Kommentar: Der Auto-Chef der Zukunft ist Programmierer
In Autokonzernen geben vor allem Betriebswirte und Maschinenbauer ohne Programmierkenntnisse den Ton an.
Foto: action pressJahrzehntelang hatten die Vorstände deutscher Autokonzerne das Thema Autosoftware gemieden. Es galt als Zeitverschwendung, sich damit intensiv zu beschäftigen. Der so detailversessene ehemalige Volkswagen-Chef Martin Winterkorn interessierte sich auf der IAA 2011 zum Beispiel mehr für scheppernde Hebel bei der Lenkradeinstellung als für die Software eines Golfs.
In den Vorstandsetagen hat diese Managergeneration häufig noch immer das Sagen. Nur: Die Welt um sie herum hat sich verändert. In Zukunft werden nur noch jene Autokonzerne erfolgreich sein, die Menschen an der Spitze haben, die sich mit der Softwareentwicklung wirklich auskennen.
Genau daran mangelt es in Wolfsburg. Das Zerwürfnis im Vorstand von Europas größtem Autobauer ist ein Symptom dieses Defizits. VW-Chef Herbert Diess und die anderen Vorstände, Audi-Chef Markus Duesmann und Porsche-Chef Oliver Blume, wissen, wie man Autos baut. Die komplexe Entwicklung von Softwarecode und die langfristigen Folgen getroffener Entscheidungen bei der Hardwareausstattung eines Fahrzeugs kennen sie jedoch offenbar nicht.
Volkswagen ist dabei kein Sonderfall. Auch bei BMW und Mercedes findet sich im Vorstand kein einziger studierter Softwareexperte. Den Ton geben nicht Informatiker, sondern Betriebswirte und Maschinenbauer an.
Nirgendwo allerdings ist das Durcheinander so groß wie bei VW. Die Softwareentwicklung verzögert sich, neue Modelle von Porsche und Audi kommen deutlich später auf den Markt als versprochen. Die Autobosse des Konzerns versuchen in ihrer Verzweiflung, die Probleme mit Ansätzen zu lösen, die sie aus der alten mechanischen Autowelt kennen – und verschlimmern sie dadurch nur noch.
Die Softwareeinheit Cariad kauft wild Unternehmen zu, um die Anzahl der Programmierer zu erhöhen. Audi und Porsche wiederum schustern sich eine eigene Softwarelösung zusammen. Statt agile und schlanke Strukturen nach dem Vorbild erfolgreicher Softwarekonzerne aufzubauen, entstehen bei VW auf diese Weise teure und personalintensive Doppelstrukturen.
Die Autochefs bei Volkswagen scheinen mit der sperrigen Materie der Bits und Bytes überfordert zu sein. Eines ist aber sicher: Die Software im Auto wird in Zukunft nicht einfacher, sie wird komplexer und noch mehr Raum bei der Entwicklung eines Fahrzeugs einnehmen. Dieser Raum muss sich auch im Vorstand bemerkbar machen. Der Autochef der Zukunft ist daher kein Maschinenbauer, sondern Programmierer.