Interview: Biennale-Kuratorin Cecilia Alemani: „Unsere Gesellschaft ist sexistisch“
Die Kuratorin der 59. Biennale von Venedig brachte Künstlerinnen und Künstler von den verschiedensten Ecken der Erde zusammen. In sog. Zeitkapseln integrierte sie auch ältere, von der Kunstgeschichte weitgehend übergangene Künstlerinnen.
Foto: Andrea Avezzù; La Biennale di VeneziaVenedig. Von Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern kann noch keine Rede sein, konstatiert die Kuratorin der Biennale, Cecilia Alemani im Gespräch mit dem Handelsblatt. Stets habe die Schau mehr Männer ausgestellt als Frauen. Aber niemand habe gesagt, „dass da so wenig Frauen dabei sind“.
Frau Alemani, als Sie im Januar 2020 zur Biennale-Kuratorin berufen wurden, hatte das Corona-Virus die Welt bereits im Griff. Wir erfuhren davon nur etwas später. Brachte Sie die Zoonose des Virus auf die Themen Surrealismus und Metamorphose?
Cecilia Alemani: Ich hatte das Thema tatsächlich von Anfang an im Kopf. Aber ein paar Wochen später entwickelte es eine ganz neue, drängende Relevanz. Das, was ich mit den Künstlerinnen und Künstlern erörterte, wurde Realität. Die Unterkapitel zur Fragilität des Körpers, zu Mensch und Maschine und zu den Technologien der Unterhaltung destillierte ich aus den Gesprächen mit Künstlerinnen und Künstlern heraus.
Sie stellen auch Arbeiten von verstorbenen Künstlerinnen aus, etwa von Gertrud Arndt, Laura Grisi oder Louise Nevelson. Warum arbeiten Sie transhistorisch?
In einer Biennale, die wegen der Pandemie drei statt zwei Jahre Zeit hatte, wollte ich nicht nur die jüngsten beiden Jahre Kunstproduktion zurückblicken. Denn dieselben Themen finden sich auch bei älteren Künstlerinnen, die von der Kunstgeschichte weitgehend übergangen wurden. In den sogenannten Zeitkapseln habe ich Künstler von den verschiedensten Ecken der Erde zusammengebracht.
Małgorzata Mirga-Tas erzählt in zwölf genähten Bildern die Geschichte der Roma. Renaissance-Fresken aus Ferrara haben die raumhohen Werke inspiriert.
Foto: Daniel Rumiancew; Zachęta —National Gallery of ArtIhre beiden Hauptausstellungen präsentieren 213 Kunstschaffende aus 58 Ländern mit 1500 Kunstwerken. Damit ist die Biennale größer denn je. Fürchten Sie nicht, die Besucherinnen zu ermüden?
Nein, überhaupt nicht. Die drei Zeit-Kapseln in den Giardini und die zwei im Arsenale mit den historischen Rückblicken sorgen für eine Konzentration, die Säle mit der Gegenwartskunst für Ausdehnung. Kontraktion und Extension reagieren aufeinander.
Die Künstler Alexandra Sukhareva und Kirill Savchenkov gaben ihr Ausstellungsvorhaben im Russischen Pavillon unmittelbar nach Kriegsausbruch auf. Weil die Tochter eines Ministers mit der Organisation involviert war?
Die Pavillons unterstehen den jeweiligen Regierungen. Die Künstler repräsentieren die Regierung. Die Biennale hat da keinerlei Einfluss. Für mich war klar: Niemand will im Jahr 2022 russische Kunst sehen.
2021 war Kryptokunst der Verkaufshit. Warum zeigen Sie keine NFTs in Ihren Ausstellungen?
Nach drei Jahren Kunst ausschließlich am Bildschirm wollte ich das Gegenteil: physische Gemälde, Skulpturen und Installationen. Kunst, die sich ausdehnt im Raum, die Gerüche verbreitet. Die Kolumbianerin Delcy Morelos mischt den Tonnen von kubisch geschichteter brauner Erde Aromen bei: von Heu, Kakao, Nelken und Zimt. „Humus“ hängt etymologisch mit „human“ zusammen.
Sie stellen uns viele zu wenig bekannte Künstlerinnen vor. Warum sind Frauen in der Kunstwelt im Allgemeinen unterrepräsentiert?
Wir leben in einer sexistischen Gesellschaft. Ich sage das als Italienerin. Da kann von Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern leider noch keine Rede sein. Und auch die Biennale hat stets mehr Männer ausgestellt als Frauen. Es irritiert mich immer, dass die Leute dagegen nicht angehen wollen. Denn das ist kein Eindruck, sondern eine Tatsache.
Einzelne Männer scheinen irritiert über die geringere Anzahl männlicher Künstler zu sein.
Es stört mich, wenn jemand so am Gender-Begriff festhält. Für mich ist das Gender-Thema Teil der Show, nicht aber Inhalt der Ausstellung. Man sollte sie ansehen als eine Schau zeitgenössischer Kunst. Zu früheren Biennale-Kuratoren hat man ja auch nicht gesagt, dass da so wenig Frauen dabei sind. Mir geht es nicht darum, Männer zu irritieren.
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