Ausstellung in Düsseldorf: Kunst im Modesalon: Coronagefühle auf die Fahne gemalt
Die acht Meter lange Papierarbeit ist eine Art Tagebuch des ersten Coronajahres 2020 (Detail).
Foto: Christian SteinmetzDüsseldorf. Offrooms bezeichnen in der Kunstszene Räume für zeitgenössische, oft experimentelle Kunst, jenseits von klassischen Verkaufsgalerien und Museen. Düsseldorf ist zwar eine Stadt der Kunst mit Akademie und einigen Galerien, vor allem aber Lebensraum von zahlreichen Künstlerinnen und Künstler. Überraschende Entdeckungen können auch versierte Galerieflaneure dort machen.
Zu den besten Offrooms der Stadt zählt der Laden von Tina Miyake in der Ackerstraße 39. Die Designerin für unkonventionelle Strickmode verbindet hier ihre unikaten Jacken und Kleider aus Merinowolle oder Seide mit Zitaten aus Vintage-Kimonos. Seit vielen Jahren öffnet Miyake ihren Showroom für Kunstausstellungen. Den Auftakt einer Folge von drei Künstlerinnen mit dem Obertitel „Dreiklang“ macht Nicole Morello (13.8. bis 8.10.).
Die aus Paris stammende Wahldüsseldorferin hat sich einen Namen gemacht mit handgemachten Künstlerbüchern und Arbeiten auf Papier. Letztere können bei ihr durchaus auch mal das Format von Fahnen annehmen. Eine gerollte Papierbahn ist auch „Rotulus“, das zentrale Werk der Ausstellung. Es misst acht Meter mal 90 Zentimeter. Begonnen noch im Jahr 2019 ist „Rotulus“ eine Art Tagebuch des ersten Coronajahres 2020 in abstrakter Bildsprache.
Auf hellem Grund fügen sich jene polygonalen Formen mal lockerer mal dichter zusammen, mit denen die Künstlerin stets arbeitet. Diese Formen finden sich auch in ihren beliebten „Schmetterlingskästen“. Da kragen die farbigen Zeichen und Zacken senkrecht aus dem Grund des Kastens, wie aufgespießte Flügel von Insekten. Sie verlangen den aufmerksamen Blick des Betrachters, der ihre Botschaft ohne Worte entziffern will.
Ein neues Exemplar, ein „Codex“, wird ebenso in die Ausstellung integriert wie der Leporello. Auf dessen Ziehharmonika artiger Papierfläche landen Formen und Farben, die jeder für sich entziffern muss.
Im „Rotulus“ sind diese Chiffren nicht dreidimensional objekthaft, sondern gezeichnet. Nach etwa einem Meter wechselt spürbar die Stimmung der Zeichnerin. Kolorit, Komposition und Auftrag der erstmals verwendeten Buntstifte verändern sich. Lockdown und Isolierung werden so indirekt hinter den Bruchkanten ahnbar.
An anderer Stelle der sich im ganzen Raum abwickelnden Rolle explodieren die Farben geradezu. Das war eine Zeit, in der die Künstlerin dank der Lockerung der Corona-Restriktionen das Meer und die Nähe zur Kernfamilie auf einem Segelboot genießen konnte.
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