Kolumne: Russische Impressionen: Die Russen sehnen sich nach dem Sowjet-Imperium
Der russische Journalist schreibt für das Handelsblatt wöchentlich die Kolumne „Russische Impressionen“.
Foto: Klawe RzezcyWer ist schuld daran, dass dieser Krieg mitten in Europa seit zweieinhalb Monaten nicht aufhört? In seiner Grundsatzrede vor dem Einmarsch in die Ukraine machte der Hobbyhistoriker und russische Präsident Wladimir Putin die Kommunisten und persönlich den Revolutionsführer Wladimir Lenin für die Tragödie verantwortlich. Dieser habe Anfang der 1920er-Jahre die Umwandlung des ehemaligen Russischen Reichs in eine Konföderation ermöglicht.
Damit sei die gefährliche Tür zur Gründung des ukrainischen Staats geöffnet worden: „Nach der Revolution bestand die Hauptaufgabe der Bolschewiken darin, um jeden Preis an der Macht zu bleiben“, erläuterte Putin seine Version der Vorgeschichte des Konflikts. Für dieses Ziel seien die Bolschewiken sogar bereit gewesen, alle Forderungen der ukrainischen Nationalisten zu erfüllen.
Mit geopolitischen Entscheidungen, die vor hundert Jahren getroffen wurden, den Tod Tausender Menschen legitimieren? Putins verbrecherische Geschichtsinterpretation war am Anfang zumindest an sich auf eine absurde Art logisch. Der weitere Verlauf der Ereignisse in den besetzten Teilen der Ukraine steht mit dieser aber nicht im Einklang.
Sobald Putins Armee durch Zerstörungen und Blutvergießen das angeblich wegen Lenin entstandene Missverständnis in der Südukraine beseitigte, stellten die Besatzer in der Stadt von Henitschesk ein von Ukrainern im Jahr 2015 abmontiertes Denkmal für den Führer des Weltproletariats wieder auf. An Verwaltungsgebäuden in vielen eroberten Städten hängten sie neben der russischen weiß-blau-roten Fahne die rote, die an die siegesreiche Sowjetepoche erinnern soll.
Auch das bereits vor acht Jahren eingeführte Wappen eines der zwei russischen Marionettenstaaten im Donbass – das der Lugansker Volksrepublik – sah gar wie eine Parodie auf das Wappen der UdSSR aus. Der fünfzackige Stern ist von Sonnenstrahlen und Ähren mit Bändern in den Farben der Fahne von „Luganda“ umgeben, in Russland und der Ukraine der Spitzname der abtrünnigen Republik.
Das fröhliche Lied aus Stalins Zeit
Es ist die Sehnsucht nach der sowjetischen Vergangenheit, die von der Gesellschaft geteilt und von der Regierung ausgenutzt wird. Als Putin am 9. Mai, dem Tag des Sieges, von der Rückgabe „historischer Gebiete“ in Bezug auf den Donbass redete, griff ein Zuschauer der feierlichen Militärparade seine Idee vor den Fernsehkameras auf.
Die russischen Separatisten in der Ukraine berufen sich auf ehemalige sowjetische Grenzen.
Foto: APEs seien „unsere historischen Gebiete, die die Sowjetunion infolge des Zweiten Weltkriegs unter Kontrolle gebracht hat!“, erklärte er. Was er konkret damit meinte, die Westukraine, die baltischen Staaten oder weite Teile Mitteleuropas, sagte er nicht.
Viele von diesen begeisterten Bürgern erinnern sich bestenfalls aus Kindertagen an die Sowjetunion. Doch fast jeder von ihnen kennt das fröhliche Lied aus Stalins Zeit:
„Vom Amur bis fern zum Donaustrande,
von der Taiga bis zum Kaukasus
schreitet frei der Mensch im weiten Lande,
ward das Leben Wohlstand und Genuss.“
In den bettelarmen Jahren 1990 und 1991 ging bis zu einer halben Million Menschen auf die Straßen im Zentrum Moskaus und forderte die schnellstmögliche Auflösung der Sowjetunion. Die Proteste sind erst 30 Jahre her. Wo sind diese Leute jetzt?
Der Politiker und Menschenrechtsaktivist Lew Ponomarjow, der damals diese Kundgebungen organisierte, musste dieser Tage aus Russland fliehen. Seine jüngsten Aufrufe, zu Antikriegsdemos zu gehen, haben zu nichts als einem Strafverfahren gegen ihn geführt.
Unter Putin ist der Wohlstand gekommen, doch was dann?
Die Sehnsucht nach einem Sowjetimperium sei nie verschwunden, gab Ponomarjow jüngst zu. So wie viele Ostdeutsche aus der zerfallenen DDR nicht für die Freiheit, sondern für Marlboro und Bananen in die BRD fuhren, so sammelte sich in den letzten Jahren der UdSSR die Mehrheit der Demonstranten nicht für Demokratie oder Menschenrechte, sondern für Wurst und Jeans. Wie wunderbar wäre es, träumten viele Russen damals, wenn sich der westliche Wohlstand mit der ihnen bekannten Planwirtschaft, kostenlosen Wohnungen und der staatlichen Vormundschaft in allen Lebensbereichen verbinden ließe.
