Quartalszahlen: Commerzbank fährt Russland-Geschäft zurück – will es aber nicht ganz aufgeben
Wegen Russlandrisiken musste das Institut deutlich mehr Geld für mögliche Rückschläge zurücklegen als ein Jahr zuvor.
Foto: dpaFrankfurt. Die Commerzbank fährt ihr Geschäft in Russland wegen des Angriffs auf die Ukraine zurück. Seit Kriegsbeginn Mitte Februar sei das Engagement gegenüber Russland bereits um 36 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro gesunken, sagte Vorstandschef Manfred Knof am Donnerstag. Dieser Abbau werde weitergehen.
Deutschlands zweitgrößte Privatbank hat das Neugeschäft mit Russland eingestellt, will deutsche und internationale Bestandskunden aber weiter betreuen. „So lange die deutschen Kunden dort weiter Geschäft machen, machen wir das weiter“, betonte Knof. Ein vollständiger Rückzug aus Russland oder ein Verkauf der Tochter Commerzbank Eurasija sei nicht geplant.
Aktuell arbeiten für die Commerzbank in Moskau 105 Mitarbeiter. Die Tochter verfügt über rund 300 Millionen Euro Eigenkapital, das die Commerzbank im Fall einer Enteignung abschreiben müsste. Zudem hält die Tochter Rubel-Bestände von rund 300 Millionen Euro bei der russischen Zentralbank und Clearingstelle.
In den vergangenen drei Monaten fuhr das Geldhaus das Geschäft mit russischen Banken besonders stark herunter. Hier sank das Engagement von 528 auf 78 Millionen Euro. Beim verbliebenen Geschäft handelt es sich um Kredite an Unternehmen (580 Millionen Euro), Staatsanleihen (137 Millionen Euro) und Vorfinanzierungen von Exporten (396 Millionen Euro). Der Großteil dieser Geschäfte habe eine Laufzeit von weniger als einem Jahr und sei gut abgeschirmt, sagte Knof.
Wegen der Folgen des Ukrainekriegs legte die Commerzbank im ersten Quartal deutlich mehr Geld für drohende Kreditausfälle zurück. Da sie parallel ihre Erträge ausbaute und ihre Kosten senkte, hat sich der Gewinn im ersten Quartal jedoch mehr als verdoppelt auf 298 Millionen Euro.
Die Commerzbank schnitt damit noch etwas besser ab, als sie es bei der Vorlage vorläufiger Zahlen Ende April verkündet hatte. Damals hatte das Geldhaus von einem Überschuss von 284 Millionen Euro gesprochen. Grund für die Abweichung ist, dass die Bank nun mit etwas geringeren Steuerzahlungen rechnet als vor gut zwei Wochen.
Knof will auf Zinsenwende „schnell reagieren“
Für das Gesamtjahr erwartet Knof einen Gewinn von mehr als einer Milliarde Euro. Diese Prognose basiert allerdings auf der Annahme, dass sich das Wirtschaftswachstum wegen des Ukrainekriegs verlangsamt, es jedoch nicht zu einem Gaslieferstopp und einer Rezession in Deutschland und Europa kommt. „Wenn wir tatsächlich in eine Rezession stürzen würden, dann müssten nicht nur wir, sondern alle anderen auch ihre Zahlen neu berechnen“, betonte Knof.
Die Commerzbank hat ihre Risikovorsorge wegen des Ukrainekriegs bereits im ersten Quartal mehr als verdreifacht auf 464 Millionen Euro. Dafür verantwortlich sei unter anderem eine pauschale Vorsorge von 334 Millionen Euro für das direkte Engagement in Russland, erklärte das Institut. „Zudem kam es bei verschiedenen Kunden zu Bonitätsverschlechterungen.“ Eine pauschale Risikovorsorge, die das Institut wegen den Folgen der Coronakrise gebildet hatte, löste die Bank dagegen teilweise wieder auf.
„Wir haben die bisher absehbaren Belastungen infolge des Russland-Ukraine-Kriegs mehr als auffangen können“, sagte Finanzchefin Bettina Orlopp. „Das zeigt, wie robust und widerstandsfähig unser Kundengeschäft in diesen herausfordernden Zeiten ist.“
Zu den steigenden Erträgen trug unter anderem die polnische Tochter M-Bank bei, die ihren Zinsüberschuss dank Leitzinserhöhungen in Polen um 86 Prozent ausbaute. So konnte sie eine zusätzliche Risikovorsorge von 41 Millionen Euro wegen des Streits um den Umgang mit Franken-Krediten gut verkraften.
Bei der Commerzbank sorgten die rege Kreditvergabe – unter anderem zum Bau und Kauf von Immobilien – sowie die Ausweitung von Verwahrentgelten für hohe Einlagen für steigende Erträge. Im Privatkundengeschäft verlangt das Institut inzwischen auf Einlagen in Höhe von 22 Milliarden Euro ein Verwahrentgelt.
Wenn die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen bald wie erwartet anhebt, will die Commerzbank die Negativzinsen für ihre Kunden umgehend streichen. „Wenn die EZB reagiert, dann können und werden auch wir schnell reagieren“, sagte Knof. Im Gegensatz zum Konkurrenten ING, der den Wegfall fast aller Verwahrentgelte für den 1. Juli bereits fest angekündigt hat, will Knof die Zinsentscheidungen der Notenbank jedoch zunächst abwarten.
Bekenntnis zu erster Dividende seit 2018
In der Privatkundensparte kletterte das operative Ergebnis – vor allem dank des Rückenwinds durch die M-Bank – im ersten Quartal um gut 60 Prozent auf 403 Millionen Euro. Die Kundenzahl in Deutschland sank jedoch um 67.000. Die Kundenverluste sind damit allerdings weiterhin geringer, als es die Bank wegen der Streichung von 340 Filialen ursprünglich erwartet hatte.
Die Firmenkundensparte baute ihre Erträge zwar um zwölf Prozent aus. Wegen der deutlich gestiegenen Risikovorsorge infolge des Ukrainekriegs rutschte die Sparte jedoch in die roten Zahlen und schrieb einen operativen Verlust von sieben Millionen Euro.
Vorstandschef Knof stellt sich wegen des Kriegs, gestörter Lieferketten und der hohen Inflation auf eine steigende Zahl von Firmenpleiten in Deutschland ein. Dennoch ist er fest entschlossen, für das laufende Geschäftsjahr erstmals seit 2018 wieder eine Dividende zu zahlen. „Unsere starke Kapitalbasis gibt uns dafür den notwendigen Spielraum.“
Ende März sank die harte Kernkapitalquote zwar minimal auf 13,5 Prozent. Sie liegt damit jedoch immer noch deutlich über der von der Bankenaufsicht vorgeschriebenen Mindestanforderung von 9,4 Prozent.
Knof steht seit Anfang vergangenen Jahres an der Spitze der Commerzbank und hat dem Institut einen harten Sparkurs verordnet. Bis 2024 will er 10.000 Vollzeitstellen streichen und eine Eigenkapitalrendite (RoTE) von mehr als sieben Prozent erreichen. Von diesem Ziel ist die Bank aktuell noch weit entfernt. Im ersten Quartal lag die Eigenkapitalrentabilität gerade mal bei vier Prozent.