehemalige Oberbefehlshaber der Streitkräfte des Vereinigten Königreichs, Sir Richard Barrons, bereits Anfang März der „Times“. Der Warenverkehr, unter anderem auch mit der Europäischen Union, wäre dann nur noch auf dem Landweg möglich. Also in verringertem Volumen und mit höheren Kosten.
Aber auch kurzfristig wären die Folgen eines Verlustes der Stadt dramatisch. Denn eine Vielzahl akut wichtiger Güter, militärische wie humanitäre, werden seit Beginn des Krieges über Odessa abgewickelt. Fiele dieses Drehkreuz weg, würde die Versorgung für die ukrainischen Streitkräfte, aber auch die Zivilbevölkerung schwieriger – und für Russland berechenbarer.
Johnson fordert Schiffsabwehrwaffen
Zudem liegt die Hafenstadt nur etwas mehr als eine Autostunde von Transnistrien entfernt, jener separatistischen Region auf Staatsgebiet der Republik Moldau, in der nach gängigen Schätzungen zwischen 1200 und 1500 russische Soldaten stationiert sind. Über Odessa, so die Sorge einiger Beobachter, könnte Russland eine Landverbindung nach Transnistrien herstellen, die zu weiteren territorialen Ansprüchen führen könnte.
Unbestätigten Berichten des ukrainischen Online-Magazins „The Kyiv Independent“ zufolge sollen einige in Transnistrien stationierte Truppen Russlands bereits zusammengezogen worden sein, um sich auf einen möglichen Angriff vorzubereiten. Das Magazin bezieht sich dabei auf Informationen aus dem ukrainischen Generalstab. Ein Sprecher der Republik Moldau dementierte entsprechende Meldungen am Montag.
Dennoch wagte der britische Premier Boris Johnson bereits am Sonntag einen Vorstoß und forderte im Rahmen einer Kabinettssitzung, der Westen müsse die Ukraine mit Schiffsabwehrwaffen ausrüsten, um einen russischen Angriff auf Odessa zu unterbinden.
In der Stadt selbst ist die Stimmung derweil gespalten, wie Wang Jixian berichtet. „Ich bin kurz nach den ersten Explosionen aus dem Haus gegangen”, sagt er. „Es war dunkel von dem vielen Rauch, ein beißender Geruch lag in der Luft. Aber die Menschen waren mit ihren Hunden unterwegs oder sind zur Arbeit gefahren.”
Die historische Innenstadt gleicht einer Festung
Gleichzeitig aber sei die Anspannung deutlich zu spüren, sagt Wang. Überall seien Checkpoints, die Polizisten, Soldaten und Sicherheitspersonal wirkten nervös. „Ich wurde gestern auf dem Weg vom Supermarkt nach Hause zweimal angehalten und kontrolliert”, sagt er.
Olena Kontsevych hingegen beobachtet, dass sich ihre Stadt schon seit Wochen auf einen möglichen Angriff vorbereitet: „Alles ist verbarrikadiert, die Innenstadt ist eine Art uneinnehmbare Festung”, sagt sie. Ein Umstand, der sie einerseits beruhigt, wie sie betont. Ihr andererseits aber auch Sorgen bereite: „Ich habe Angst um unsere vielen wunderschönen Gebäude, sollte Russland uns weiter bombardieren”, sagt die Journalistin. Sie macht eine Pause. „Und davor, dass das hier ein zweites Mariupol wird.”