Unter Putin ist dieser Wohlstand – dank steigender Öl- und Gaspreise – endlich angekommen. Die einen begnügten sich mit Villen und Sportwagen, die anderen mit gefüllten Kühlschränken und Zara-T-Shirts. Das Land war also endlich satt. Doch mit der Sättigung kam bei vielen ein diffuses Gefühl der Ziellosigkeit. Die wichtigsten Fragen bei den Russen in den Nullerjahren: „Was ist unsere nationale Idee? Wohin gehen wir?“
Klare Ziele für die Zukunft zu setzen wäre vielleicht einfacher gewesen, hätte sich der neue Staat rechtzeitig mit seiner Geschichte auseinandergesetzt. Mit der Auswanderung der Intellektuellen in den 1920er-Jahren. Mit dem Tod vieler verbliebenen im Gulag. Mit der zerstörten Bauernschaft als Preis für die rasche Industrialisierung. Mit der Vertreibung Andersdenkender oder deren Zwangsunterbringung in psychiatrischen Anstalten – bis in die 80er-Jahre.
18 Millionen sowjetischer Bürger waren kurz vor dem Zerfall der UdSSR Mitglieder der Kommunistischen Partei. Trotzdem wagte der neu gewählte russische Präsident Boris Jelzin, die Partei mithilfe des Verfassungsgerichtes aufzulösen und zu verbieten. Auch über eine Entfernung ehemaliger Parteifunktionäre sowie KGB-Leute aus dem Staatdienst wurde damals öffentlich diskutiert.
Hinter Putins Liebe zur UdSSR versteckte sich keine Ideologie
Bereits Mitte der 1990er-Jahre bestand die einzige Aufgabe von Jelzins Team darin, die Rückkehr der Kommunisten an die Macht zu verhindern. Die Wiederwahl des Präsidenten 1996 war knapp.
Von nun an versuchte die Regierung nicht mehr, mit der kommunistischen Vergangenheit abzurechnen. Im Gegenteil, die UdSSR-Nostalgie ist zu einem Betäubungsmittel für einen immer noch schwachen Staat geworden. Fernsehshows mit alten Liedern, naive und schöne sowjetische Filme und der Mythos über die damals angeblich weltbeste Industrie und Bildung.
So entstand ein vages Bild eines Landes, in dem die Sonne immer schien, wo die offizielle Wochenschau vermeintlich wahres Leben darstellte, wo niemand in unzähligen Baracken und Wohngemeinschaften ein elendes Dasein fristete, sondern Freundschaften schloss und sich gegenseitig unterstützte. Gleichzeitig war es auch ein Bild eines von Verrätern zerstörten Landes. Denn wie sonst konnte so eine Großmacht verschwinden?
Putin hielt an diesen Klischees fest – aber nicht weil er unbedingt an diese glaubte. Bereits zu Beginn seiner Regierungszeit brachte er die sowjetische Hymne zurück. Den Zusammenbruch der UdSSR erklärte er zur größten geopolitischen Katastrophe der Welt.
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Hinter Putins Liebe zur UdSSR versteckte sich dabei keine Ideologie. Es ging allein um die Bedürfnisse der Wähler, um Populismus und um Stabilität – das Wort, das der Präsident am häufigsten wiederholte.
Wie zu den frühen Sowjetzeiten
Als diese Stabilität beziehungsweise Untätigkeit das Land in eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Stagnation führte, entschied sich Putin – wie etliche seine Mitstreiter erzählen – , auf irgendeine Weise doch mit Ruhm in die Geschichtsbücher einzugehen. Die Bereicherung seiner Jugendfreunde, die Paläste, Jachten und Offshore-Milliarden hätten ihm schließlich kaum dazu verholfen.
Nach einem Ende dieser Politik sehnten sich auch die Bürger. Weder die enormen Ölgewinne noch der bei den jüngeren Russen entstandene Unternehmensgeist brachte dem Land Zuversicht. Sie sehnten sich nach einer Vision wie zu den frühen Sowjetzeiten.
Bei öffentlichen Auftritten beruft sich der russische Präsident oft auf alte sowjetische Erfolge.
Foto: APMit Putins Rückkehr als Präsident im Jahr 2012 wurde die Parole einer „russischen Welt“ von Randgesprächen der Verschwörungstheoretiker zur offiziellen nationalistischen Tagesordnung. 2014 annektierte Russland die Krim, und der Kreml sendete eine klare Botschaft: „Schauen Sie nur, liebe Mitbürger, was wir tun können, wenn wir wollen.“ 2022 begann der Angriffskrieg in der Ukraine. Schuld daran ist – es ist in dem Sinne tatsächlich schwer, mit Putin darüber zu streiten – die schlecht gelernte sowjetische Geschichte.
Hätten wir uns mit dieser Geschichte auseinandergesetzt, wären wir zwar zu unbequemen, doch zu offensichtlichen Schlussfolgerungen gekommen. Wie, dass der Mensch nicht um des Staates willen da ist, sondern der Staat um des Menschen willen. Dass es nicht um historische Gebiete aus dem Mittelalter, sondern um eine zukunftsorientierte Wirtschaft geht. Dass nicht militärische Sonderoperationen, sondern bezahlbare Operationen für Tausende Kinder in Not zählen.
Es braucht keinen Krieg, sondern Frieden. In welche bodenlose Vergangenheit sind wir gefallen, dass sich diese Banalitäten auf Russisch heute wie Offenbarungen anhören?
Der russische Journalist Konstantin Goldenzweig schreibt für das Handelsblatt wöchentlich die Kolumne „Russische Impressionen“. Der 39-Jährige war von 2010 bis 2020 für verschiedene russische TV-Sender Korrespondent in Deutschland. Noch vor Kurzem arbeitete er bei Doschd, dem letzten unabhängigen russischen TV-Sender, bis dieser den Betrieb einstellen musste. Im März 2022 floh er aus Moskau, um aus Georgien weiterzuarbeiten – wie viele seiner russischen Kollegen auch.